Vom Papagei gebissen: Jannina Corbeck ist Tierpflegerin in der Animal Lounge von Lufthansa Cargo
An diesem Lufthansa-Arbeitsplatz geht es höchst ungewöhnlich zu. Die Passagiere, die hier bedient werden, tragen Fell, haben Flügel oder Flossen. Es wird gebellt, gewiehert und gezwitschert. Und mittendrin erledigt Jannina Corbeck ihre Arbeit. Sie ist Tierpflegerin in der neuen Animal Lounge der Lufthansa Cargo AG.
Die 26-Jährige kümmert sich im Frachtbereich des Frankfurter Flughafens um Tiere, die vor dem Verladen oder nach einem Flug einen Zwischenstopp einlegen müssen. Manche bleiben für Stunden, andere über Nacht. „Jeder Tag ist spannend“, sagt Jannina Corbeck, „weil man nie weiß, was einen erwartet. Das ist jedes Mal wie ein Überraschungspaket.“ Nur eines weiß sie sicher: Es ist jeden Tag tierisch was los.
Das 2008 eingeweihte Competence Center Animals mit einer Fläche von 3 750 Quadratmetern ist die weltweit modernste Airport-Tierstation. Alle für Transporte zuständigen Abteilungen sind in der neuen Einrichtung direkt nebeneinander untergebracht – von der Tiermedizin bis zur Pflege. Die Fluggäste auf zwei und mehr Beinen – strikt getrennt nach Ausreise, Einreise und Transit – finden in dieser speziellen Lounge einen Service und eine Ausstattung wie in der First Class: 42 Großtierställe, 29 Kleintierboxen, 12 Klimakammern und spezielle Vogelvolieren wurden eingerichtet.
Flexible Ställe mit Sicht- und Schallschutz sorgen für Ruhe. Es geht dabei immer artgerecht und hygienisch zu, streng nach den Richtlinien des Washingtoner Artenschutzabkommens und des internationalen Flugverbandes IATA. Auch auf Sicherheit wird viel Wert gelegt, alle Räume sind von Kameras überwacht. Jannina Corbeck arbeitet seit der Eröffnung im vergangenen Februar in der Animal Lounge und fühlt sich pudelwohl. Die in Weiterstadt lebende Lufthanseatin hat ihren Beruf im Bereich Zootierpflege in Krefeld gelernt und wechselte wegen der neuen Stelle nach Hessen.
Mit dem Umzug hat sich auch ihr beruflicher Alltag verändert. „Man kann anders als im Zoo nur schwer eine Beziehung zu den Tieren aufbauen, weil die Tiere ja nur kurz bei uns sind, aber dafür ist es sehr interessant und man kommt hier teilweise sogar näher an die Tiere ran“, sagt die junge Frau. Vor allem Hunde haben es ihr angetan. Das ist ein Vorteil, denn Hunde und Katzen sind die Tiere, die sich in der Tierstation der Cargo am häufigsten aufhalten. Rund 14 000 Haustiere fliegen jährlich mit der Lufthansa. „Mit den Hunden ist es manchmal ganz schön schwierig“, gesteht Jannina Corbeck, „es gibt welche, die gleich mit dem Schwanz wedeln, wenn man sie anspricht, andere sind zurückhaltender und schnuppern erst, wieder andere sind ganz ängstlich.
Man weiß selten gleich, woran man ist. Die ängstlichen Hunde sind aber die schwierigsten, da geht man sehr vorsichtig ran.“ Obacht heißt es besonders dann, wenn ein Hund gleich beim Kennenlernen die Zähne fletscht. Dann wird auch das Füttern kein Spaß. Als Geheimtipp für Hunde habe sich allerdings Katzenfutter entpuppt, verrät die Tier-Nanny. Das lehne kaum einer ab. Ein Vorteil sei es immer, wenn man den Namen des Tieres kennt, oder auf einem vom Besitzer beigefügten Zettel ein paar Hinweise vermerkt sind. Ob Haustier, Koalabär, Antilope oder Nashorn – die Pfleger in der neuen Lufthansa Animal Lounge nehmen es mit fast jedem Lebewesen auf.
Nur selten kommt es vor, dass ein Tier sich partout nicht verladen lässt oder wegen fehlender Papiere oder Impfungen nicht reisen darf. Letztlich geht es bei allen Tieren darum, ihnen den Aufenthalt so stressfrei und angenehm wie möglich zu machen. Dazu gehört es auch, mit Hunden raus zu gehen, wenn sie ihr „Geschäft“ nicht in einer Box machen wollen. Denn für die Tiere ist die Reise und die damit verbundenen Umstände ungewohnt. Es wird auch nicht einfacher durch die Tatsache, dass Frauchen oder Herrchen bei diesen Frachttransporten anders als bei Tieren in Passagierflugzeugen selten dabei sind.
Vor allem Pferde haben bei Lufthansa Cargo jedoch regelmäßig Begleiter, weil die Tiere hochsensibel und meist sehr kostbar sind. Mehr als 1 400 Pferde fliegen pro Jahr mit Lufthansa, Jannina Corbeck und ihre Kollegen greifen bei diesen Passagieren dann nur unterstützend ein. Zu ernsthaft gefährlichen Situationen ist es für die 26-Jährige im Umgang mit Pferden und anderen Tieren bisher nicht gekommen. „Mich hat zum Beispiel noch nie ein Hund gebissen, aber dafür ein Papagei. Das war sehr unangenehm, und die Narbe habe ich heute noch. Es hieß damals, der sei ganz zahm, aber mich hat er gleich angegriffen. Was wir nicht wussten, aber später erfuhren: Der Papagei mochte nur Männer und keine Frauen.“ Übrigens gehen Papageien nicht selten als Passagiere in die Luft, weiß Jannina zu berichten.
Ohnehin kommen viele Vögel, dazu mehrere tausend Tonnen Zierfische pro Jahr in die Lounge. Selbst Raritäten wie Weisbauchigel, Akazienmäuse oder Streifenhörnchen werden als Haustier eingeflogen. Lufthansa Cargo, die auf 30 Jahre Erfahrung bei Tiertransporten zurückblickt und mit dem Frankfurter Center längst auch auf diesem Gebiet als Drehscheibe im internationalen Tiertransport gilt, nimmt allerdings nicht jedes Tier mit an Bord. Die deutsche Frachtfluggesellschaft hat sich selbst auferlegt, keine Versuchstiere zu fliegen und verzichtet zudem auf den Transport etwa von Delfinen oder Haien sowie in freier Wildbahn gefangener Tiere. Je nach Art und Gattung werden die Tiere in speziellen Käfigen oder Boxen transportiert.
„Da gibt es große Unterschiede“, weiß die Tierpflegerin und nennt Beispiele: Nager können nicht in eine Holzkiste, die würde von ihnen zerstört. Ein Seelöwe darf nicht in einen dichten Käfig, das wäre zu warm und er würde überhitzen, und Hornträger brauchen Kisten, die oben gepolstert sind. Wenn sie so erzählt, nimmt man Jannina Corbeck sofort ab, dass der Beruf ihr Spaß macht. Trotz mancher Nachtschicht, trotz manch stressigen Tages. „Hin und wieder kann es sehr anstrengend sein, aber wenn mich in solchen Phasen ein Hund ansieht, sich freut und wedelt, dann ist sofort alles wieder vergessen.“ Das bisher schönste und aufregendste Erlebnis hatte die Tierpflegerin aber mit einem Rudel Wölfe.
„Es war faszinierend, diese Tiere zu erleben. Die hatten natürlich auch einen menschlichen Begleiter dabei, aber es war allein schon spannend zu sehen, wie sie diesen Rudelführer akzeptiert haben. Solche Tiere zu beobachten, ganz aus der Nähe, das kannte ich selbst vom Zoo nicht.“
(Quelle, Foto: Lufthansa, August 2009)


