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Aus dem Tagebuch einer desillusionierten Germanistin

Ich kann es langsam nicht mehr hören, jeden Tag das gleiche: Was studierst du denn? Germanistik. –Pause- Ach dann willst du bestimmt Lehrerin werden? Nein, das will ich nicht. Gut und was kann man dann damit machen? So, oder so ähnlich verlaufen diese Gespräche meist, der Rechtfertigungszwang der auf uns Germanisten lastet, reißt nicht ab. Erscheint es den Einen „mutig“, sich ausschließlich den Interessen zu widmen, den Blick auf den aktuellen Arbeitsmarkt (scheinbar) auszublenden und dieses „brotlose“ Fach trotzdem zu studieren, reagieren die Anderen mit Hohn: Wie kann man nur so naiv sein und denken mit, mit diesem Fach einen Beruf zu finden?

Aus dem Tagebuch einer desillusionierten Germanistin

Doch wie kann sich unser Fach verändern, um seine öffentliche Wahrnehmung zu verbessern? Wie an der aktuellen Diskussion um das CHE-Hochschulranking abzulesen ist (Die Zeit, 6.5.2010), scheint sich gerade in der Germanistik eine Trendwende zu vollziehen. Neben einer größeren Interdisziplinarität, werden neue Fachbereiche entwickelt, die sich verstärkt den Entwicklungen in der Kommunikationstechnologie widmen sollen. Gerade im Bereich der Linguistik ist ein Wandel zu naturwissenschaftlichen Konzepten zu erkennen, die sich an der Neurobiologie und den Kognitionswissenschaften orientieren. Auch an den Literaturwissenschaften sind die veränderten Bedürfnisse des Arbeitsmarkts nicht spurlos vorbei gegangen. So wird eine Veränderung von der nationalliterarisch begründeten Literaturwissenschaft hin zur allgemeinen Literatur- und Medienwissenschaft angekündigt. Einzig die, bereits an einigen Universitäten stiefmütterlich behandelte, Mediävistik wehrt sich mehr oder weniger vehement gegen die Modernisierungswelle. Wenn man den Status der Mediävistik im 19. Jahrhundert betrachtet, ist dies durchaus nachvollziehbar, bildet dieser Teilbereich doch gewissermaßen die Grundlage der Germanistik, welche sich das Ziel gesetzt hatte, die Zeugnisse der deutschen Kultur, insbesondere die des Mittelalters aufzubereiten. Käme es nicht gerade einer Verleumdung des Faches gleich, diese Grundlage zu widerrufen?

Wenn ich mich an meiner Universität umsehe, genießt die Mediävistik ein relativ hohes Ansehen. Sie existiert nach wie vor gleichberechtigt neben der Literaturwissenschaft und der Linguistik. Neben sprachhistorischen Problemstellungen widmet sie sich, laut Fachbeschreibung, auch „kultursemiotischen, narratologischen und medientheoretischen Perspektiven“ und verfolgt somit auch den Trend einer größeren Interdisziplinarität. Wenngleich die gesamte Ausrichtung des Faches auch in Göttingen eine wissenschaftliche ist, bieten sich neben den „traditionellen“ Inhalten an anderer Stelle Möglichkeiten, sich das oft vermisste Praxiswissen anzueignen und sich in aktuellen Thematiken zu vertiefen. Das Modul „Deutsch als Fremdsprache“ reagiert beispielsweise auf den, durch die Globalisierung entstandenen, Zuwachs von Migranten in Deutschland und bildet somit einen wichtigen Impuls zur Internationalisierung. Des Weiteren bieten sich Möglichkeiten zur aktiven Mitarbeit an der Web-Zeitung „Lit.Log“ oder in verschiedenen Seminaren, die sich beispielsweise dem Verfassen von Rezensionen für das Feuilleton widmen

Ich denke es ist wichtig, die traditionellen Inhalte bei all dem Streben nach Modernisierung nicht aus dem Blick zu verlieren. Sicher, ein Beispiel an der klassischen Philologie sollte sich die Germanistik nicht nehmen: Galten Kenntnisse der griechischen und lateinischen Literatur im 19. Jahrhundert noch als Fundament der Bildung, ist das Fach heute zu einem „Orchideen-Fach“ geworden, dem sich lediglich ein kleiner Kreis von Experten widmet. Wichtig für die Zukunft der Germanistik wäre demnach eine „Balance“ zwischen der Bewahrung und Vermittlung traditioneller Inhalte und der gleichzeitigen Öffnung für neue Impulse aus gesellschaftlichen und kommunikativen Entwicklungen.

Angesichts dessen, dass mein Fach immer noch unter den beliebtesten Studienfächern rangiert und anscheinend nach wie vor ein großer Diskussionsbedarf über seine angemessene Ausrichtung an deutschen Universitäten besteht, bin ich mir sicher, dass dieses, angeblich so „brotlose“ Fach, eine Zukunft hat.

Marleen Scharninghausen

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