Zivildienst im Kindergarten
Jonas hat seinen Zivildienst in einem Kindergarten absolviert. Was eigentlich als Hausmeisterjob gedacht war, wurde letztendlich zu einer Erfahrung, die ein Neunzehnjähriger eher selten macht: „Denn diese neun Monate waren schon eine ganz besondere, ganz erstaunliche Zeit.“
Es gab mehrere Gründe, weshalb Jonas sich gerade für einen Job im Kindergarten entschied. Die Stellenbeschreibung sah vornehmlich Hausmeistertätigkeiten vor: Putzen, Basteln, Reparieren und auch mal Laufjungenaufträge erledigen. Das Mädchen für alles eben. Diesem Job blickte der angehende Maschinenbauer gelassen entgegen. „Doch auch die Arbeit bei und mit den Kindern war ein Anreiz, unbedingt.“ Offiziell wird die Betonung mehr auf ein „bei“ als auf ein „mit“ gelegt. Jonas allerdings war bei den Kindern sehr schnell sehr beliebt – und wurde so bald als Verstärkung der Erzieherinnen eingesetzt. Der Kindergarten, bei dem er seinen Zivildienst ableistete, ist eher klein, besteht aus zwei Gruppen à jeweils dreiundzwanzig Kindern. Da momentan versucht wird, zusätzlich eine Krabbelgruppe aufzubauen, sind sechs der Kinder sogar noch jünger als drei Jahre.
Da gibt es natürlich genug Aufgaben für einen Zivi. Jonas’ Arbeitstag begann um halb acht, wenn die ersten Kinder eintrudelten. „Das Schöne an der ersten Stunde war immer, dass nicht so viel los war, dass man mal richtig Zeit hatte, sich auf die Kinder einzulassen und auch mal länger mit ihnen zu spielen.“ Ansonsten war es Jonas’ Aufgabe, „sich nützlich zu machen“. Das hieß: einspringen, wenn Not am Mann war – und das im wörtlichsten Sinne. Denn in einer „Familie“, die aus fünf Frauen und sechsundvierzig Kindern besteht, ist eigentlich immer „Not am Mann“. „Wer sich auf diesen Job einlässt, muss damit rechnen, dass es ständig heißt: Zivi, mach mal dies, mach mal das. Da wird man auch mal ganz schön herumgescheucht.“ Der Vorteil: „Die Aufgaben sind vielfältig, Routine kommt selten auf. Und dann sind da ja auch noch die Kinder, die schon dafür sorgen, dass dir nie langweilig wird…“ Solange der Kindergarten geöffnet war, werkelte Jonas also mal hier, mal da rum. Er war für alles, was auch nur ansatzweise mit Technik zu tun hat, zuständig, baute so beispielsweise im ganzen Haus neue Regale ein, reparierte, schraubte, bastelte. Er wurde zum Einkaufen geschickt: „Windeln, Lätzchen, Babybrei… und das ganze in zwanzigfacher Ausführung! Da erntet man schon manchmal den einen oder anderen erstaunten Blick…“ Und er kümmerte sich um die Kinder. „Ich habe unglaublich viel gelernt in dieser Zeit. Die Jüngste der Truppe war ein halbes Jahr alt und wurde mir eines Tages einfach in die Hand gedrückt: Wechsel mal ihre Windel und dann kannst du sie anziehen.“ Also los! Zu einem Zivijob im Kindergarten gehört schließlich auch, sich nicht bange machen zu lassen. „Und es hat ja dann auch alles wunderbar geklappt. Meine größte Herausforderung war, als ich die Kleine einmal in eine komplette Skiausrüstung stopfen sollte.“ Doch nach all der Übung: kein Problem mehr für Jonas.
Um zwölf wurde gegessen, einmal die Woche sogar zusammen gekocht – und heute ist Jonas auch im Babybrei-Füttern Weltmeister! Außerdem: „Wenn mal was daneben geht: zur Not gibt’s ja auch noch die Lätzchen…“ Gegen halb zwei wurden die Kinder dann abgeholt und Jonas durfte sich ans Putzen und Aufräumen machen. Gegen vier war dann auch sein Tag beendet. „Anstrengend? Das schon. Doch das wirklich Faszinierende an dieser Arbeit war ja: Wenn ich manchmal um halb acht ankam, müde, genervt, schlecht gelaunt, und wenn dann die ersten Kinder auf mich zu rannten und begannen, an mir hochzuspringen und mit mir rumzutollen – dann war alle Müdigkeit sofort verflogen und ich wusste, auch dieser Tag wird toll. Was ich an Erfahrung aus meiner Zivizeit mitgenommen habe? Das eine: wenn Kinder in der Nähe sind, kann man einfach nicht lange schlecht gelaunt bleiben!“
Also, ein wirklicher Traumjob? Vielleicht. Allerdings nicht für jeden. Denn, so erklärt Jonas, solltest du doch auch ein paar Grundvoraussetzungen mitbringen. Damit die Arbeit Spaß macht, damit die Arbeit eigentlich gar keine Arbeit mehr ist. Zum einen wäre es natürlich nicht schlecht, wenn du über eine gewisse handwerkliche Begabung verfügst. Denn, wie gesagt, der eigentliche Job ist der eines Hausmeisters, und wenn Jonas sich zusätzlich auch als Betreuer betätigen durfte, so wurde er doch auch als Techniker und Bastler voll und ganz eingesetzt. Sein Meisterwerk: Ein mehrstöckiges Puppenhaus, selbst gebaut bis ins letzte Detail und bis heute Prunkstück und Lieblingsspielzeug des gesamten Kindergartens. Zudem darf man sich jedoch nicht zu schade sein, auch lästigere Aufgaben zu erfüllen. Toilettenputzen und den Laufjungen spielen sind Bestandteile vieler Zivijobs, und auch im Kindergarten führt kein Weg hieran vorbei. Gestört hat Jonas das aber selten, denn: Auch das gehört nun einmal dazu. „Richtig genervt war ich eigentlich nur nach der Faschingsfeier. Überall Konfetti, überall Luftschlangen! Und jedes Mal, wenn ich dachte, na, endlich hab’ ich sie alle, tauchten in irgendeiner Ecke wieder welche auf…“ Die zweite Voraussetzung, die du erfüllen solltest, ist natürlich das Talent im Umgang mit Kindern, jedoch auch die persönliche Freude daran. Und hierfür genügt es leider nicht, kinderlieb zu sein. „Man muss es auch schon selbst einfach als riesengroßen Spaß, als Bereicherung empfinden, mit den Kindern spielen zu dürfen, für die Kinder da zu sein, sich um sie zu kümmern, mit ihnen zu reden und auch mal einfach Quatsch mit ihnen zu machen.“ Denn Kinder merken es sehr wohl, wenn du es als „Arbeit“ betrachtest, deine Zeit mit ihnen zu verbringen. Und damit tust du dann weder ihnen noch dir einen Gefallen.
Von Ines Schipperges


