Interview mit der Hamburger Studienrätin Karin Brose
Karin Brose führte im Jahr 2000 an ihrer Schule als Erste deutschlandweit einheitliche Schulkleidung ein, unterstützt den bundesweiten Einsatz von Schulkleidung und veröffentlichte nun gemeinsam mit Wolfgang Pfaffe das Buch ‚Survival für Lehrer‘ in dem sie ihren Kollegen und Kolleginnen nützliche Ratschläge für das alltägliche Leben als Lehrer vermittelt. In einem Interview mit Stellenboersen.de steht Frau Brose Rede und Antwort zu ihrem neuen Buch ‚Survival für Lehrer’, dem Beruf als Lehrer und ihrem Spezialgebiet Schulkleidung.
Stellenboersen.de stellte Karin Brose folgende Fragen:
Frau Brose, was motivierte Sie dazu, Ihr Buch ‚Survival für Lehrer‘ zu schreiben?
Der Umstand, dass in der Bildung zu viel falsch läuft. Die Realitäten sind den meisten Menschen nicht bekannt.
Was würden Sie sagen, ist das Besondere an Ihrem Buch, im Gegensatz zu anderen Lehrer-Ratgebern auf dem Markt?
„Survival für Lehrer“ erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist deshalb nur in Ansätzen ein Ratgeber. Vielmehr übt das Buch schonungslos Kritik an der Bildungspolitik. Es gibt Einblicke in den Schulalltag, über die sonst niemand spricht. Ich hoffe, die Survival-Tipps kommen ohne erhobenen Zeigefinger herüber und veranlassen die Leser bei allem Ernst auch zum Schmunzeln.
Sie weisen schon in der Einleitung darauf hin, dass das Buch ebenfalls für Lehramt-Studenten gedacht ist, um sich besser über Ihren Beruf zu informieren. Würden sie angehenden Studenten heute noch empfehlen ihren Beruf zu erlernen?
Ich würde angehenden Lehramtsstudenten empfehlen, vor Studienbeginn ein halbes Jahr für ein Praktikum in eine der schwierigeren Schulen ihres Einzugsgebietes zu gehen. Nur im Alltag kann man herausfinden, ob man den Anforderungen dieses nicht nur schönen, sondern auch sehr belastenden Berufes gewachsen ist.
Was ist das besondere am Beruf des Lehrers? Was hat sie damals motiviert diesen Berufsweg einzuschlagen?
Das besondere am Lehrberuf ist, dass man sich täglich und stündlich neu auf junge Menschen einstellen muss und darf, was äußerst spannend ist. Die Schulzeit ist die wichtigste Zeit im Leben. Hier werden die Grundlagen für das spätere Erwerbsleben gelegt. Hier ist der Raum für die individuelle und soziale Entwicklung eines jungen Menschen.
Ich wollte Kindern und Jugendlichen „Füße fürs Leben“ geben und ich bin ein Alpha-Tier. Deshalb wusste ich, dass ich das kann. Mir gelingt der Ebenenwechsel zu anderen Menschen gut.
Welche Schattenseiten hält der Beruf bereit?
Man kann nur schwer abschalten. Die Probleme und das Hintergrundwissen über die Familien der Kinder belasten auch noch nach Schulschluss. Zudem fehlt die Unterstützung seitens der Regierung, denn Bildung ist noch immer parteipolitisch ausgerichtet und unterfinanziert. Die dadurch fehlende Kontinuität von Bildungsreformen baden die Lehrer und die Schüler aus.
Welches sind Ihrer Meinung nach die größten Fehler, die Lehrer immer wieder machen?
Sich zu überschätzen, nicht ausreichend für sich zu sorgen, was ihre Gesundheit betrifft, zu schweigen, statt laut zu sagen, wo es im Job hapert.
Sind Sie der Meinung, dass der Beruf heute schwieriger ist, als noch vor 20 Jahren? Wenn ja, aus welchen Gründen?
Der Beruf ist heute zum einen deshalb schwieriger, weil Bildung an sich an Wert verloren hat. Da grenzt der Unterricht bei manchen Kindern an Zwangsbeglückung. Zum anderen gibt es heute weit mehr sozial schwache Familien, die mit ihrem Leben nicht zurecht kommen. Schule und Bildung der Kinder kommen da in der Reihe der Bedürfnisse sehr spät.
Ist die so genannte ‚Jugend von heute‘ ein wirklich so unlösbares Problem geworden?
Nein, zum Glück nicht „die Jugend“. Man müsste nur konsequent in eine Langzeit-Kampagne zur Wertsteigerung und Bewusstmachung von Bildung investieren. Gute Leistungen müssen wieder toll sein. Das hieße aber auch, dass anschließend an die Schule ausreichend Ausbildungsmöglichkeiten folgen müssten. Kinder und Jugendliche sind schnell zu begeistern, wenn man die richtigen Knöpfe drückt. Stars und Sportler haben bei einer solchen Kampagne starke Wirkung.
Wo liegen denn die Defizite der Kinder und Jugendlichen? Wo sehen sie Ansatzpunkte um dieser negativen Entwicklung entgegen zu wirken?
Wer keine Vokabeln lernt, wird eine Sprache nicht lernen. Wer Matheregeln nicht paukt, wird keine Aufgaben lösen und wer nicht lesen übt, wird nichts begreifen. Alles eine Frage des elterlichen Vorbildes und der Motivation.
Wenn sie einem jungen Lehrer in nur einem Satz die wichtigsten Tipps Ihres Buchers zusammenfassen müssten, was würden sie dann sagen?
Sei du selbst. Versuche nicht, eine Rolle zu spielen. Ziehe schnell die Konsequenzen, wenn du merkst, dass diese Arbeit nicht dein Ding ist.
Zum Thema Schulkleidung:
Sie verwenden extra den Begriff Schulkleidung, anstatt der alteingesessenen Bezeichnung Schuluniform. Aus welchem Grund?
Wie ich in „Schulkleidung ist nicht Schuluniform“ geschrieben habe, ist Deutschland aufgrund seiner Geschichte nicht das Land für Uniformen. Uniformen werden von Obrigkeiten verordnet. Schulkleidung wird demokratisch von Eltern angewählt und beschlossen.
Welches sind die Unterschiede der auf Ihrer Internetseite vorgestellten Kollektion zu der alten, ursprünglichen „Schuluniform“?
Schulkleidung ist eine Kollektion aus vielen verschiedenen Textilien. Jeder kann das aussuchen und tragen, was ihm steht, was ihm gefällt. Er muss sich nicht mit einer festgeschriebenen Uniform verkleiden.
Welche Vorteile sehen sie in der Verwendung von einheitlicher Schulkleidung in einer Schule? Welche positiven Erfahrungen haben Sie an Ihrer Schule gemacht?
Es gibt nur positive Seiten an Schulkleidung. Sozial Schwache gehören durch einheitliche Kleidung besser dazu. Das Zusammengehörigkeitsgefühl wächst. Durch den Wegfall vieler Konflikte oder psychosomatischer Ausfälle, findet mehr Unterricht statt. Schüler schaffen deshalb bessere Abschlüsse. In unsere Schule ist mit der Schulkleidung ein neuer Geist von Achtung und Miteinander eingezogen.
Wie waren die ersten Reaktionen Ihrer Schüler auf die neue einheitliche Kleidung?
Erst verhalten, dann als wir von grün auf blau wechselten begeistert. Allerdings muss man sagen, dass ca. 15 -20 % unserer Kinder es nicht schaffen, täglich die Schulkleidung zu tragen. Sie brauchen die Selbstdarstellung. Sie müssen sich durch Mode und Marken definieren. Unglücklicher Weise handelt es sich dabei meist um sozial Schwache oder Migranten.
Was würden sie dem Argument vieler ‚Uniform-Gegner‘, dass Schulkleidung der Individualität der Jugendlichen keinen Platz gibt, entgegen bringen?
Es ist genau anders herum. Nur wer sich nicht mit Mode oder Marken verkleiden muss, um dazuzugehören, kann sich individuell und frei entfalten. Nur, wer die Verpackung seiner Mitschüler nicht überbewertet, schaut genau hin. Schüler in Schulkleidung können ihre Kompetenzen ganz frei entfalten. Man sollte sich fragen, ob Selbstdarstellung in der Schule einen großen Raum einnehmen sollte, oder doch eher das streben nach Wissen. Ich bin eine eingefleischte Individualistin. Das Tragen der Schulkleidung schadet mir nicht. Ganz im Gegenteil, ich spare morgens enorm Zeit.
Finden sie, dass in einer Schule Zusammengehörigkeit vor Individualität des Einzelnen steht?
Eine Schule ist eine Zwangsgesellschaft. Man kann sich seine Mitschüler nicht aussuchen. Daher ist ein konfliktfreies Zusammenleben äußerst wichtig. Optimal läuft es, wenn es dem Lehrer gelingt, die Schüler zum Zusammenhalt – einer für alle, alle für einen – zu motivieren, unter besonderer Würdigung und dem Empfinden von Stolz auf die Individualität und Leistungen von Mitschülern. In meinen Klassen herrscht meist großes Wohlwollen gegeneinander. Da gibt es offenen Applaus, wenn einer toll abgeschnitten hat. Wir sind stolz auf Einzelleistungen, aber am meisten doch auf unsere tolle Klassengemeinschaft, die den Schülern Halt und Vertrauen gibt.
Vielen Dank für das Interview !

