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„Reden können ist nicht so viel wert wie zuhören können.“

So sagt es ein chinesisches Sprichwort und behält recht. Ein offenes Ohr dann zu haben, wenn keiner zum Zuhören da ist. Erreichbar zu sein, wenn alle anderen Beratungsstellen geschlossen haben. Das ist das Konzept der Nightlines. Wenn andere schlafen, beginnt für die Nightliner erst die Arbeit. Bis spät in die Nacht ist bei ihnen jeder Anrufer willkommen.

„Reden können ist nicht so viel wert wie zuhören können.“

Nightline ist die Telefonseelsorge, die erst nachts geschaltet ist. Ob Prüfungsangst, Stress in der Beziehung oder der Uni – Die Nightline lässt kein Problem aus.

Im Unterschied zu vielen anderen Einrichtungen ist das Zuhörtelefon Nightline von Studierenden selbst. Dadurch sind sie auf einer Augenhöhe mit den Anrufern. Oft rufen StudentInnen an, so dass sich die Mitarbeiter von Nightline mit den Problemen identifizieren können. Sie kennen sie aus ihrem eigenen Studentendasein.

„Studierende wie du und ich, die viel Zeit haben zum Zuhören (auch zu späterer Stunde) und nicht immer gleich alles bewerten und nachbohren und noch dazu ermöglichen, dass man sich ihnen anonym und unverbindlich öffnen kann“, so definiert Phillip (Namen von der Redaktion geändert) die Nightline.

Nightline ist nicht nur für StudentInnen, sondern für alle, die auf der Suche nach einem offenen Ohr sind. Jeder darf anrufen, mit jedem Problem, sei es noch so klein oder groß.
„Ein wesentlicher Teil des Konzepts besteht in der Einfachheit unseres Angebots: Es geht uns vor allem darum, anderen Studierenden die Gelegenheit zu geben, durch ein Gespräch, wieder zu sich selbst zu finden“, erklärt Maren.

Die Mitarbeiter von Nightline sind keine Therapeuten und ihre Aufgabe besteht im Zuhören. Sie geben keine konkrete Lösungen, sondern durch das Gespräch sollen Wege gefunden werden. Diese schlagen die Nightliner nicht vor, denn der Anrufer erkennt sie selbst. Einsamkeit wird oft thematisiert, aber durchaus auch Themen wie Sexualität und Tod werden angesprochen. Sind die Probleme gravierend, verweisen die Nightliner an kompetente Beratungsstellen. Niemand wird zurückgewiesen.

Als Nightliner dürfe man sich nicht verpflichtet fühlen, da zu helfen, wo es die eigenen Möglichkeiten übersteige. Es gäbe Situationen, die einem dennoch nahe gehen.
Um damit umgehen zu können, finden regelmäßig Supervisionen statt, die für alle Mitarbeiter verpflichtend sind. Auch der Austausch mit anderen Nightlinern ist hilfreich. Die Arbeit bei Nightline bringt dennoch jeden einmal an seine Grenze.
„Die Tatsache, dass man an seine persönlichen Grenzen stößt, ist im Umgang mit Menschen nichts Außergewöhnliches. Die Kunst besteht vielmehr darin, sich und seinem Gegenüber die eigenen Grenzen einzugestehen, sie zu reflektieren und sich darüber klar zu sein, wie man reagiert, wenn man denkt, dass die eigenen Grenzen überschritten werden könnten. Mit seinen Grenzen konfrontiert zu werden, ist etwas sehr natürliches, es bedeutet nicht, sich überfordert fühlen zu müssen, die Überforderung beginnt erst dann, wenn man sich seine Grenzen nicht zugestehen will und sie achtlos übertritt“, so Maren.

Das Gefühl der Überforderung beginnt dort, wo man sich den Anspruch stellt, Probleme lösen zu müssen. Doch Ziel der Nightline ist es zuzuhören. Hin und wieder verlangen die AnruferInnen doch konkrete Lösungen von den Nightlinern. „In diesem Fall erklären wir nochmals die Chancen, aber auch die Grenzen unseres Angebotes. Das ist fair und verantwortungsvoll gegenüber den AnruferInnen“, fügt Phillip hinzu.

Die Studierenden bei Nightline arbeiten alle ehrenamtlich. „Es ist einfach ein schönes Gefühl „etwas Gutes“ zu tun. Außerdem lernt man durch unsere Arbeit viele Aspekte und Facetten des Lebens und des Menschseins kennen, mit denen man im sonstigen Alltag eher seltener zu tun hat“, meint Maren. Die Arbeit bei Nightline ist eine Bereicherung in jeglicher Hinsicht und eine Erfahrung, die man sonst nicht machen würde. Engagement zeigen, wird in unserer heutigen Gesellschaft immer seltener, aber umso wichtiger.

Das Konzept der Nightlines stammt aus England und ist dort an fast jeder Hochschule verbreitet. Hier in Deutschland existieren Nightlines nur an den Universitäten Freiburg, Heidelberg und Münster. Die Nightlines sind in Deutschland noch relativ unbekannt. Umso mehr ist es den Nightlinern daran gelegen, ihre Arbeit populärer zu machen. Sie freuen sich über jede Anfrage der Mitarbeit und wollen andere Studierende ermutigen, eine Nightline an ihrer Universität ins Leben zu rufen. Eine Mitarbeit bei Nightline habe etwas sehr Erfüllendes und sei ein gewinnbringendes und sinnvolles Engagement.

von Sina Jahnke

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