Teil 4: Lebt dein Doktorvater eigentlich noch? – Betreuung und Arbeitsklima
Lebt mein Doktorvater eigentlich noch? Das ist eine zentrale Frage im Doktorandenleben. Diejenigen, die ihrem nächsten Besprechungstermin schon seit Wochen hinterherlaufen, stellen sie sich häufig. Was würde denjenigen, denen vor eben diesem Termin graut, wohl im ersten Moment durch den Kopf gehen, wenn die Antwort ‚nein’ lautet? „Praktisch ist das der Promotions-Super-GAU“, weiß Elena zu berichten. Ihr Doktorvater verstarb überraschend an einem Herzinfarkt. Das war auch das Aus für ihre Dissertation. Da sie schon weit gekommen war, suchte sie nach einem Professor, der sie und ihr Thema übernehmen würde. Doch im Umkreis von 100 km fand sie innerhalb eines ganzen Jahres niemand. Elena blieb also nichts anderes übrig, als mit einem neuen Thema noch einmal bei null anzufangen.
Chaos brach auch in Ulfs Leben, als sein Doktorvater überraschend an eine andere Uni wechseln wollte. Wie zwei weiteren Doktoranden wurde auch Ulf an der neuen Uni zum neuen Semester eine neue Mitarbeiterstelle versprochen. Doch als die Zeit gekommen war, überlegte es sich Ulfs Professor doch wieder anders. Für einen Doktoranden konnte der Professor eine Stelle an der alten Uni organisieren, der zweite Doktorand musste sich selbst um einen neuen Job kümmern und ward fortan nicht mehr gesehen. Ulf hatte wenigstens so viel Glück, dass er vom Doktorvater eine gute Stelle bei dessen alten Bekannten in der neuen Stadt vermittelt bekam.
Anders lief es bei Karima, für die ihr Doktorvater monatelang nur ein Name auf den Papieren war. Persönlich traf sie ihn zum ersten und einzigen Mal auf einer Hochzeitsfeier, auf der beide als Gäste eingeladen waren. Ihre einzige tatsächliche Kontaktperson war ihr Betreuer – was zunächst kein Problem darstellte. Als jedoch ihr Betreuer als Assistenzarzt an eine weit entfernte Klinik wechselte, hatte Karimas Doktorvater nicht mal Interesse daran, ihr einen neuen Betreuer zuzuweisen. Karima bekam damit keinen Zugriff mehr auf die benötigten Daten und Materialien – ihre Arbeit verlief im Sande.
Tom kann sich über ein mangelndes Interesse seines Doktorvaters nicht beklagen. Sein Professor publiziert gern und viel und benötigt dafür auch Toms Arbeitskraft. Solange sich diese Publikationen und seine Dissertation thematisch überschneiden, steht der Mehrarbeit ein echter Nutzen gegenüber. Das weiß der ehrgeizige Wirtschaftswissenschaftler wohl zu schätzen. Doch ist ihm auch klar, dass es seiner Karriere nicht mehr dienen würde, wenn er vor lauter Arbeit an den Publikationen keine Zeit mehr für seine Dissertation fände.
Auch Sylvias Doktorvater erwies sich als echter Förderer, indem er ihr im Anschluss an ihr Rigorosum eine der heiß begehrten Stellen in einer Bundesbehörde vermittelte. Ein Rat, den die Juristin ihren Kommilitonen mit auf den Weg geben möchte, ist, die Dissertation möglichst nicht schon vor dem Referendariat komplett fertigzustellen und einzureichen. Professoren haben in der Regel ein großes Netzwerk und (nur) wer seinem Doktorvater letztmalig als Volljurist gegenübertritt, hat die Chance, vom „Vitamin B“ zu profitieren.
Im Institut, in dem Anne promovierte, herrschte ein ganz anderes Klima: Mobbing – jeder gegen jeden. Ihre Doktormutter ließ sich während der Besprechungstermine mit Anne ungeniert über die anderen Doktoranden und Mitarbeiter aus. Niemand gab etwas von sich Preis, um keine Angriffsfläche zu bieten. Jeder suchte stets nach Fehlern der anderen, um von sich abzulenken. Nur ein einziger Mitarbeiter wagte es, seine Meinung offen auszusprechen. Für Anne sind das unangenehme Erinnerungen – vor allem an die Monate, in denen sie merklich das Haupt-Mobbing-Opfer war. Dabei hätte sie das alles schon beim Einstellungsgespräch ahnen können, meint Anne, als ihre Doktormutter mutmaßte, dass die junge Geisteswissenschaftlerin „rein menschlich“ nicht mit dem Betreuer zusammen passen würde. Ihn zählt Anne übrigens zu einem der Wenigen, der es immer irgendwie geschafft habe, sich aus dem ständigen Ränkespiel herauszuhalten.
Es lohnt sich also durchaus, nicht nur die Konstitution, Zuverlässigkeit und Nützlichkeit des künftigen Doktorvaters zu beachten. Auch seine soziale Kompetenz kann einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Doktorandenleben und sogar die Karriere haben.
von Steffen Schneider


