Das liest sich ja wie Herr der Ringe - vom Vergleichen, Beneiden und Durchhalten
Einmal Fallschirm springen, endlich Australien bereisen, das eigene Auto: Menschen haben viele Träume. Die einen sind größer, die anderen kleiner, und manche sind leider ziemlich teuer. Stephan Bellem, 23, war bei seinem Lebenstraum auch nicht eben bescheiden. Es kostete ihn satte 3 Jahre und 500, um sich seinen Herzenswunsch zu erfüllen: das eigene Buch. Selbst geschrieben, mit eigener Story, umgesetzt mit eigenem Schweiß und Fleiß. Welche Hürden er dabei nehmen musste, dass nach der ursprünglichen Idee jetzt endlich sein erster Fantasy-Roman im Regal stehen kann, hat seine Schwester Saskia, 27 und Stellenbörsen-Mitarbeiterin, ihn gefragt.
Saskia: In einer Zeit, wo alles immer technischer wird, wo die Menschen immer weniger lesen und das Fernsehen und das Internet die vorherrschenden Massenmedien sind, schreibst Du noch ein Buch. Warum?
Stephan: Gute Frage. Ich bin durch Rollenspiele vorgeprägt, und die sind sehr textlastig. Dadurch kam später meine Neigung zum Genre Fantasy. Das Wichtigste beim Rollenspiel für mich war das Ausdenken neuer Geschichten. Und natürlich hätte ich gerne einen Film gemacht, klar. Aber zwischen Buch und Film gibt es einen gravierenden Unterschied: beim Buch läuft der Film im Kopf ab, da erstellt der Leser die Bilder selbst. Das ist der große Vorteil beim Buch, dass es für jeden anders ist, weil jeder andere Bilder sieht.

Würdest Du gerne Dein Buch verfilmen?
Bei mir ist es so, dass mein Film im Kopf leicht einen richtigen Film hätte ergeben können, aber dazu fehlten mir schlicht und ergreifend die Mittel. Und für jemanden, dem keine Mittel zur Verfügung stehen, ist es eben einfacher, etwas aufzuschreiben. Denn Papier und Stift hat jeder. Klar, ich würde mein Buch liebend gerne verfilmt sehen, weil es ja auch in meinem Kopf die ganze Zeit verfilmt ablief. Das ist aber eine andere Herausforderung als beim Buch. Denn da arbeite ich ja alleine, während man bei einem Film im Team arbeitet. Als Schriftsteller bist Du Produzent, Regisseur und Drehbuchautor in einem. Du gibst die Richtung vor.
Du hast drei Jahre gebraucht, bis das Buch fertig war. Wie hast Du Dich die ganze Zeit über motiviert?
Es schreckt ab, ein solches Buch-Projekt durchzuziehen. Kanduras [der Titel seines ersten Romans, Anm. d. Verf.] war der 3. Anlauf zu einem Buch, der erste Versuch ist über 10 Jahre her. Damals war es mir wichtiger, in einer schicken Schnörkelschrift zu schreiben, als auf den Inhalt zu achten. Sah edel aus, es stand aber praktisch nichts drin. Den zweiten Versuch startete ich dann mit 18, so eine Art Tagebuch-Autobiographie. Das habe ich wieder gelassen, es erschien mir zu vermessen. Irgendwann nach dem Abi kam der Drang, es doch noch einmal zu versuchen, als eine Art Selbstbeweis.
Warum gerade Fantasy?
Es ist mein Lieblings-Genre, weil es alle Emotionen und Probleme der Gesellschaft zulässt, ohne dass alles plausibel erklärt werden müsste. Vieles kann man getrost der Mystik und der Magie überlassen. Schreibt man zum Beispiel einen Science-Fiction-Roman, muss der ganze Technik-Kram stimmen; schreibt man einen Gegenwartsroman, muss es realistisch und genau recherchiert sein.
Welche Schwierigkeiten hattest Du beim Schreiben?
Manchmal haben mir die Worte gefehlt, um meinen Film im Kopf darzustellen. Denn ich sehe eine bestimmte Szene oder Landschaft klar vor Augen, schreibe aber nicht alle Details auf. Da betrügt man sich quasi selbst. Beim Schreiben meines Buches musste ich die ganze Zeit im Hintergrund die passende Musik hören, ganz laut, um sozusagen alles um mich herum auszublenden. Nur so konnte ich mich in meine Geschichte reinfallen lassen. Ich habe sie richtig erlebt, wie ein Betrachter, und aufgeschrieben, was ich gesehen habe. Da fallen Details manchmal hinten rüber.
Hast Du Dir die Arbeit irgendwie eingeteilt?
Man muss sich darüber klar sein, welche Herangehensweise man beim Schreiben wählen möchte. Manche Autoren planen ihr Buch im Voraus. Sie stellen einen richtigen Stundenplan über den Ablauf des Plots auf. Andere Autoren schreiben einfach drauflos. Beides hat Vor- und Nachteile. Bei einem Drehbuch für das Buch hat man eine klare Vorgehensweise, ist aber mehr festgelegt und hat weniger Spielraum. Ich selbst habe mich entschieden, die Sache sich entwickeln zu lassen. Und habe dabei festgestellt, dass die Handlung sich mit der Zeit in ganz andere Richtungen bewegt hat, als ich das ursprünglich erwartet hatte. Das entwickelt dann so eine Eigendynamik, und das finde ich irgendwie klasse.
Wie groß war Dein zeitlicher Aufwand insgesamt?
Anfangs habe ich viel nachts geschrieben, wenn es ruhig ist und ich alleine bin. Dabei brauchte ich für eine DIN A 4-Seite ungefähr eine Stunde. Macht bei 100 Seiten also 100 Stunden. Aber hinzu kommen ja noch die vielen, vielen Stunden außerhalb des reinen Schreibprozesses, in denen ich über das Buch nachgedacht habe. Das nimmt alles sehr viel Zeit in Anspruch.
Wie hat Dein Umfeld reagiert auf die Tatsache, dass Du ein Buch schreibst?
Ich wurde meistens belächelt. Es war ein Glücksfall, wenn jemand mein Vorhaben für voll nahm. Und noch mehr Glück, wenn es jemanden tatsächlich interessierte. Anfangs habe ich es daher auch kaum jemandem erzählt, erst ganz spät habe ich meine Freunde und Familie eingeweiht. Schließlich wird von Leuten in meinem Alter nicht erwartet, ein Buch zu schreiben, und da wollte ich mir meiner Sache sicher sein, ehe ich jemandem davon erzählte.
Wieso reagieren die Menschen so, was glaubst Du?
Keiner kann sich darunter etwas vorstellen, was es heißt, ein Buch zu schreiben. Sie haben keine Ahnung und sehen keinen Grund, das zu tun. Außerdem sehen die meisten nur den materiellen Aspekt: ein Buch zu schreiben lohnt sich nicht, also machen sie es nicht. Denn sie denken in dem Schema, wer ein Buch schreibt, muss es auch verlegen, sonst ist es kein Erfolg oder kein richtiges Buch. Das ähnelt ein bisschen dem Hausfrauenproblem: niemand glaubt, dass es wirklich Arbeit ist, ein Buch zu schreiben. Jaja, mach Du mal, das glaube ich erst, wenn ichs sehe oder dann bist Du ja bald der große Bestsellerautor - das waren in der Regel die Reaktionen.

Warum hast gerade Du durchgehalten?
Weil ich den Willen dazu hatte. Außerdem hatte ich während des Schreibprozesses immer wieder Teile des Romans im Internet in gängigen Fantasy-Foren veröffentlicht und gesehen, dass das Interesse und der Zuspruch groß sind. Das hat mich ungeheuer motiviert, weiter zu machen.
Und wie sehen die Reaktionen jetzt aus, wo das Buch fertig ist?
Viele sind überrascht, dass ich es wirklich zuende gebracht habe; aber wenn sie hören, dass ich dabei nichts verdiene, sondern sogar draufzahle, werde ich doch wieder belächelt. Und bei vielen habe ich den Eindruck, dass sie die Sache unbedingt madig machen wollen. Viele Leute scheinen auch nicht zu verstehen, dass der Buchmarkt in Deutschland ein ganz hart umkämpftes Pflaster ist. Schließlich werden von Tausenden von ungefragten Manuskripteinsendungen jedes Jahr nur ganz wenige tatsächlich verlegt.
Welche Rolle spielt dabei das Genre?
Bei Fantasy ist es ohnehin schwierig, weil es nach wie vor ein Nischengenre ist. Und solange - wie momentan zu beobachten - die Verlage lieber die Werke von Möchtegern-Autoren wie Dieter Bohlen und Co. verlegen, haben es neue Autoren erst recht schwer.
Um doch mal die finanzielle Seite anzusprechen: Wieviel Geld hast Du investiert?
Ich habe mir meinen Traum vom Buch mit 500 bezahlt, also der Summe, die der Print-on-Demand-Verlag dafür haben wollte, es in sein Sortiment aufzunehmen. Mit allen Büchern, die ich bisher verkauft habe, belaufen sich meine Unkosten nur noch auf knapp 400, Tendenz sinkend. Dafür habe ich jetzt etwas, worauf ich stolz sein kann und das bei mir im Regal steht. Es ist ein erhebendes Gefühl, meinen eigenen Namen in meinem Regal zwischen Namen wie Tolkien und Salvatore stehen zu sehen.
Inwieweit reizt Dich der Gedanke, mit einem Buch etwas Unvergängliches geschaffen zu haben?
Es ist schon ein Stück Unsterblichkeit, das man damit erreicht. Mein Buch wird mich bestenfalls überdauern, weil man es im Idealfall noch in 200 Jahren lesen kann. Außerdem verewigt man sich in so einem Buch, weil jeder Autor auch einen guten Teil seiner Persönlichkeit einfließen lässt. Aber ich persönlich bin auch nie mit der Rechnung an die Sache heran gegangen: Buch schreiben = berühmt werden = davon leben können. Mit meinem persönlichen Exemplar habe ich bereits alles erreicht. Und ganz generell denke ich, dass auf der Welt genug Platz ist für jede Geschichte.
__________________________________
Stephan Bellem, Jahrgang 1981, studiert in Heidelberg Soziologie. Kanduras mit dem Helden Telor ist sein erster Fantasy-Roman, an der Fortsetzung arbeitet er gerade. "Kanduras - Der Paladin" ist zu beziehen bei ubooks, bei amazon oder im Buchhandel. Stephan liest aus Kanduras in Heidelberg in der Buchhandlung "FunFiction" am Welttag des Buches, dem 23.04. Weitere Infos hier klicken.


