Wohin führt das Bachelorstudium? - Berufsperspektiven für Bachelorabsolventen
Wie kaum ein anderes Thema erregt der so genannte Bologna-Prozess das Interesse und die Kritik von Studenten, Hochschulen und Arbeitgebern. Derzeit jedoch hinterlässt die für das Wintersemester bevorstehende übergreifende Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge bei den Betroffenen noch mehr als ein Fragezeichen. Welche Perspektiven bietet die Angleichung der akademischen Abschlüsse an internationale Standards den Studenten? Welche Herausforderungen stellen sich den Hochschulen durch die Umstellung der bisherigen Abschlüsse des Magisters, des Diploms und des Examens auf den Bachelor und Master? Mit welchen Qualifikationsunterschieden haben Arbeitgeber bei den zukünftigen Bachelorabsolventen zu rechnen? Und nicht zuletzt die zentrale Frage, welche Formen der Kooperation von Hochschule und Wirtschaft sind nötig, um den Bologna-Prozess zu einem Erfolg zu führen?
Mit dem neu eingeführten Kontaktforum im Rahmen der PraxisBörse 2005 wurde eine Plattform für die Diskussion derartiger Fragen zwischen Hochschulen und Wirtschaft geschaffen. Durch die Initiative des Career Service der Universität Göttingen trafen hier unter dem Titel „Wohin führt das Bachelorstudium? – Berufsperspektiven für Bachelorabsolventen?“ renommierte Persönlichkeiten zu einer Podiumsdiskussion zusammen.

Der nicht unproblematischen Thematik stellte sich zunächst Dr. Christoph Anz, Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände e.V. in Berlin. In seinem Impulsreferat erörterte Anz einleitend, welche Erwartungen durch die neuen Studiengänge künftig auf alle Beteiligten zukommen werden. Für Bachelorstudenten gelte dabei in erster Linie bei kurzer Studiendauer sehr gute Studienleistungen zu erbringen sowie studienbegleitend z.B. durch Auslandsaufenthalte und Praxiserfahrungen, überfachliche Qualifikationen zu erwerben. Im Gegenzug sei es Aufgabe der Hochschulen, den Studenten ebendiese Möglichkeiten von Praxisbezug und überfachlicher Qualifikation zu bieten. Der Wirtschaft kommt innerhalb des Bologna-Prozesses nach Anz insbesondere die Aufgabe zu, in den Personalabteilungen eine höhere Akzeptanz für die neuen Absolventen zu schaffen. Schritte in diese Richtung seien dabei nicht zuletzt die Angleichung von Einstiegsgehältern an die herkömmlichen Abschlüsse sowie die Schaffung expliziter Einstiegsperspektiven für Bachelorabsolventen. Unerlässlich an diese Forderungen gekoppelt sei die Zusammenarbeit und Kooperation zwischen Wirtschaft und Hochschulen, um praxis- und theorieübergreifende Qualifikationen zu gewährleisten.
Die sich an das Impulsreferat anschließende Podiumsdiskussion wurde von Dr. Gudula Kreykenbohm vom Bereich Lehrentwicklung der Universität Göttingen moderiert. Neben Dr. Anz nahmen außerdem Christiane Konegen-Grenier vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System in Hannover sowie als Vertreter der Universität Göttingen Vizepräsident Prof. Dr. Reiner Kree teil.
Als zentrale Veränderung durch den Bologna-Prozess wurde von Kree sowie von Konegen-Grenier zunächst die Verschiebung des Verhältnisses von technischer Fachhochschulausbildung und theoretischer Hochschulausbildung angesprochen. Hier seien Angleichungen zu erwarten, die zu einer praxisorientierteren Hochschulausbildung führen, so wie sie bereits heute an den Fachhochschulen Usus ist. Darüber hinaus sei, so Briedis, mit dem Bachelor zunehmend eine Ausbildung zum Generalisten zu erwarten, die in ihrer Fortsetzung laut Anz nach einem umfassenden Angebot an Weiterbildungsmaßnahmen für bereits berufstätige Bachelorabsolventen verlangt. Hier seien die Universitäten gefordert, die sich durch die Abkehr vom Spezialistentum und durch sich immer schneller wandelnde berufliche Anforderungen in der Pflicht sehen sollten, lebenslanges Lernen zu fördern. Da Hochschulen diesbezüglich bereits heute in Konkurrenz zu externen Anbietern stehen, sprechen ebenso wirtschaftliche Gründe für die Erweiterung der Möglichkeit für Weiterbildungsmaßnahmen an Universitäten. In diesem Zusammenhang betonte Kree als Vertreter der Hochschulen „die Universitäten schlafen nicht“, jedoch befänden sich berufsbegleitende Qualifizierungsmodelle großteils noch in der Vorbereitungsphase.
Eine wesentliche Problematik im Verbund mit den neuen Abschlüssen ist laut Kree der Umstand, dass sich immer weniger Bachelorabsolventen eine kostspielige weiterführende Ausbildung zum Master leisten können. So sei insbesondere bei der Ausbildung zum Generalisten auf die Schaffung von konkurrenzfähigen Profilen zu achten, die die so genannte „Employability“ fördern, d.h. die Arbeitsmarkttauglichkeit der Studenten. Neben der Vermittlung von Fachwissen durch praxisorientiertes Lernen, kommt es zur Stärkung der Employability nach Briedis auf die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen an. Hier sind die Universitäten jedoch an Kapazitätsverordnungen gebunden, die die Bereitstellung eines umfassenden Lehrangebots für die Hochschulen erschweren.
Durch die bisher geringe Akzeptanz des Bachelor bei mittelständischen Unternehmen werde die Arbeitsmarktfähigkeit der neuen Absolventen zusätzlich geschwächt. Broschüren zur Information des Mittelstands wie sie durch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände veröffentlicht werden, versuchen in dieser Hinsicht Aufklärungsarbeit zu leisten. Jedoch werden laut Anz durch die Verbreitung von Fehlinformationen in angesehenen deutschen Zeitungen Missverständnisse geschürt, die schwer auszugleichen seien.
Auch der Bachelorstudent selber sieht sich durch die geringe Akzeptanz des Mittelstandes vor eine Bewährungsprobe gestellt. Eigeninitiative, Motivation und selbstorganisierte Qualifizierung neben dem Studium werden den neuen Studenten vor allem von potentiellen Arbeitgebern abverlangt. Um die Chancen für den eigenen Berufseinstieg zu steigern, sei es laut Anz und Konegen-Grenier beispielsweise absolut notwendig Auslandserfahrungen vorweisen zu können. Da Bachelorstudiengänge in der Regel jedoch in ihren sechs Semestern kein ausdrückliches Auslandssemester vorsehen, ist der Student selbst gefordert.
Trotz aller angesprochenen Hindernisse, die zur erfolgreichen Einführung des Bachelor noch zu überwinden sind und aller offenen Fragen, waren sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion insgesamt einig: Der deutsche Bachelor ist beschlossene Sache und wird bei Kooperation von Wirtschaft und Hochschulen mittelfristig zu einem ernstzunehmenden international vergleichbaren Abschluss avancieren, der den Absolventen, Motivation und Engagement vorausgesetzt, gute Zukunftschancen bietet.
Eliane Kahler


