FIFA-WM 2006 in Deutschland - "Um jeden Preis dabei!"
Das sagte sich Carola Croll und bewarb sich als Volunteer in Hannover. Mit Erfolg, wie sich nach langer Zeit des Bangens endlich herausstellte. In einem Erfahrungsbericht schreibt sie über ihr vielfältiges Aufgabefeld, die Photomanie der Fans und tanzende Ghanaer.
FIFA-WM 2006 in Deutschland – da wollte ich natürlich unbedingt dabei sein. Der erste Versuch schlug fehl. Meine Eltern hatten sich um Tickets beworben, mangels meiner Personalausweisnummer – der war gerade abgelaufen - konnte ich das leider nicht tun. Groß war dann die Enttäuschung als ich erfuhr, dass sie Glück hatten und Tickets für das Spiel Schweiz gegen Südkorea am 23.6. in Hannover bekamen. 
Aber so leicht wollte ich nicht aufgeben. Ich war schon immer ein Glückskind und beschloss an sämtlichen Gewinnspielen teilzunehmen, die es erwartungsgemäß vor und während der WM geben würde. Ich würde dabei sein – egal wie und wann und wo. Doch soweit ist es gar nicht erst gekommen. Ich weiß nicht mehr wie, aber ich entdeckte eine weitere Möglichkeit.
Ich bewarb mich als Volunteer. Ungefähr ein Jahr vor dem Beginn der WM begann ich mit der Bewerbung. Zunächst die Anmeldung über ein Internetportal und dann das Ausfüllen der Bewerbungsbögen – eigentlich wie bei jedem anderen Job auch, nur dass ich diesen unbedingt haben wollte, auch wenn er nicht einmal bezahlt wurde. Über den Sommer hinweg schrieb ich dann auch immer mal wieder an der Bewerbung, bis schließlich das Portal geschlossen wurde.

Danach habe ich lange nichts von der FIFA gehört, keine Eingangsbestätigung, keine weiteren Fragen, gar nichts mehr. Ade WM, Hallo Preisausschreiben - so dachte ich zunächst; bis eine Mailboxnachricht meiner Eltern mich aus dem stupiden Unialltag des Novembers riss. „Carola, melde dich sofort bei uns!“ Bestürzt rief ich zu Hause an, dachte schon an tote Familienmitglieder oder schwere Überschwemmungen in der Heimat, doch es war etwas weitaus Erfreulicheres – ich sollte dringend in Hannover anrufen, um einen Termin für ein Bewerbungsgespräch als Volunteer zu vereinbaren. Das war an einem Freitag. Am Sonntag saß ich in der AWD-Arena, probierte Adidas-Turnschuhe an und fragte vergnügt, ob wir wohl mal ein bisschen aufs Spielfeld gehen und kicken könnten. Ob es nun meine klare Fußballbegeisterung oder meine tadellosen Englischkenntnisse waren, ich weiß es nicht. Nach weiteren langen Monaten bekam ich kurz die Zusage, als Volunteer in Hannover angenommen worden zu sein.

Doch immer noch musste ich warten: März, April, Mai und endlich Juni. Zwischendurch wurden wir – inzwischen kannte ich jede Menge anderer Hannover-Volunteers – durch Kick-Off, Schulungen und andere tolle Events auf die WM vorbereitet. Die Spannung wuchs und als ich dann meinen ersten Einsatz im blauen Adidas-Outfit hatte, hätte man meinen können, ich sei ein Spieler auf dem Weg zum Spielfeld und nicht bloß eine von 15.000 anderen blauen Volunteers dieser WM.
Mein Einsatzgebiet war die Fan-Betreuung auf dem Fan Fest Hannover und obwohl es anfänglich etwas langweilig wirkte, da unsere Hauptaufgabe das Zählen der Besucher des Fan Festes zu sein schien, haben wir schnell gemerkt, dass man auch aus dem langweiligsten aller Jobs etwas machen kann. Wir haben schnell Aufgaben hinzugesammelt, von denen die lustigsten wohl das Bewachen einer Herde Pferdefiguren in Fußballtrikots vor dem Ansturm polnischer oder Schweizer Reitbegeisterten oder das Anmalen von Fans waren.
So viele verschiedene Menschen wie wir haben wirklich nicht alle Volunteers kennen gelernt.
Wer waren meine Lieblingsfans? Das ist schwer zu sagen. Natürlich habe ich eine Schwäche für Italiener, aber das liegt sicherlich daran, dass ich weiblich, blond und schon als Kind oft in Italien im Urlaub gewesen bin. Aber die Ghanaer haben eine ziemlich coole Party gefeiert. Ein Mann hat eine halbe Stunde lang mit einer vollen Wasserflasche auf dem Kopf getanzt. Hatte er Durst, ließ er sie fallen, trank einen Schluck und stellte sie dann zurück auf den Kopf. So etwas sieht man nicht alle Tage.
Als Göttingerin habe ich mich natürlich mit den Mexikanern solidarisiert, schließlich haben sie bei uns gewohnt und waren wirklich zu Gast bei Freunden. Ganz Göttingen war im Mexiko-Fieber und manchmal sieht man auch jetzt noch grüne Trikots und kleine Mexiko-Fahnen. Dann steigt in mir ein kleines Sehnsuchtsgefühl auf und ich kann mir fast vorstellen die WM wäre noch nicht vorbei. 
Die Südkoreaner waren die nettesten Fans. Sie wollten nicht nur ihre eigene Flagge auf die Wange geschminkt bekommen, sondern auch gleich noch die der Schweiz, schließlich sind wir alle Freunde. Auch konnte es vorkommen, dass man nicht nur gebeten wurde Photos von den Fans zu machen, sondern einfach selbst mit aufs Photo gezogen wurde und hinterher seine E-Mail Adresse aufschreiben sollte, um irgendwann einmal ein Photo von irgendeinem Südkoreaner zugeschickt zu bekommen, an den man sich vielleicht gar nicht mehr genau erinnern kann. Egal, wir sind alle Freunde und wem gefällt denn nicht die Vorstellung als Repräsentant seines Landes auf einem Photo in Seoul oder Tijuana zu hängen. Ja, auch die Mexikaner haben fleißig Volunteers photographiert und Adressen getauscht.

Wir Volunteers untereinander haben neue Freundschaften geschlossen. Schließlich haben wir jeden Tag gemeinsam Fans gezählt, bemalt und von den Pferden geschmissen. So etwas verbindet natürlich. Also haben wir Deutschen jetzt neue Freunde in Italien, Frankreich, Holland, Mexiko, Kanada und Brasilien, die wir natürlich auch gerne mal besuchen dürfen – wir zu Gast bei der Welt. Und in zwei Jahren sind bestimmt einige von uns bei der EM in Österreich und der Schweiz dabei. Wir wissen jetzt, wie viel Spaß es machen kann Volunteer zu sein und dass manche Erfahrungen eine weitaus bessere Bezahlung sind als Geld es jemals sein könnte.
Von Carola Croll


