„Es gibt viele Unterschiede zu meiner Heimat, aber ich fühle mich in Deutschland sehr wohl!“
Jedes Jahr entschließen sich Tausende Studenten in Deutschland, für einige Zeit im Ausland zu studieren. Die eigenen Sprachkenntnisse zu verbessern, fremde Länder, Menschen und Kulturen kennen zu lernen, stehen bei der Entscheidung für einen Auslandsaufenthalt zumeist im Vordergrund. Aber auch Deutschland ist für viele ausländische Studenten ein begehrtes Ziel. Die 23-jährige Joanna aus Danzig studiert seit Oktober 2007 Politik an der Uni Bremen. Stellenboersen.de hat mit der ERASMUS-Studentin über ihre Erfahrungen, Erwartungen und Unterschiede zwischen ihrer Heimat und dem Leben in Deutschland gesprochen.
Joanna, warum hast du dich dafür entschieden, für einige Zeit in Deutschland zu studieren? Gründe dafür gab es einige. Natürlich wollte ich sehen, wie es ist, an einer Uni in einem anderen Land zu studieren. Deutschunterricht hatte ich dazu bereits einige Jahre vorher in der Schule gehabt. Von daher wollte ich durch das Studium in Deutschland auch meine Sprachkenntnisse auffrischen und weiter ausbauen. Als im Januar 2007 ERASMUS-Studenten von der Uni Bremen an unsere Uni in Danzig kamen und über ihre Seminare und Vorlesungen sprachen, fand ich das sehr interessant. Genau diese Seminare wollte ich auch besuchen und da der Fachbereich Politik an der Uni Danzig nur Partnerschaften mit der Uni Bremen und einer Uni in Italien hat, habe ich mich für Bremen entschieden. Außerdem habe ich auch noch einige gute Freunde in Hamburg, die ich durch meine zwei Semester in Bremen so häufiger treffen kann.
War es für dich von Anfang an klar, dass du gleich zwei Semester in Deutschland studieren möchtest? Ich hatte von Anfang an darüber nachgedacht, ja. Aber definitiv dafür entschieden habe ich mich erst, nachdem ich mich in Bremen eingelebt hatte und gemerkt habe, dass es mir hier gut gefällt.
Hattest du Bedenken bevor du nach Deutschland gekommen bist? Eine Sache, vor der ich ein bisschen Angst hatte, war meine Unterkunft. Ich sollte im Studentenheim wohnen, was eine ganz neue Erfahrung für mich gewesen wäre. Ich hatte gehört, dass Deutsche die Polen nicht mögen, weil wir ihnen die Jobs wegnehmen würden und Diebe seien. Von daher war ich in dieser Hinsicht ein bisschen aufgeregt. Aber ich habe versucht, diese Vorurteile nicht zu ernst zu nehmen und mir mein eigenes Bild zu machen. Im Endeffekt habe ich aber doch eine private Unterkunft gefunden, was allgemein etwas ruhiger ist als ein Zimmer im Studentenwohnheim. Allgemein habe ich mich aber sehr auf meine Zeit in Bremen gefreut! Ich war neugierig und vielleicht auch ein bisschen ängstlich, etwas über die gemeinsame Geschichte Deutschlands und Polens in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg zu erfahren. Ich war gespannt auf die Interpretationen der Deutschen – und auch ein bisschen geschockt, nachdem ein Professor über einige Aspekte des Themas gesprochen hatte. Ich bin aber sicher, dass es umgekehrt genau so wäre. Da ich Politik studiere, interessieren mich generell die unterschiedlichen Sichtweisen und Interpretationen von geschichtlichen Ereignissen.
Wie sieht denn eine typische Uni-Woche bei dir aus? Im vergangenen Wintersemester hatte ich von Montag bis Donnerstag Seminare und Vorlesungen – allerdings immer nur ein Mal am Tag. Zusätzlich habe ich sechs Stunden in der Woche Deutschkurse gehabt. Zu meiner Überraschung fanden auch alle Seminare und Vorlesungen auf Deutsch, anstatt wie ich vorher gedacht hatte, auf Englisch statt. Von daher habe ich auch zu Hause viel an meinen Sprachkenntnissen gearbeitet. Außerdem habe ich mir zwei Tandem-Partner gesucht, durch die ich mein Deutsch zusätzlich verbessern möchte. Für die Seminare musste ich natürlich auch viel vor- und nachbereiten. Also habe ich viel Zeit in der Bibliothek verbracht und gelesen. Zwischendurch habe ich mich natürlich auch mit anderen Erasmus-Studenten getroffen, zum Beispiel zum Essen in der Mensa.
Und was für Unterschiede kannst du zum Studium in Danzig feststellen? Oh, da gibt es einige Unterschiede! An meiner Heimat-Uni steht im Vergleich zum Studium in Deutschland mein Stundenplan für das ganze Studium von Anfang an fest. Ich wusste schon im ersten Semester, was mich im letzten erwarten wird. Ungewohnt war für mich auch, dass an den Seminaren Studenten aus unterschiedlichen Studiengängen und Semestern teilnehmen. Bei uns in Danzig gibt es das nicht. Auch das Credit Points-System ist anders. In Polen bekommt jeder Student für jedes Seminar die gleiche Anzahl an Credit Points. Hier in Deutschland hängt die Punktevergabe von der erbrachten Leistung ab, also ob man ein Referat hält, einen Essay schreibt oder nur am Seminar teilnimmt. Ein weiterer Unterschied ist, dass hier in Bremen alle Unigebäude an einem Ort sind. Die Universität von Danzig hat ihre Gebäude in vier Städten! Bei uns in Danzig müssen wir außerdem nicht für Sport- und Sprachkurse extra zahlen. Sie sind allerdings Pflichtkurse. Ich muss sie jeweils für zwei Jahre belegen. Das Gute am Studium in meiner Heimat ist aber vor allem, dass unser Studium kostenlos ist. Allerdings haben wir leider kein Semesterticket . Die einzigen Kosten, die wir haben, sind 17 Zlotys (rund 4 Euro) für den Studentenausweis und 15 Zlotys für den Bibliotheksausweis, der jedes Jahr für 2 Zlotys verlängert werden muss. Leider haben wir auch keine Mensa. Und das Essen in den Cafés an meiner Heimat-Uni ist viel teurer als in Bremen. Beide Unis haben also Vor- und Nachteile.
Welche Unterschiede siehst du allgemein zwischen dem Leben in Deutschland und dem Leben in Polen? Ich würde sagen, dass die Deutschen allgemein etwas ernster sind, was ich gar nicht negativ meine. Aber ihr scheint Bürokratie einfach mehr zu mögen als wir. Die Preise für Essen oder Kosmetikartikel sind ungefähr gleich. Einige Artikel sind in Polen sogar teurer als in Deutschland, obwohl die Gehälter in Polen immer noch niedriger sind. Was mich überrascht hat, ist außerdem, dass in Deutschland im Gegensatz zu meiner Heimat der Mindestlohn nicht gesetzlich festgelegt ist, obwohl hier soziale Marktwirtschaft herrscht. Unterschiede bestehen auch im Gesundheitswesen. In Deutschland muss man beim Arztbesuch nur die 10 Euro Praxisgebühr bezahlen. Bei uns kann es vorkommen, dass der Arztbesuch selbst bezahlt werden muss, wenn der Arzt über sein ‚Limit’ geht. Das heißt, dass der Arzt ein Abkommen mit der NFZ (National Health Found) hat, die die Kosten für die Behandlung von zum Beispiel 1000 Patienten übernimmt. Wenn man dann der 1001. Patient ist, muss man die Kosten für die Behandlung selbst tragen oder sich einen anderen Arzt suchen. Andererseits werden in Polen viele Behandlungen von der Kasse übernommen, die in Deutschland selbst bezahlt werden müssen. Beide Seiten haben also Vor- und Nachteile. Ein großer Unterschied ist auch, dass es in Polen verboten ist, öffentlich Alkohol zu trinken. Wenn man dabei erwischt wird, muss man eine Strafe zahlen. Als ich nach Bremen kam, war das erste, was ich wahrgenommen habe, die vielen Menschen, die in der Öffentlichkeit trinken. Es hat mich erst überrascht, aber nach einiger Zeit hatte ich mich daran gewöhnt. Unterschiede gibt es auch in der Art, wie Weihnachten und Ostern gefeiert wird. Wir haben zum Beispiel nicht so weit im Voraus Osterartikel in den Supermärkten. Wenn ich Bremen mit Danzig vergleiche, würde ich sagen, dass Danzig lebhafter ist. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass wir noch mit zwei anderen Städten verbunden sind. Wenn man nicht aufpasst, weiß man nicht mehr, in welcher Stadt man sich gerade befindet!
Was gefällt dir am Besten am Studium in Deutschland? Allgemein ist die Universität sehr gut organisiert. Das Semesterticket ist wirklich toll! Und auch das Essen in der Mensa ist viel billiger. Ich finde auch, dass das ERASMUS-Programm sehr gut organisiert ist. Was mir auch sehr gut gefällt, sind die Anzeigentafeln für die Busse und Straßenbahnen – allerdings funktionieren sie manchmal nicht richtig und die Nachtlinien könnten besser ausgebaut werden. Ansonsten mag ich auch die Idee des Sprachtandems, weil man nicht nur seine Sprachkenntnisse verbessern, sondern auch viele neue, nette Leute kennen lernt!
Ein Semester wirst du noch in Bremen studieren. Wie wird es bei dir weitergehen, wenn du wieder in Danzig bist? Wenn ich aus Bremen zurückkomme, beginnt schon mein letztes Studienjahr. Im Moment bin ich dabei, meine Abschlussarbeit zu schreiben. Sie muss bis Ende Juni 2008 fertig sein. Wenn ich wieder in Danzig bin, muss ich sie verteidigen. Das heißt, ich muss einige Fragen zu meinem Thema beantworten können. Das wird wohl im September sein. Danach werde ich meinen Master machen. Ich habe vor, im Anschluss zu promovieren. Dafür muss ich mich bewerben. Losgehen würde es im Oktober 2009. Natürlich möchte ich auch auf jeden Fall mit allen Menschen, mit denen ich mich hier in Bremen angefreundet habe, in Kontakt bleiben!
Danke für das Interview und noch eine schöne Zeit in Bremen!
Von Bianca Abheiden


