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Berufsziel Journalismus – Interview mit der Literaturkritikerin Frauke Meyer-Gosau

Literaturkritik ist nur eines von vielen journalistischen Berufsfeldern. Viele Studenten träumen von einem Einstieg in den Journalismus, dabei hat das wissenschaftliche Studium eines Geisteswissenschaftlers häufig wenig mit der Sprache eines Literaturkritikers gemeinsam. Die Universität Göttingen bietet ihren Studenten die Möglichkeit, einen Einblick in das Feld der Literaturkritik zu bekommen. Seit zehn Jahren wird eine Gastprofessur im Bereich Literaturkritik angeboten, bei der verschiedene Gastdozenten alles rund um das Thema „Literaturkritik“ unterrichten.

Interview mit der Literaturkritikerin Frauke Meyer-Gosau
Interview mit der Literaturkritikerin Frauke Meyer-Gosau

Dieses Jahr hat Frauke Meyer-Gosau die Aufgabe übernommen, einen Literaturkurs am Deutschen Seminar zu leiten. Frauke Meyer-Gosau ist seit 2001 Redakteurin der Zeitschrift „Literaturen“. Sie studierte Literatur-, Theater- und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und an der Universität Bremen. Als Lektorin und Gastprofessorin arbeitete sie bereits in Slowenien, Australien und den USA und war als Literaturredakteurin für die „tageszeitung“ tätig. Die Onlineredakteurin Kerstin Voy sprach mit Frauke Meyer-Gosau über ihr Seminar und ihre Tätigkeit als Literaturredakteurin.

Was wollen Sie den Studenten in ihrem Seminar vermitteln?

Ich will den Studenten vor allem Lust an der Belletristik vermitteln. Der Lesegenuss geht zum Teil während des Studiums verloren. Die Studenten sollen sich für ihre eigene Sprache sensibilisieren und deren Eleganz schätzen lernen. Man kann unglaublich viel mit Sprache experimentieren, muss sich aber der Möglichkeiten und Wirkungen bewusst sein.

Lernen Sie auch selbst etwas durch die Arbeit mit den Studenten?

Das Seminar ist auch für mich eine tolle Sache. Als Literaturkritikerin beschäftige ich mich jeden Tag mit Literatur; dabei muss man immer aufpassen, die Leser nicht aus dem Blick zu verlieren. Im Unterricht bewerten die Studenten ihre eigenen Rezensionen und verraten mir so etwas darüber, wie sie Literaturkritiken lesen.

Wie gefällt Ihnen die Arbeitsatmosphäre im Kurs? Haben Sie schon den einen oder anderen mit einer Begabung für das Rezensieren entdeckt?

Ich bin überwältigt von den guten Ideen der Studenten. Das sind junge Leute, die wirklich interessiert sind und intensiv im Unterricht mitarbeiten. Die Studenten sind offen und bereit, sich auf einen anderen Umgang mit der Sprache einzulassen. Die Ergebnisse sind wirklich toll.

Germanisten gehen wissenschaftlich an ihre Arbeiten heran und verwenden einen Schreibstil, der mit dem der Literaturkritik gar nicht vergleichbar ist. Passen die beiden Bereiche überhaupt zueinander?

Ja, ich denke schon, dass die beiden Bereiche zu vereinbaren sind. Natürlich gibt es ganz verschiedene Idiome innerhalb derselben Sprache. Die wissenschaftliche Sprache der Germanisten unterscheidet sich von der Privatsprache oder der Sprache der Journalisten. Ich versuche den Studenten das Feld näher zu bringen, das im weitesten Sinne von der Ästhetik bestimmt ist. Das ist mir in diesem Seminar besonders wichtig.

Welche Fächer sollte man studieren, wenn man Literaturkritiker werden will?

Der klassische Weg ist natürlich die Journalistenschule. Viele meiner Kollegen kommen aber mit einem Uni-Abschluss auch aus den Geistes- oder Kulturwissenschaften.

Wussten Sie schon während Ihres Studiums, dass Sie Literaturkritikerin werden möchten?

Ich wusste schon immer, dass ich schreiben will. Wie sich das beruflich entwickeln würde, war mir aber lange gar nicht klar. Ich habe immer geschrieben und dabei ist es dann glücklicherweise auch geblieben.

Sie haben an verschiedenen Universitäten studiert und auch im Ausland gearbeitet. Hat Ihnen Ihre Arbeit im Ausland bei Ihrem weiteren Berufsweg geholfen?

Heutzutage wird bei Bewerbungen ja besonders darauf geachtet, dass man eine Zeit lang im Ausland gewesen ist. Das war früher ganz anders. Es war eine Besonderheit, aber kein Vorteil.

Sie haben aufgrund Ihrer journalistischen Tätigkeiten viel Erfahrung im Literaturbetrieb sammeln können. Was raten Sie angehenden Journalisten, die in den Bereich der Literaturkritik gehen möchten?

Es ist bereits während des Studiums wichtig, viel zu lesen und zu schreiben. Außerdem sollte man sich Feedback holen. Praktika und Hospitanzen tragen dazu bei, dass man Übung bekommt und einen Bereich findet, auf den man sich spezialisiert. Wobei man sagen muss: Das journalistische Schreiben kann man erlernen, aber es gehört natürlich auch Begabung dazu.

Was fasziniert Sie besonders an Ihrer Tätigkeit als Literaturredakteurin?

Ich lese halt sehr gern – und zwar alles Mögliche, vom Comic über den Krimi bis zur klassischen Literatur und wieder zurück zur internationalen Literatur der Gegenwart. Das Interessante an meinem Beruf ist für mich, dass er so vielseitig ist. Bei „Literaturen“ habe ich die Möglichkeit, sehr viele verschiedene Tätigkeiten und Funktionen auszuüben, ob als Planerin, Redakteurin oder Autorin. Dabei ist es immer wieder eine Herausforderung, mich über etwas, das nur im Medium Sprache existiert, mitzuteilen. Ich bin eine „Schreiberin“ durch und durch.

Worin besteht Ihre Arbeit bei der Zeitschrift „Literaturen“?

Mein Themenbereich beschränkt sich auf den Bereich der Belletristik. Ich schreibe hauptsächlich Portraits, Reportagen und Rezensionen. Daher besteht meine Arbeit zu einem großen Teil in der Kommunikationsarbeit. Ich telefoniere oder maile mit Autoren, um bei ihnen Texte zu bestellen oder um über die Texte zu sprechen, die sie für uns geschrieben haben – nicht alle Texte, die wir in „Literaturen“ abdrucken, werden von uns selbst geschrieben. Die meisten Rezensionen bestellen wir bei freien Autoren.

Sie schreiben also nicht nur Rezensionen?

Nein, wenn ich beispielsweise ein Autorenportrait schreiben möchte, recherchiere ich zunächst viel über die Person. Später treffe ich die Autoren dann zumeist auch persönlich. Auf diese Weise reise ich auch relativ viel. In der letzten Ausgabe von „Literaturen“ habe ich zum Beispiel eine lange Recherche über Ingeborg Bachmann geschrieben – sich mit einem solch bewegten Leben zu beschäftigen ist äußerst spannend!

Überstunden sollen bei Journalisten häufig vorkommen. Wie sieht ein ganz normaler Tagesablauf für Sie aus?

Mein Tagesablauf ist meistens festgelegt. Normalerweise arbeite ich von 10 oder 11 Uhr bis 19 oder 20 Uhr. Einen großen Teil meiner Arbeit mache ich aber auch zu Hause: Das sind zum einen die Bücher, die ich lesen muss, um herauszufinden, ob ich darüber später eine Rezension schreiben will; aber auch das Schreiben geschieht zu Hause. Als Literaturredakteurin hat man relativ wenig Freizeit.

Immer wieder hört man, dass Bücher aus der Mode kommen und von anderen Medien, wie dem Fernsehen oder dem Internet, verdrängt werden. Wer liest heutzutage noch Literaturkritiken?

Statistiken bestätigen, dass Literatur auch heutzutage immer noch eine wichtige Rolle spielt. Es wird weiterhin Belletristik gelesen, aber natürlich greifen viele Menschen, gerade bei der Suche nach schnellen Informationen, immer häufiger auf das Internet zurück. Zeitungen und Zeitschriften rücken gegenüber dem Internet an die zweite Stelle, aber wegzudenken aus dem alltäglichen Leben sind sie wohl kaum – jedenfalls für Leute, die sich intensiv mit Kultur befassen.

Viele Literaturinteressierte lesen heutzutage Rezensionen online. Werden Zeitschriften wie „Literaturen“ durch das Internet verdrängt?

Gerade Kurzrezensionen werden im Internet immer häufiger gelesen. Problematisch ist aber, dass die Informationen im Netz häufig ungesichert sind. Wer einen ästhetischen Extragenuss haben will, der wird sich immer für die klassische Rezension in Zeitungen und Zeitschriften entscheiden. Ich bin da nicht pessimistisch.

Von Kerstin Voy

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