Was bringt mir Gremienarbeit an der Uni???
Das heutige Studium hat es in sich: Die Bachelor- und Masterstudiengänge lassen dir kaum Luft zum Atmen. Durch die Anwesenheitslisten wird deine Teilnahme an den Seminaren streng kontrolliert. Die Studiengebühren treiben dich und viele deiner Mitstudenten in Nebenjobs, die auch eure letzte Freizeit rauben. Und du kannst überhaupt nichts dagegen tun… Halt, die letzte Aussage ist Gott sei Dank falsch!
Bachelor studieren heißt vor allem: Jede Note zählt! Ständig muss man als Student Leistungen erbringen, eine Verschnaufpause wird einem kaum mehr gegönnt. Die Semesterferien werden für Praktika oder Auslandsaufenthalte genutzt oder schlicht, um sich das nötige Kleingeld für Miete und Studiengebühren zu verdienen. Aus welchem Grund sollte man also in seiner Freizeit in einem Gremium der Uni mitarbeiten?
Was bitte bringt mir Gremienarbeit???
Das ist wohl die alles entscheidende Frage. Doch diese Frage bzw. diese Reaktion hat zwei Gesichter: das der irritiert dreinschauenden Studentin als Fragestellerin und das des Professors, der daraufhin sorgenvoll sein weises Haupt schüttelt. Fangen wir zunächst mit der uns vertrauten Seite der Studenten an.
Der zeitlose Student
Der zeitlose Student ist heute leider nicht mehr an ein zeitloses Studium gewöhnt. Vielmehr hat die Zeit ihn verlassen. Wer sich trotzdem an die Gremienarbeit wagt, kriegt einiges geboten. Du kannst nämlich endlich einmal die ganzen Dinge verändern, die dich schon immer am Studium gestört haben.
Seien es Studiengebühren, alte Räume oder schlechte Ausstattung – all diese Themen kannst du plötzlich mit beeinflussen, wenn du dich z.B. für ein Jahr in den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) wählen lässt. Die meisten Universitäten haben unterschiedliche Referentenstellen, sodass man sich einfach für die Stelle bewirbt, die man sich am ehesten zutraut. Von Hochschulpolitik, Kultur, BAföG und Soziales bis hin zu Öffentlichkeitsarbeit und Umweltschutz ist vieles denkbar.
Als BWLer bietet sich das Ressort „Finanzen“ an. Du unterstützt z.B. die Finanzierung studentischer Projekte und sammelst damit eine Menge Praxiserfahrungen. Die Planung des finanziellen Haushalts des AStAs ist ebenfalls eine deiner Aufgaben. Ähnlich wie durch ein Praktikum bereitest du dich auf deinen späteren Beruf vor und kannst dich ziemlich frei ausprobieren.
Im Gegensatz zu vielen Praktika bekommst du sogar Geld. Wie hoch die Aufwandsentschädigung ist, ist natürlich von Uni zu Uni, von Region zu Region verschieden. Rein ehrenamtlich ist deine Tätigkeit aber nicht und die Bezahlung der Gremienarbeit kann auf jeden Fall den Nebenjob ersetzen. Sie hilft sogar bei der Bewerbung, denn im Lebenslauf sieht ein freiwilliges Engagement immer gut aus.
„Trotzdem kann ich mir Gremienarbeit finanziell nicht leisten!“ Warum nicht? Die Förderungshöchstdauer für das BAföG z.B. verlängert sich, wenn du in Gremien einer Hochschule mitarbeitest. Wenn du also zwei Semester im AStA mithilfst und (auch) deshalb zwei Semester länger studieren musst, bekommst du in dieser Zeit zusätzlich BAföG über die eigentliche Förderungszeit hinaus, anders als bei Studentenjobs. Zusammen mit der Aufwandsentschädigung lässt sich schon sagen: Gremienarbeit lohnt sich finanziell!
Und außerdem lernst du in dieser Zeit viel Neues: Interessante Themen, jede Menge netter und engagierter Menschen (und zwar nicht nur linke Hippies) und keiner schreibt dir vor, was du zu tun oder zu lassen hast. Die Arbeit in einem Gremium wird dich sowohl persönlich als auch beruflich auf jeden Fall weiterbringen.
Der zerstreute Professor
Der zerstreute Professor dagegen blickt traurig die Studentin an, die ihm gerade ein irritiertes „Was bitte bringt mir Gremienarbeit???“ entgegengeschleudert hat. „Als wir noch jung waren, haben wir das freiwillig gemacht!“, denkt er bei sich. Die heutigen Studenten denken ja nur noch an ihren eigenen Nutzen, ihre Vorteile, ihre Karriere. Sie wollen ihre Ausbildung schnell abschließen und kalkulieren: Was bringt mir dieses Seminar für später, was wird gerade auf dem Arbeitsmarkt gefordert?
Wo sind die guten alten Ideale geblieben? Das zwanglose Unterhalten von Professoren und Studenten auf dem Campus, das Lehren und Lernen ohne Stress. Wenn jemand in meine Sprechstunde kommt, dann nur, weil er eine anstehende Prüfung besprechen will. Nie kommt mal jemand aus wirklichem Interesse an der Sache. Eine abendliche Diskussion mit der hübschen Studentin bei einer Flasche Wein hat sie abgelehnt, weil sie noch drei Referate vorbereiten muss.
Von der Gremienarbeit habe ich auch lange nichts mehr gehört. Wir haben früher für große Ziele gestritten. Wir haben gegen das System gekämpft (Mann ist das lange her!) Wir haben nie gefragt, was es uns persönlich bringt sondern wie wir für unsere Mitstudenten eine bessere Uni gestalten können. Wie wir für unsere ausländischen Freunde bessere Bedingungen schaffen können. Wir wollten die Uni und am besten ganz Deutschland verändern.
Und außerdem hat es ja Spaß gemacht. Sich mit Freunden die Nächte um die Ohren zu hauen. Neue Leute kennenzulernen, Netzwerke bilden und über die Dinge diskutieren, die einem wirklich wichtig waren. Wir haben auch kein Geld verlangt wie die Studenten heute, wir haben das ehrenamtlich gemacht. Aber so etwas gibt es heutzutage ja nicht mehr.
Wer hat Recht?
Beide haben Recht. Der zerstreute Professor lebt zu sehr in seiner früheren Welt. Und der zeitlose Student lebt zu sehr in der heutigen Welt. Das ist natürlich vollkommen normal. Beide müssen einfach voneinander lernen.
Die Studentin muss begreifen, dass die Universität keine Schule ist. Auch wenn durch den Bachelor vieles vorgeschrieben scheint, kann man doch den größten Teil selbst bestimmen. Am besten geht das in Gremien wie dem AStA. Wenn du z.B. die Anwesenheitslisten in den Seminaren unerträglich findest, versammele ein paar Leute um dich und setz dich für die Abschaffung der Listen ein (was meinst du wie viele sich das wünschen!) Natürlich macht die Gremienarbeit nicht immer nur Spaß und bedeutet zusätzliche Arbeit, aber es ist nicht falsch, auch einmal etwas für Andere zu tun.
Der Professor muss begreifen, dass heute andere Verhältnisse herrschen als vor 40 Jahren. Der Bachelor lässt den Studenten kaum Luft zum Atmen, die Studiengebühren zwingen sie in zusätzliche Nebenjobs. Der Bologna-Prozess wird oft als das „Ende einer Lebensform“ bezeichnet. Studieren ist offiziell nicht mehr zur Selbstfindung gedacht. Dass die Studenten schnell und zweckorientiert studieren sollen, bekommen sie unter anderem in den Seminaren selbst beigebracht. Wenn man ihnen jahrelang Angst vor der harten Berufswelt einbläut, darf man sich nicht wundern, wenn sie das irgendwann einmal geschluckt haben und sich nur noch um ihre eigene Ausbildung kümmern.
Die einfachste Lösung wäre es, die Gremienarbeit als Teil des Studiums anerkennen zu lassen. In jedem Studiengang gibt es Module, Schlüsselqualifikationen usw., in denen die Arbeit im AStA gebilligt werden kann. Man müsste auch einen Modulabschluss über ein Thema aus seiner Zeit als Finanzreferent schreiben können, meinetwegen sogar die Bachelorarbeit. So müssten sich die Studenten nicht zwischen Studium und Gremienarbeit entscheiden sondern könnten die beiden Gebiete miteinander verbinden. Und das wäre dann praktisch wieder so wie vor 40 Jahren.
Christoph Schlüter


