Von roten Teppichen und roten Nasen Arbeiten auf der Berlinale
So schön sie auch ist, unsere Hauptstadt es ist verdammt kalt hier. Schnee wird zu Wasser wird zu Eis wird zu Matsch, der eisige Ostwind dringt noch in die kleinste Pore und überall schniefende und triefende Nasen. Nicht nett.
Foto: Internationale Filmfestspiele Berlin
Aber so ist das halt, wenn die Herren und Damen Wichtig ihr geliebtes Filmfestival unbedingt hervorheben wollen: ursprünglich fand es im Sommer statt, genau wie das provencalische Pendant Cannes. Zu wenig Abstand, wurde befunden, und die ganze Chose schlicht verlegt in den Februar. Draußen Frost und innen Heizung: da hatte es angeblich sogar Jurymitglied Franka Potente mit Grippe nieder gestreckt. Dabei ist sie doch sicher liquide genug, sollte man meinen, um sich mittels teurer ostasiatischer Heilmittelchen und persönlichem Gesundheitsberater gegen so was unstarhaftes und grässlich ordinäres wie eine gemeine Grippe zu wappnen. Irgendwie sympathisch, nicht?
Ich für meinen Teil kenne das deutsche Wetter und das Berliner ja (bei einem Besuch nach Ostern im April vor wenigen Jahren fing es an zu schneien, als ich mich gerade zum Sandalenkauf aufmachen wollte) und habe mich dementsprechend ausgerüstet mit Wind- und Wetterjacke, festen Schuhen, Mütze und Handschuhen eben dem ganzen Programm. Da kann ich mich echt nur wundern, wenn die Stars der Filmindustrie dann abends zu den Premieren im Trägerkleidchen erscheinen man erinnere sich an die skandalumwitterten und insgeheim für heiß befundenen Fetzchen des Jurymitglieds aus China, deren Namen, nicht aber deren spektakuläre Outfits ich längst vergessen habe. Ist es eigentlich verboten, als Preisträgerin im Rollkragenpullover zur Verleihung zu erscheinen? Wird man dann vom hausinternen Style-Watch-Team Kosslicks verhauen?
Jaja, die Berlinale. Auf die Frage, wie es denn gewesen sei, antworte ich mittlerweile standardmäßig nur noch Ein Affenzirkus. Wie soll man das auch sonst beschreiben, diese gigantomanische Maschinerie, diesen Rummel, diese .diese Leibschau?? Um mal ein par Zahlen zu nennen: Auf der Berlinale kann ja nicht jeder Hans und Franz arbeiten. Da dürfen selbstverständlich nur die Besten der Besten rein, die Tollsten und Wichtigsten sprich: der Besitzer eines DVD-Verleihs, der Betreiber eines Kinos, die Studentin der Filmwissenschaft. Ausschließlich durchlauchte und unverzichtbare Fachbesucher, insgesamt 16.000. Dazu kommen noch mal 4.000 Journalisten aus dem In- und Ausland.
Und zwar aus dem Ausland nur solche, deren Arbeitgeber sich den Spaß leisten können, das beste Pferd im Boulevard-Feuilleton-Stall für 10 Tage ins ferne Deutschland zu schicken. Aus den unendlichen Weiten unserer schönen Republik jedoch sind sie alle gekommen, alle, die stets eine lückenlose Berichterstattung aus deutschen Auen gewährleisten: die großen Fernsehanstalten in der Ersten Reihe, wo sie auch mit dem Zweiten Auge noch gut sehen können. Deren Kameramänner (und wenn wir mal ganz ehrlich sind, hat hier das und -frauen wirklich nichts verloren, Gender-p.c. hin oder her) knallen in regelmäßigen Abständen den sich dahinter mit ihrer tonnen- und millionenschweren Ausrüstung abmühenden Fotografen ihre Geräte vor die Stirn. Diese rammen dafür sozusagen zum fairen Ausgleich denen in der Hierarchie noch weiter unten rangierenden und ganz hinten irgendwo auf Zehenspitzen taumelnden Herrschaften von den Lokalmedien ihr Stativ in die Magengrube. Dabei wollen sie doch auch nur mal ein bisschen was vom Glanz der Veranstaltung ins heimatliche Blättchen bringen, und wenns nur Keanu Reeves auf der Leinwand vor dem Saal der Pressekonferenz ist.
Und wenn man dann wie ich ohne Mikrofon, Kamera oder Fotoapparat unterwegs ist, hat man eigentlich gleich ausgeschissen. Da hilft es nur, in der Journalistenschreibstube, angesiedelt im noblen Grand Hotel Hyatt am Potsdamer Platz, dem Nachbarmann heimlich auf den Bildschirm zu linsen, in der Hoffnung, er schreibt gerade was total insidermäßig Cooles über Shootingstar Julia Jentsch und ist nicht gerade ein Korrespondent aus Korea.
Ich habe viel nachgedacht dieser Tage. Vor allem über mich selbst und mein ambivalentes Verhalten gegenüber dem Star-Tum. Was soll ich sagen .ja, auch ich habe den Kopf gereckt, auch ich habe meine Kamera hochgehalten und blind Fotos gemacht, auch ich wollte was sehen, einen Zipfel Ruhm erspähen! Jawohl!
Und gleichzeitig finde ich genau das verachtenswert und peinlich, andere Menschen dermaßen zu objektifizieren; zu glauben, dass von ihrem Schein etwas auf mich abfallen würde; dass ich mich selbst aufpolieren kann, wenn ich zu berichten in der Lage bin, dem und dem die Hand geschüttelt oder die und die gesehen zu haben seufz. Ich kann dazu nur eins sagen:
Selber hinfahren, hingehen, hingucken. Denn, ich meine, hey - es ist trotz allem die Berlinale! Noch dazu neben erwähntem Cannes und Venedig das wichtigste internationale Filmfestival! Und m. E. auch deutlich wichtiger als der aufgeblasene Oscar, der nun wirklich nicht ernsthaft mit seinem läppischen Best foreign film als international durchgehen kann. Trotz Schnee und Eis, trotz kranker Jurymitglieder und eskortierter Stars, trotz stundenlangen Schlangenstehens und ewiger Warterei in überheizten Kinosälen irgendwie war es zweifelsohne auch geil. Ne geile Zeit.
Von Saskia Bellem


