Praktikum als Redakteur im Schulbuchverlag
Das Bachelorstudium soll seinen Absolventen einen sogenannten „berufsqualifizierenden Abschluss“ bieten. Eine Zuschreibung, die uns Studenten oftmals stutzig werden lässt, denn wo finden wir in unserem Studium schon einen praktischen Bezug zur Arbeitswelt? Was nützt es dem späteren Arbeitgeber, wenn man zwar hochkomplexe Theorien anschaulich erläutern kann, aber zum Beispiel daran scheitert, ein Verkaufsgespräch zu führen? Wie so oft kommt es auf die Eigeninitiative der Studenten an, den praktischen Horizont zu erweitern. Eine gute Möglichkeit dazu bietet beispielsweise ein Praktikum in den Semesterferien.
Nach vier Semestern Studium der Fächer Germanistik und Kulturanthropologie, wurde auch mir der fehlende Berufsbezug und die Notwendigkeit sich auch jenseits der Universität weiter zu bilden immer bewusster. Ein achtwöchiges Praktikum in einem Schulbuchverlag sollte diesen Schwächen entgegen wirken:
Während meines Praktikums lernte ich vor allem die Arbeit des Redakteurs kennen, der im Schulbuchverlag an die Stelle des Lektoren tritt. Wie in einem „normalen“ Publikumsverlag kommt es bei der Planung eines neuen Buches auch darauf an, den aktuellen Geschmack zu treffen, doch die aktuellen Lehrpläne der einzelnen Bundesländer spielen hier eine weitaus entscheidendere Rolle. 16 Bundesländer bilden 16 verschiedene Teilmärkte, auf deren individuelle Bedürfnisse der Schulbuchverlag reagieren muss, um im Zulassungsverfahren der Länder vor jeder Veröffentlichung eines neuen Lehrwerks, bestehen zu können. Wie mühevoll sich so ein Lehrplanabgleich gestaltet, wurde mir selbst bewusst, als ich die Kompetenzen, die die Schüler der fünften Klasse eines Thüringer Gymnasiums mit den Anforderungen vergleichen musste, die im übrigen Bundesgebiet gefordert wurden.
Ähnlich wie in den Publikumsverlagen müssen die Schulbuchverlage ein innovatives Konzept vorlegen, um sich von ihren Konkurrenten abzusetzen. Dieses in Absprache mit Didaktikern zu entwickeln, ist Aufgabe der Redakteure. Das Konzept wird anschließend den Autoren vorgelegt, welche meist selbst als Lehrer arbeiten. Im weiteren Arbeitsverlauf erstellen die Autoren in Absprache mit den Redakteuren Manuskripte zum verabredeten Konzept. Doch ein erstmalig eingereichtes Manuskript ist noch lange kein fertiges Buch. Mich überraschte vor allem wie viele Korrekturgänge ein Kapitel benötigt, bis es endlich „in den Druck gehen“ kann. Kommunikatives Talent ist auch in diesem speziellen Arbeitsbereich unabdingbar, denn neben den Absprachen mit den Autoren muss im Team ein Layout entwickelt werden, welches das didaktische Konzept funktional umsetzt und ergänzt.
Während des Praktikums erfuhr ich, dass viele Kompetenzen, die ich während meines Studiums bereits erworben habe, nicht so praxisfern sind, wie ich zuvor angenommen hatte. Die kulturanthropologische Methode der Feldforschung verlangt einen unvoreingenommenen Blick auf neue Lebensbereiche und soziale Gemeinschaften, es gilt, das Eigene „fremd“ zu machen und somit einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Auch bei der Schulbuchentwicklung muss dieser Perspektivwechsel immer wieder bedacht werden. Eine Darstellung oder ein Text, die bzw. der uns schlüssig und anschaulich erscheint, kann die Fähigkeiten eines zehnjährigen Schülers bei weitem übersteigen. Als Redakteur ist es deshalb notwendig, sich die Kompetenzen und Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe vor Augen zu halten und entsprechende Veränderungen und Anpassungen vorzunehmen. Komplexe Sachverhalte werden auf ihre Quintessenz reduziert, wie es auch der Literatur- oder Kulturwissenschaftler tut, wenn er einer Gruppe, im Rahmen eines Vortrags, ein unbekanntes Thema präsentiert. Ohne wissenschaftliches Arbeiten kommt ein Redakteur ebenfalls nicht aus: Literarische Texte, die in Schulbüchern abgedruckt werden, müssen ebenso belegt und zitiert werden, wie es eine Seminararbeit erfordert. Fachdidaktische Kompetenzen, die uns als „reine“ Geisteswissenschaftler meist fremd sind, lassen sich am Besten in der Praxis erlernen. Es ist durchaus üblich ein Lehrwerk vor der Veröffentlichung zunächst in einer Schulklasse zu „testen“. Redakteure können bei Hospitationen vor Ort beurteilen, wie das erdachte Konzept von den Schülern angenommen wird und gegebenenfalls Veränderungen vornehmen.
Meine Gesamteinstellung zu meinem Studium konnte sich durch das Praktikum sogar verbessern. Endlich habe ich eine konkrete Vorstellung davon erhalten, wie ich mein theoretisch erworbenes Wisse im Beruf würde anwenden können. Mein Studium liefert mir die nötige Flexibilität, um mich schnell in neue Themenbereiche einfinden zu können. Eine Fähigkeit, die mir unter anderem als Redakteur im Schulbuchverlag zugutekommt, wenn es um die Anpassung an neue Lehrpläne und pädagogische „Trends“ geht. Statt vor der unbekannten Arbeitswelt zurück zu schrecken und sich in den unangetasteten Elfenbeinturm der Universität zu verkriechen, sollte man auf seine Fähigkeiten vertrauen und offen für neues sein. Das meiste erlernt sich eben doch am Einfachsten auf dem praktischen Weg...
Marleen Scharninghausen


