Hochschule für Life Sciences: Gestern – Heute - Morgen
Seit ihrem Start im Herbst 2006 hat die Hochschule für Life Sciences HLS der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW alle Erwartungen übertroffen. Nach dieser intensiven Phase des Um- und Aufbaus dürfe die HLS nun nicht durch Sparmassnahmen der Kantone ausgebremst werden, sagt Direktorin Gerda Huber im Interview.
Frau Huber, bereits zum dritten Mal haben diesen Herbst die neuen dreijährigen Bachelor-Studiengänge „Life Science Technologies“ und „Molecular Life Science“ an der Hochschule für Life Sciences HLS begonnen. Sind Sie zufrieden?
Die Bilanz ist sehr positiv. Wir haben alle Erwartungen übertroffen und befinden uns im optimalen Szenario. Wir können stolz sein auf diese Studierendenzahl. Bereits im Herbst 2006 starteten wir die neuen Bachelor-Studiengänge mit 130 Studierenden. Diesen Herbst erreichten wir mit 160 Studierenden bereits die obere Grenze. Gegenüber jeweils rund 30 im Studiengang Chemie in den früheren Jahren der FHBB ist dies eine beachtliche Leistung.
Bisherige Lehrgänge sind mit dem Start der Bachelor-Programme ausgelaufen. Wie verlief die Übergangsphase?
Es war eine Herausforderung, dass in der Anfangsphase noch mehrere Studiengänge parallel verliefen. Auch mussten viele Prozesse innerhalb der FHNW neu definiert werden, was sehr aufwändig war. Der Aufbau der neuen HLS musste sehr schnell vorangetrieben werden. Nun haben wir dank dem intensiven Um- und Aufbau vieles erreicht. Wichtig ist, dass nun etwas Ruhe ins System einkehrt, damit konsolidiert und verfeinert werden kann.
Nach wie vor läuft aber der Aufbau der neuen Institute für Medizinal- und Analysetechnologie sowie für Pharma Technologie.
Der Aufbau verläuft gut! Wir sind aber nach wie vor am Rekrutieren neuer Dozierender und Assistierender. In gewissen Fachbereichen ist es zur Zeit äusserst schwierig, geeignete Fachleute zu finden. Die Nachfrage der Life-Sciences-Branche nach qualifiziertem Personal ist gross, und es herrscht Fachkräftemangel.
Die Abgängerinnen und Abgänger der neuen Bachelor-Studiengänge kommen erst 2009 auf den Arbeitsmarkt. Haben Sie trotzdem schon Rückmeldungen aus der Industrie?
Die ersten Abgängerinnen und Abgänger der neuen Bachelor-Studiengänge schliessen zwar erst im nächsten Herbst ab, waren aber im Rahmen von Studierendenprojekten teilweise bereits in der Industrie tätig. Rückmeldungen erhalten wir zudem von Personen aus der Industrie, welche bei uns Lehraufträge haben, von den Vertretern des Fachbeirates sowie des Fachochschulrates. Wir spüren grosses Interesse an den Studierenden unserer Fachgebiete und sehen uns darin sehr bestätigt, auf dem richtigen Weg zu sein.
Konnten Sie mit den Studiengängen auch ausländische Studierende anziehen?
Ja, bereits 2006 kamen 15 Prozent, 2008 gar schon 30 Prozent der Studierenden aus Deutschland. Mittelfristig wollen wir die Internationalität erhöhen und vermehrt auch Studierende aus anderen geographischen Regionen anziehen. Bereits stehen Verträge, welche den Studierendenaustausch mit ausländischen Universitäten ermöglichen.
Der Praxisbezug wird an der HLS gross geschrieben. Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Industrie?
Im Bereich der Forschung ist die Zusammenarbeit mit der Industrie sehr gut. Im Bereich der Studierendenprojekte und Diplomarbeiten wünschen wir uns noch mehr Projekte von Seiten der Industrie. Zur Zeit laufen bereits über 40 Projekte, in denen sich die Studierenden mit praxisrelevanten Problemstellungen auseinandersetzen.
Life Sciences
Als «Life Sciences» bezeichnet man jene Wissenschaften, die sich mit der Anwendung der modernen Biologie, der Chemie, der Humanmedizin sowie der dazugehörenden technischen Gebiete befasst. Life-Sciences-Spezialisten entwickeln beispielsweise neue diagnostische Methoden und helfen mit, Medikamente sowie medizinaltechnische Produkte herzustellen und einzuführen. Die umweltgerechte Herstellung solcher Produkte ist ein weiterer Schwerpunkt. Als Fachleute engagieren sie sich für die Umwelt, erforschen die Grenzen unseres Seins und dringen ein in geheimnisvolle Welten und Techniken von morgen. Etwa die Nanotechnologie, die Biotechnologie oder die Neuroelektronik.Der neue Master-Studiengang in Life Sciences sollte bereits im Herbst 2008 starten. Weshalb ist er nun erst für 2009 vorgesehen?
Wir haben die definitive Zusage für den Master-Studiengang vom Bund erst im April 2008 erhalten. Doch die Zeit bis zur Anmeldefrist Ende Juni war zu kurz, um genügend zu informieren. Der Start des Master-Studienganges wurde deshalb von allen vier beteiligten Fachhochschulen auf Herbst 2009 verschoben.
Der Bachelor soll auf dem Arbeitsmarkt einen hohen Stellenwert erreichen. Braucht es überhaupt einen Master?
Der Bachelor-Studiengang ist ganz klar berufsqualifizierend und löst das bisherige Fachhochschuldiplom ab. Der Master-Studiengang als zweite Stufe der Fachhochschulausbildung soll eine Elite-Ausbildung für das beste Drittel der Absolventinnen und Absolventen sein. Die Masterausbildung ergänzt das Bachelorprofil mit Inhalten, welche auf Funktionen im Management mit Personal- und Budgetverantwortung vorbereiten. Gleichzeitig wird in den Vertiefungen Spezialistenwissen vermittelt und eine bessere Qualifikation für die Forschungstätigkeit erreicht.
Life Sciences
Roland P. Bühlmann, CEO Bühlmann Laboratories und Mitglied der Kommission Life Sciences der Handelskammer beider Basel:
„Als Unternehmen, das in der Entwicklung und Herstellung von medizinischen Diagnostika tätig ist, arbeitet Bühlmann Laboratories in mehreren Forschungs- und Entwicklungsprojekten mit der Hochschule für Life Sciences FHNW zusammen. Diese Projekte sind für uns als KMU von grossem Nutzen, da sie äusserst anwendungsorientiert sind. Die Forschungstätigkeit der HLS ist eine wichtige Unterstützung der Life-Sciences-Branche in der Region Basel. Denn während sich die Universität Basel auf die Grundlagenforschung konzentriert, wird nur an der Fachhochschule direkte Anwendungsforschung betrieben.
Für den Standort Basel als führendem Life-Sciences-Standort ist es zentral, dass wir sowohl an der Universität Basel als auch an der Fachhochschule den Fokus auf die Life Sciences legen. Als Unternehmer eines Biotechnologieunternehmens weiss ich, dass es in der Branche eine Herausforderung ist, geeignete Fachkräfte zu finden. In den neuen Bachelor-Lehrgängen der HLS werden die Absolventinnen und Absolventen befähigt, selbständig kleinere und auch umfangreichere Projekte zu betreuen. Solche Mitarbeitende sind von Seiten der Unternehmerschaft sehr gefragt und wurden bisher in der Regel im Ausland rekrutiert. Es ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Region, selbst gut qualifizierte Nachwuchskräfte auszubilden. Ich bin als Unternehmer deshalb sehr an den Absolventinnen und Absolventen der HLS interessiert.“
Frau Huber, wird in Zukunft das Weiterbildungsangebot trotz Master weitergeführt?
Das Weiterbildungsangebot wird auch mit dem Master in Life Sciences weitergeführt. Es besteht aus dem Master of Advanced Studies in Umwelttechnik und –management, den Zertifikatskursen Umwelttechnik und -management sowie dem Master of Advanced Studies in Nano-/Microtechnology. Diese Weiterbildungen richten sich an ein anderes Publikum, nämlich an bereits Berufstätige, welche sich spezifisch weiterbilden wollen.
Die Beschäftigung hat in den letzten Jahren in der Life-Sciences-Branche überdurchschnittlich zugenommen. Mit dem Einbruch der Konjunktur wird sich auch die Lage auf dem Schweizer Arbeitsmarkt verändern. Werden die Abgängerinnen und Abgänger der HLS auch zukünftig als Arbeitskräfte gefragt sein?
Die Arbeitsperspektiven in den Life Sciences werden auch in Zukunft gut bleiben. Die Firmen der Region sind weiterhin auf Expansionskurs. Zudem reagiert die Branche auf Konjunkturtiefs weniger stark als andere Industriezweige. Um erfolgreich zu sein, muss die Life-Sciences-Branche innovativ bleiben und weiterhin umfangreich in Forschung und Entwicklung investieren. Hochqualifzierte Fachkräfte werden somit auch in Zukunft sicherlich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.
Aufgrund ihres rasanten Wachstums und steigender Personalkosten ist die FHNW mit Mehrkosten konfrontiert. Mit dem ausgehandelten Globalbudget der Trägerkantone können diese aber nicht gedeckt werden...
Der FHNW fehlen für die nächste Leistungsperiode 52 Mio. Franken. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen und ich hoffe sehr, dass die Kantonsparlamente der Trägerkantone das Budget noch aufstocken werden. Kurzfristig sind solche Sparübungen vielleicht machbar, doch mittel- bis langfristig leidet darunter die Qualität.
Wo wird die HLS Abstriche machen müssen?
Noch ist nicht geklärt, in welchem Umfang das Loch im Globalbudget die HLS betreffen wird. Doch wäre es ein grosser Fehler, wenn die Verantwortlichen und letzlich die Region im Bereich Life Sciences den Sparhebel ansetzt. Die Life-Sciences-Branche ist die Pulsschlagader unserer Region. Wir legten seit 2006 einen fulminanten Start hin. Heute bilden wir an der HLS über 450 Studenten und Studentinnen aus. Wir haben eine intensive Phase des Um- und Aufbaus hinter uns, und es wäre fatal, wenn wir nun ausgebremst würden. Mit der HLS hat man sich grosse Ziele gesteckt. Um diese zu erreichen, müssen die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen.
Können sie die fehlenden Gelder nicht über Forschungsprojekte beschaffen?
Innerhalb der FHNW hat die HLS im Verhältnis zu ihrer Grösse am meisten Forschungsgelder von Dritten erhalten. Unsere Forschungsausgaben liegen massiv über dem geforderten Fünftel des Masterplans. Seit unserem Start vor zwei Jahren konnten wir fast 200 Forschungsprojekte starten. 50 Projekte haben ein Volumen von über 100'000 Franken. Doch Forschungsgelder holen wir nur herein, wenn wir selbst auch in die Forschung mitinvestieren können. Es wäre deshalb ein grosser Fehler, als Folge des ungenügenden Globalbudgets die Forschungsausgaben zu streichen.
Was wären die Konsequenzen?
Wir wollen als Fachhochschule am Life-Sciences-Standort Basel eine überregionale Ausstrahlung erreichen. Dies setzt voraus, dass wir beispielsweise bei den EU-Forschungsfördertöpfen mithalten können. Als noch sehr junge Fachhochschule haben wir heute dank unseren intensiven Forschungsaktivitäten ein ausgezeichnetes Renommee. Doch wenn unsere Forschungsausgaben sinken, dann steigen wir in eine andere Liga ab. Die Forschungstätigkeit ist enorm wichtig, um die qualifiziertesten Professorinnen und Professoren und die besten Studierenden anzuziehen und zu halten.
Interessante Links
- Hochschule für Life Sciences der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW
- Jobbörsen für Ärzte, Jobbörsen für Biologen, Jobbörsen für Chemiker (Stellenboersen.de)
- Stellenangebote für Ärzte (Aerzte-Stellenboerse.de)
- Wo arbeiten Biologen? (Biologen.eu)
Die Kantone Baselland und Basel-Stadt haben eine gemeinsame Strategie beschlossen, um die Region als Life-Sciences-Standort zu stärken. Was sieht diese Strategie vor?
Die Strategie ist hervorragend. Sie ist ein Bekenntnis der Wirtschaft und der Politik zum Wachstumsmarkt Life Sciences und soll den Standort stärken. Die Kantone haben erkannt, dass für den künftigen wirtschaftlichen Erfolg der Region der Ausbau des Fokus Life Sciences an den regionalen Hochschulen zentral ist. Die Umsetzung der 10 Strategiepunkte würde die Region als Life-Sciences-Standort massiv stärken.
Das Strategiepapier plant auch den Bau eines Life Sciences Campus der FHNW in Muttenz...
Voraussetzung für eine hochstehende Lehre und Forschung sind ausreichend und qualitativ hochstehende Laborplätze und Unterrichtsräume. Diese stehen zur Zeit in den FHNW-Gebäuden in Muttenz nur beschränkt zur Verfügung. Deshalb wird an der HLS zur Zeit an zwei Standorten, an der FHNW in Muttenz sowie in einem Provisorium im Basler Rosental, unterrichtet. Doch mittel- bis langfristig ist diese Lösung nicht ideal. Wenn wir ambitiöse Ziele erreichen wollen, dann brauchen wir nicht nur eine gute, sondern eine sehr gute Infrastruktur.
Interview: Fiona Ballmer


