Teil 6: Hast du auch ein Zeitproblem? - Worauf es sich bei der Bewerbung um eine Doktorarbeit zu achten lohnt...
In der Regel wird dem angehenden Doktorand bereits im Bewerbungsgespräch ein Zeitplan gegeben, bis wann die Ergebnisse stehen sollten, wie lange man anschließend zum Zusammenschreiben braucht und gegebenenfalls wann die Drittmittel für das Projekt auslaufen. Diesen Plan kann man getrost vergessen. Es können viele unvorhersehbare Situationen eintreten, die die Dissertation ins Stocken bringen: Probleme mit Arbeitsplatz oder Arbeitsmaterialien etwa (siehe Teil 3 der Serie), aufgrund eines unerwarteten Wegfalls der Drittmittel (siehe Teil 5 der Serie) oder bei der Finanzierung des Lebens als Doktorand.
Angelika freute sich zunächst, als sie eine zweite Teilzeit-Stelle im Rahmen eines weiteren Projekts des Instituts angeboten bekam. Sie wurde dadurch an mehreren anspruchsvollen Publikationen beteiligt, die ihren Lebenslauf wirklich aufwerteten. Doch bald schon entpuppte sich diese zweite Stelle als wahrer Zeitfresser. Nach etwa drei Jahren, in denen Angelika mit ihrer Doktorarbeit gerade mal 15 Seiten weitergekommen war, entschied sie sich schweren Herzens, die Dissertation „einschlafen zu lassen“.
Anders lief es bei Perfektionist Marc. Sein Doktorvater, dessen Emeritierung immer näher rückte, hatte Marcs Arbeit bereits für abgabereif befunden. Doch Marc war noch nicht zufrieden und erweiterte sie ständig. Als Marc sich einen Nebenjob suchen musste, blieb ihm noch weniger Zeit zum Promovieren, doch er gab seine Arbeit noch immer nicht ab. Inzwischen ist sein Doktorvater im wohl verdienten Ruhestand und Marc hat seine Dissertation unvollendet ad acta gelegt.
Paul hätte Marc sicher um seinen Doktorvater beneidet. Pauls Professor schien Spaß daran zu finden, ihm unsinnige Berechnungen aufzuerlegen. Im einen Besprechungstermin bekam Paul die Order diese Berechnungen unbedingt durchzuführen. Als Paul ihm dann beim Folgetermin die sinnlosen Ergebnisse präsentierte, wurde er vom Doktorvater gefragt, warum er so einen Nonsens berechnet habe und ob er überhaupt wisse, worum es in seiner Dissertation ginge. Den Sinn dieser Aktionen verstand Paul ebenso wenig, wie seine Doktoranden-Kollegen, denen es nicht anders erging. Sie kannten übrigens – wie wohl die meisten Doktoranden – keine Anlaufstelle, wo sie sich hätten beraten lassen oder beschweren können.
Ähnliches kann Lukas berichten, der von seinem Doktorvater mit unsinnigen Korrekturen (mehrmalige komplette Umformulierungen ganzer Kapitel) seiner bisherigen Niederschrift hingehalten wurde. Ein plötzliches Ende fand dieses Verhalten seines Doktorvaters, als neue Daten, mit denen Lukas überraschend noch einmal alles testen sollte, eintrafen – mit fast 12 Monaten Verspätung.
Auch Robert und Natalie sind schon viele Jahre lang mit ihrer Doktorarbeit beschäftigt. Ihr Problem ist, dass ihre frischgebackene Professorin noch der Meinung ist, dass ihr Institut nur Arbeiten, die ein ‚summa cum laude’ wert sind, verlassen dürften. Für beider Karrieren ist eine solche Note nicht zwingend erforderlich, wichtiger wäre es ihnen, nicht zu lange für die Anfertigung ihrer Dissertation zu benötigen, da das von manchen Personalern als „Faulheit“ fehlgedeutet werden könnte. Beide blicken ein bisschen neidisch auf die Doktoranden des Nachbarinstituts, von denen kaum einer länger als zwei Jahre brauche. „Hätte ich das früher gewusst, hätte ich mich lieber dort bewerben sollen“ bedauert Natalie heute ihre Wahl.
Wer eine Doktorarbeit aufnehmen möchte, sollte sich im Klaren darüber sein, dass sie „nur“ zwei Jahre dauern kann oder auch viel länger. Manche Bummel-Faktoren hat man selbst in der Hand, die meisten sind jedoch dem Schicksal zuzuschreiben. Es lohnt sich jedenfalls immer, sich nach früheren Doktoranden zu erkundigen. Hat der Professor eine Homepage, auf der alle jemals betreuten Arbeiten aufgeführt sind, ist schon mal ein gutes Zeichen.
von Steffen Schneider


