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Wissenschaftlicher Bibliothekar - Alternative nach dem Studium

Den Unterschied zwischen einem Bibliothekar und einem wissenschaftlichem Bibliothekar kennen wohl die wenigsten. Wohl noch weniger Hochschulabsolventen wissen, dass sie mit einer zweijährigen Zusatzausbildung wissenschaftlicher Bibliothekar werden können – gegen Bezahlung. Wem sich wiederum das Bild eines Jobs ohne Eigenständigkeit, Aufstiegsmöglichkeiten und persönliche Verantwortung im Geiste formt, der hat weit gefehlt. Denn erst bei näherer Betrachtung dieses Berufs, zeigt sich für viele Hochschulabsolventen eine andere Alternative zu den Berufsfeldern, die klassischerweise Ihren Studiengängen zugeschrieben werden.

Wissenschaftlicher Bibliothekar - Alternative nach dem Studium

Gesprächspartner für dieses Interview war Herr Stefan Wulle, 45 Jahre alt, Apotheker, seit 17 Jahren tätig in der Universitätsbibliothek Braunschweig. Er ist Leiter des Sondersammelgebiets Pharmazie der deutschen Forschungsgemeinschaft und Leiter der Abteilung Fernleihe und Dokumentenlieferdienste. Geführt hat das Interview Patrick Piecha.

Herr Wulle, was ist ein wissenschaftlicher Bibliothekar und was kennzeichnet seinen Arbeitsbereich gegenüber einem normalen Bibliothekar?

Das hängt davon ab in welcher Einrichtung – in welcher Bibliothek – gearbeitet wird. In Universitätsbibliotheken aber auch in anderen Bibliotheken ist der Bedarf an wissenschaftlichen Bibliothekaren durchaus gegeben. Wissenschaftliche Bibliothekare kümmern sich um die Fachbücher, sie haben Erwerbungsentscheidungen zu treffen, welche Literatur angeschafft werden kann, denn vom Etat her sind die Bibliotheken begrenzt. Es muss eine Auswahl unter den zahlreichen Neuerscheinungen – aus Büchern der ganzen Welt - getroffen werden. Es sind dann also – mit diesem begrenzten Etat - die Bücher auszuwählen, die für den jeweiligen Standort gebraucht werden.

Das hängt von der jeweiligen Hochschule ab, was dort für die jeweiligen Fächer benötigt wird. Diese Auswahl ist für Landesbibliotheken als auch für andere Bibliotheken erforderlich. Die nächste Tätigkeit (des wissenschaftlichen Bibliothekars – Anm. d. R.) ist die Erschließung. Von den Fachkenntnissen her, mit einem abgeschlossenen Studium, ist der Fachreferent ja geeignet nicht nur die Auswahl der Bücher zu betreiben, sondern eben auch die Erschließung. Dies klassifikatorisch aber auch mit Schlagwörtern – sodass die Bücher eben auch nach sachlichen Gesichtspunkten auffindbar gemacht werden, nicht nur nach rein formalen, wie: Autor, Erscheinungsjahr et cetera.

Das nächste Tätigkeitsfeld im wissenschaftlichen Bereich ist in der Organisation und im Management zu sehen. Unter anderem auf Grund der Fachkenntnisse des Studiums, aber letztendlich wegen der Ausbildung ist zum Beispiel EDV- und IT-Management zu nennen. Wichtig ist noch bei den Universitätsbibliotheken, dass zwischen den Instituten und der Bibliothek vermittelt wird. Der wissenschaftliche Bibliothekar ist quasi der Mittler zwischen Forschung und dem, was Bibliothekstätigkeiten betrifft. Zum Beispiel das Schulungen gemacht werden oder das der Bibiothekar Einführungen in Fachdatenbanken gibt.

Wie verläuft das Studium, beziehungsweise die Ausbildung eines wissenschaftlichen Bibliothekars?

Bei der Ausbildung für den höheren Dienst in Bibliotheken ist es so, dass ein Universitätsabschluss Voraussetzung ist. Es ist dann im Großen und Ganzen nicht entscheidend, welches Studium abgeschlossen wurde, aber nach dem abgeschlossenen Studium wird dann – wenn man wissenschaftlicher Bibliothekar werden will – eine zusätzliche Ausbildung drauf gesetzt.

Da gibt es in Deutschland unterschiedliche Modelle, selbst in Niedersachsen ist es verschieden, aber die jeweiligen Ausbildungsbehörden informieren dann wie die Regelungen sind. Klassischerweise ist dies dann ein zweijähriges Referendariat das sich in ein Jahr Theorie und in ein Jahr Praxis gliedert. Es gibt aber auch sehr wohl die Möglichkeit durch postgraduale Zusatzstudiengänge die Qualifikation zu erwerben.

Mussten Sie sich Ihre Referendariatsstellen selbst suchen, gab es Ausschreibungen oder wurden diese in irgendeiner Form zugewiesen?

Um sich zu Bewerben muss man entsprechend die Ausschreibungen verfolgen. In Niedersachen ist es so, dass die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek (die Niedersächsische Landesbibliothek - Anm. d. Red.) in Hannover die Ausbildungsbehörde ist. Dort findet man die Ausschreibungen.

Es hat sich aber auch sehr bewährt auf die Wochenzeitung Die Zeit zu achten, in den letzten Jahren erscheinen dort auch derartige Anzeigen. In den anderen Bundesländern verläuft es zum Teil etwas unterschiedlich. In Bayern wird bei der Bayrischen Bibliotheksschule München (Abteilung der Bayerischen Staatsbibliothek – Anm. d. Red.) die Ausschreibung im Internet veröffentlicht. In Baden-Württemberg gibt es das Modell, dass man sich bei mehreren Bibliotheken bewerben kann, also auch dahingehend gibt es Unterschiede.

Ich kann nur empfehlen, wenn man sich dafür interessiert, die geeigneten Portale beziehungsweise Suchmaschinen zu nutzen und zu schauen was für Ausschreibungen momentan vorliegen. Für die postgradualen Studiengänge gibt es natürlich die entsprechenden Informationen der Hochschule.

Welchen Kenntnisse und Inhalte werden im Studium, welche im Referendariat vermittelt?

Das Fachstudium ist natürlich wie sonst überall auch. Deswegen gibt es im wissenschaftlichen Bibliothekswesen auch genauso Geisteswissenschaftler wie Naturwissenschaftler. Die Inhalte die sich dann daran anschließen, sind natürlich wesentlich bibliotheksspezifischer. Es geht im praktischen Bereich des Referendariats um den Organisatorischen beziehungsweise den Management-Bereich, um Bibliotheks-EDV, es geht darum die Bibliothek und Ihre Abteilungen in der praktischen Arbeit kennen zu lernen, außerdem um Leitungsaufgaben und Geschäftsgang.

Wichtig ist auch sich einen Überblick zu verschaffen, besonders damit, innerhalb des praktischen Jahres des Referendariats Praktika in Bibliotheken zu absolvieren, die völlig verschiedene Typen darstellen. Bei der theoretischen Ausbildung wird dann nachher sozusagen ein bunter Strauß von Mittel und Kenntnissen vermittelt, die in der bibliothekarischen Arbeit wichtig sind. Das fängt mit Fragen an, die die Katalogisierung und die EDV betreffen und das endet wieder mit dem Organisatorischen.

Wie hat sich das Berufsbild des Bibliothekars im Laufe der Zeit verändert?

Ganz erheblich. Natürlich haben wir heute einen großen Bereich von elektronischen Publikationen. Wir müssen uns dem natürlich stellen und tun dies auch ganz selbstverständlich. Man spricht da jetzt gerne von der hybriden Bibliothek, wo beides – das konventionell Gedruckte als auch das Elektronische zusammenkommt. Die Bibliotheken haben Aufgaben, wie beispielsweise tausende von elektronischen Zeitschriften zu verwalten, denn es sind lange nicht alle frei im Internet zugänglich, oft sind Lizenzen zu verwalten und zu bezahlen.

Davon gibt es einen erheblichen Teil und dementsprechend fließt Geld an die Verleger für diese elektronischen Produkte. Dann stellen sich fragen wie: Wie sind diese Produkte in Kataloge, wie in das gesamte Bibliotheksangebot einzubinden? Eine Riesen-Frage ist die Langzeitarchivierung der elektronischen Zeitschriften und Bücher. Damit man in zwanzig, dreißig Jahren sicher darauf zugreifen kann – das ist bei Papier kein Problem, das ist auch bei Mikrofilm und auch bei Microfiche nicht so das Problem – die halten erwiesenermaßen einige hundert Jahre. Bei Papier ist dies sehr erwiesen (lacht).

Aber wie gesagt, die Langzeitarchivierung von elektronischen Dissertationen spielt eine große Rolle, dies müssen die Bibliotheken behandeln. Grade deshalb ist der EDV-Bereich besonders wichtig, man muss jedoch nicht der große Informatiker oder Computer-Crack sein, man muss nur sehr viel davon verstehen, denjenigen die sich als Fachleute damit auseinandersetzen, das Bibliothekarische näher zubringen und zugänglich zu machen.

Was halten Sie von großen Digitalisierungsprojekten und sehen Sie diese in irgendeiner Form als Gefahr für Bibliotheken?

Auf der einen Seite ist dies natürlich sehr gut, wir können mit den Digitalisierungsprojekten erreichen, dass Bücher und Bestände die vom Papier und von Ihrem gesamten Zustand empfindlich sind - besonders natürlich ältere Bücher, 19. Jahrhundert und noch älter – geschont werden. Hier hat die Digitalisierung große Vorteile. Es ist auch für den Wissenschaftler ein großer Vorteil, denn er kann zu den Zeiten seiner Wahl an diese Texte herankommen. Vielfach ist die Digitalisierung ja auch damit verbunden, eine Volltext-Erfassung durchzuführen.

Das ist nicht immer einfach, das ist manchmal sogar sehr schwierig, gerade bei älteren Texten – wenn man an Frakturschrift denkt - ist das ein Problem. Aber bei normaleren Schriften kann man auch eine Volltext-Erschließung machen. Das ist für den Wissenschaftler natürlich sehr praktisch, eine Volltext-Suche durchführen zu können. Andererseits ist – das ist niemandem unbekannt geblieben – was Google da zum Beispiel macht, vom Spektrum her vergleichsweise sehr einseitig. Deswegen ist es auch wichtig das im europäischen Raum digitalisiert wird – was ja auch stattfindet.

Ich denke da kommen auch noch eine Reihe von Aufgaben auf die Bibliotheken zu und es ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig, vernünftig mit dem Urheberrecht umzugehen. Natürlich sollte man da nicht wie wild drauf los digitalisieren, man sieht, dass das bei Google auch nicht so ganz unproblematisch ist. Man muss unter anderem darauf achten, dass das deutsche Recht beachtet wird, also dass das Werk erst 70 Jahre nach Tot des Autors allgemein frei wird. Das spielt eine große Rolle.

Warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?

(Lacht) Ich bin ja von Haus aus eher Naturwissenschaftler und habe damals – das ist aber auch schon eine Zeit lang her – erfahren, das sich vergleichsweise viele Geisteswissenschaftler für diesen Bereich interessieren und deshalb Naturwissenschaftler gesucht werden und deshalb für mich vielleicht die Chance besteht, in dieses Referendariat zu kommen. So war es dann auch.

Es ist übrigens immer noch so, dass eine Reihe von Universitätsbibliotheken gerade aus dem naturwissenschaftlichen aber auch aus dem technischen Bereich Nachwuchskräfte suchen. Es ist nun mal eben ein Berufsfeld, auf das Geisteswissenschaftler und Sozialwissenschaftler eher stoßen als Naturwissenschaftler.

Wie sieht Ihre bzw. die Arbeitszeit eines wissenschaftlichen Bibliothekars aus und ist dies ein eher flexibles oder starres Arbeitszeitmodell?

Das ist eigentlich ein eher flexibles Modell, das hängt auch damit zusammen, dass hier nicht nur das eine Fachreferat sondern eben auch organisatorische Aufgaben bei mir zusammenkommen. Dadurch das auch immer neue Aufgaben auf mich zukommen und Neues zu gestalten ist, habe ich nicht so ein starres Schema. Die konkrete Tagesarbeitszeit ist durch die Gleitzeit auch relativ frei gestaltbar.

Soweit Sie darüber Auskunft geben können – wie sind die Berufschancen für Bibliothekare und wissenschaftliche Bibliothekare?

Die große Hürde ist, in das Referendariat reinzukommen und diese Ausbildung erst einmal abzuschließen. Durch den starken Ausbau von Universitäten und dadurch auch Bibliotheken in den sechziger und siebziger Jahren gibt es jetzt eine Generation (von wissenschaftlichen Bibliothekaren – Anm. d. Redaktion) die jetzt in den Ruhestand geht. Das hat jetzt erst begonnen und wird sich in den nächsten Jahren auch noch weiter fortsetzen, sicherlich so bis 2008/2010.

Da – hoffentlich – nicht jede Stelle gestrichen wird, es werden auch Stellen im Hochschulbereich gestrichen – gar keine Frage, aber wenn noch ein gewisser Teil erhalten wird, dann gibt es durchaus jetzt Bedarf.

Würden Sie sich nochmal für diesen Beruf entscheiden?

Ja. (Lacht)

Vielen Dank für das Gespräch.

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