Es geht um Menschen – Praktikum bei der Gesellschaft für bedrohte Völker
Merkel und Sarkozy liegen in einem Bett vor dem Brandenburger Tor und schlafen. Um sie herum haben sich Menschen versammelt. Sie halten Plakate hoch und versuchen, die Politiker mithilfe von Weckern wachzuklingeln. Auf dem Nachttisch türmen sich Unterlagen. Es sind Reporte über die Menschenrechtslage in Darfur. Mit dieser Aktion der GfbV (Gesellschaft für bedrohte Völker) sollte Europa am 25. Februar 2009 symbolisch wachgerüttelt und an den Völkermord im Sudan erinnert werden. Praktikanten der Menschenrechtsorganisation haben die Veranstaltung mitorganisiert. Laufend engagieren sich überwiegend Studierende bei der GfbV in Göttingen.
„Wir haben viel mehr Konflikte in der Welt, als Mitarbeiter“, sagt Ulrich Delius, Afrika- und Asienreferent bei der GfbV. „Praktikantinnen und Praktikanten sind für uns als ernstzunehmende Unterstützung unserer direkten Menschenrechtsarbeit sehr wichtig“. Sie recherchieren selbstständig Menschenrechtsverletzungen in einzelnen Regionen, beraten sich mit den Referenten über das weitere Vorgehen und werden dann aktiv. Es gilt, Briefe zu schreiben, Reporte und Berichte zu verfassen, E-Mail-Aktionen durchzuführen oder Demonstrationen und weitere Aktivitäten zu planen und vorzubereiten. Die 20-Jährige Pruitti war anfangs überrascht davon, wie viel es für sie zu tun gibt. „Ich lerne sehr viel bei der Arbeit und erlebe, wie eine kleine NGO funktioniert“, sagt die Praktikantin. Sie möchte nach ihrem Studium an der US-amerikanischen Universität Yale im Menschenrechtsbereich arbeiten.
Junge Menschen, die ihre berufliche Zukunft in einer Menschenrechtsorganisation sehen, sollten sich zunächst ihrer eigenen Intention bewusst werden, so Delius. Realismus gehöre zu der Arbeit dazu. „Wir können nicht den Anspruch erheben, ganze Regime verändern zu wollen“, sagt der studierte Jurist. „Das sind langwierige Prozesse und wir sollten uns als Rad in einer großen Maschinerie verstehen“. Pruitti lernt während ihres Praktikums, mit der Frustration umzugehen, die sie zeitweise bei Kontaktversuchen mit Regierungen und Medien erfährt. „Wenn nur zwei von hundert Menschen Interesse zeigen, sehe ich das als Erfolg“, sagt die Studentin internationaler Beziehungen.
Ein Praktikum in der GfbV sollte eine Mindestdauer von acht Wochen nicht unterschreiten, damit eine Kampagne von Anfang bis zum Ende erlebt werden kann. Um die Komplexität von Konflikten erfassen zu können, brauche es jedoch nicht nur Zeit, es erfordere eine Menge Flexibilität und Sensibilität, erläutert Delius. Er arbeitet bereits seit 23 Jahren in der nichtstaatlichen Organisation. „Ein Praktikant muss Einfühlungsvermögen haben und sich klar machen, dass es bei der Arbeit um Menschen geht“, sagt der 50-Jährige. Die GfbV arbeitet eng mit Betroffenen zusammen. Von der Papierebene wegzukommen und zu sehen, für wen man sich eigentlich engagiert, sei sehr wichtig, findet Delius, der bereits als 17-Jähriger Mitglied in der Organisation wurde. Die Begegnung mit Betroffenen war für Pruitti bisher die wichtigste Erfahrung. Die gebürtige Thailänderin schätzt insbesondere die Demonstrationen und Straßenaktionen, da sie dort vielen Mitgliedern der ethnischen Minderheiten begegnet ist. „Du siehst, dass es um Menschen geht und nicht um ein abstraktes Thema“.
Die GfbV ist eine Menschenrechtsorganisation, die sich gezielt für ethnische und religiöse Minderheiten einsetzt. Sie wurde 1970 gegründet. Der Sitz des Bundesbüros ist Göttingen. Die GfbV wird nicht mit Mitteln aus Regierung, Kirche oder staatlichen Einrichtungen finanziert und ist somit inhaltlich unabhängig. Sie versteht sich als Sprachrohr für bedrohte Völker und bringt Betroffene mit Politik zusammen. Direkt, indem Opfer zu Veranstaltungen nach Europa eingeladen werden oder indirekt durch Presseerklärungen und Reporte.
Von Maria Kern


