Bildungsstreik – was nun?
Parolen wie „Dichter und Denker statt Bachelor und Master“ prägten am 17. Juni das Straßenbild in 94 deutschen Städten. Bundesweit gingen bis zu 150.000 Menschen auf die Straße, einige Dozierende bekundeten ihre Solidarität und auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Bildungseinrichtungen reihten sich ein. Eine breite Masse scheint sich einig darüber zu sein, dass das Bildungssystem dringend einer Überarbeitung bedarf. Doch mittlerweile beugen sich die Studierenden wieder über ihre Bücher. Was hat der Bildungsstreik 2009 bewirkt?
Die Aktionswoche vom 15. bis zum 19. Juni gilt bei den Studierenden als Erfolg. „Besonders erfreulich am Bildungsstreik war für mich, dass alles basisdemokratisch abgelaufen ist. So viele Studenten wie möglich wurden mit einbezogen. Das hat auch die Dynamik des Protestes ausgemacht“, meint Elisa, eine Studentin aus Göttingen. Über die konkreten Veränderungen, die der Bildungsstreik mit sich gebracht hat, ist jedoch nur wenig bekannt. Mit dem Ende der Streikwoche flauten bundesweit die meisten Proteste ab. Erste Ziele wurden trotzdem erreicht, auch wenn es den Studierenden nicht genügt. Am 25. Juni verließen Aktivisten das Institut für Politikwissenschaft der Philipps-Universität in Marburg, das sie eine Woche lang besetzt gehalten haben. Die Abschaffung der Anwesenheitslisten sowie ein selbst verwalteter Raum in der Philosophischen Fakultät wurde den Studentinnen und Studenten nach langen Verhandlungen mit der Hochschulleitung zugestanden. Weniger erfreulich ging die Besetzung der Alten Universität in Heidelberg zu Ende. Diese wurde am 20. Juni von Polizeikräften geräumt, ohne dass es zu einer Einigung gekommen ist. Auch in Göttingen kam es zu einem Vorfall während der Besetzung des Präsidiums, die eigentlich friedlich hätte ablaufen sollen. Die Bachelor-Studentin Elisa zu den Reaktionen der Medien: „Die Resonanz im Göttinger Tageblatt zu der Besetzung war positiv“. Zwischen den friedlich Protestierenden und den Randalierern wurde unterschieden. „Über viele Artikel, die sich auf den bundesweiten Boykott beziehen, haben wir uns gefreut. Allerdings gibt es immer noch kritische Stimmen in den Medien. Das liegt daran, dass man sich nicht auseinandergesetzt hat mit dem, was wir tatsächlich fordern“. Das seien oft ganz konkrete umsetzbare Dinge in institutsinternen Bereichen. Die Einführungsveranstaltungen in der Ethnologie zum Beispiel seien inhaltlich überladen. „Dadurch geht viel Information verloren, obwohl die Studierenden an dem Stoff interessiert sind. Gerade bei theorielastigen Themen ist es wichtig, den Stoff für die Leute greifbarer zu machen“. Die Ethnologie- und Jurastudentin sieht bereits einige konkrete Erfolge: „In vielen Fachbereichen, natürlich vor allem in denen, die sich sehr engagiert haben, ist schon etwas verändert worden. Anfang nächsten Semesters soll außerdem eine Podiumsdiskussion mit unserem Präsidenten stattfinden, der dann Rede und Antwort stehen soll“.
Ein Bachelor-Student aus Hamburg zu der Frage nach den Auswirkungen des Streiks: „Auch wenn nicht alle Forderungen durchgesetzt werden können, darf man den Einfluss der studentischen Proteste nicht unterschätzen. Die Kritik an Monika Auweter-Kurtz ging von den Studierenden aus, bevor auch Professoren sich gegen die Hamburger Universitätspräsidentin stellten. Und die Medien haben sogar die Bezeichnung „Raketen-Moni“ von den Studenten übernommen. Der Druck hat sie letztlich zum Rücktritt gezwungen“.
Auf einem Bildungsstreikflyer aus Göttingen steht: „Mach mit. Verändere was!“ Um diese Aufforderung erfolgreich in die Tat umsetzen zu können, müssen die Studierenden allerdings einen langen Atem beweisen. „Da muss jetzt noch was passieren“, findet auch Elisa. Allerdings hält sie es für unwahrscheinlich, dass weitere Streiks stattfinden werden. „Unser Interesse liegt ja gerade darin, dass wir etwas lernen“. Trotzdem ist sie optimistisch. „Hier in Göttingen sind ganz viele Arbeitsgruppen entstanden, zum Beispiel der AK-Studiengebühren, der einen Boykott plant und zum Ende dieses Semesters soll eine Wasserschlacht organisiert werden, als Zeichen dafür, dass es mit den Aktionen noch weiter geht“.
Von Maria Kern


