Aus der trockenen Theorie des Politikstudiums in die spannende Realität einer Wahl
Nach Theorien der Internationalen Beziehungen, Aufbau der Bundesrepublik Deutschland und 100ten Stunden Lektüre von Platon bis Marx, wollte ich nun endlich mal die Politik pur erleben, kennenlernen, wie das, was ich Tag für Tag als Studentin der Politikwissenschaft theoretisch durchkaue, wirklich funktioniert. Die Arbeit als Wahlhelfer bei der Europawahl 2009 kam mir da gerade recht.
Noch nie hatte ich gewählt. Ich wusste zwar aus meinem Studium alles über die Wahlen in Deutschland, Auszählverfahren, Stimmgewichtung, repräsentative Statistiken und natürlich Parteien, aber nie konnte ich als aktiver deutscher Bürger auftreten und das politische System, von dem ich nun doch schon so viel wusste, mit meiner Stimme beeinflussen. Im Superwahljahr 2009 bekomme ich endlich meine Chance. Europawahl, Kommunalwahl, Landtagswahl und Bundestagswahl. Doch wie ich das Kreuz setzte, wusste ich auch vorher schon.
Was mich immer brennend interessierte war, wie es bei so einer Wahl hinter den Kulissen aussieht. Während ich sonst spätestens 18 Uhr gespannt vor dem Fernseher gesessen habe, wollte ich nun mal Ergebnisse aus erster Hand erfahren. Selbst die Wahlurne ausschütten und die Stimmzettel auseinander falten, Politik anfassen. Denn wo anders wird sonst Politik gemacht, wenn nicht in der Stimmkabine.
Meine Entscheidung mich als Wahlhelferin anzumelden hatte ich zwar spontan getroffen, als mir bei einem Dienstabend beim Deutschen Roten Kreuz die Anmeldungsliste unter die Nase gehalten wurde, aber nie bereut. Nur kurze Zeit später kam der Brief mit meiner Einteilung. Mein Einsatzort lag nicht mehr 5 Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt. Der Fachdienst Wahlen, der die Wahlhelfer einteilte, nahm also sogar noch Rücksicht auf die Ehrenamtlichen. Trotz der Tatsache, dass wir in zwei Schichten eingeteilt wurden und ich so gerade einmal sechs Stunden „arbeiten“ musste, passte mir der lange Nachmittag in der Schule eigentlich so gar nicht in meinen Zeitplan. Aber ich war angemeldet und von der „Pflicht als Wahlhelfer“ darf man nicht zurücktreten (kurios, wo ich mich doch freiwillig gemeldet habe), also rappelte ich mich am 7. Juni auf und machte mich auf den Weg zu meinem Wahlbüro.
Im Nachhinein bereue ich nur eins, nämlich Zeit damit verschwendet zu haben, darüber nachzudenken, dass ich keine Zeit dafür habe. Noch nie war ich dem Stoff, den ich Tag für Tag lerne, so nah, und ich kann mich an keinem Tag in meinem Politikstudium erinnern, an dem ich so viel gelernt habe. Meine Kollegen, allesamt Beamte mit langjährigen Erfahrungen als Wahlhelfer, waren sofort aufgeschlossen und freundlich, arbeiteten mich schnell ein und überließen mir dann neben meinen eigentlichen Aufgaben, die Kabinen in Ordnung zu bringen und Stimmzettel auszuteilen auch wichtige Aufgaben, wie die Registrierung der Wähler. Schon alleine wegen den vielen verschiedenen Menschen, die nach und nach das Wahllokal betragen, wurde uns nie langweilig. So verzauberte uns eine alte Dame am Klavier (das Wahllokal war ein Musikraum) mit Kirchenmusik, Kindergeschrei und Hundegebell hielt uns wach und die Wähler brachen uns immer wieder zum Lachen, wenn sie hinter ihren Kabinen lauthals über die kuriosen Parteien lachten. So lustig kann Politik sein.
Neben den Erfahrungen nahm ich also auch noch jede Menge Spaß mit nach Hause. Politik live und in Farbe.
Von Juliane Pohl


