Jobs suchen und finden: Stellenmarkt · Stellenangebote Ingenieure · Stellenangebote IT · Arbeiten in England
Benutzerspezifische Werkzeuge
  • Anmelden

Moby Dicks Abenteurer - Matthias Jendis ist literarischer Übersetzer

Zuerst sollte das Übersetzen nur ein kurzer Ausflug vor dem Referendariat sein, ein Mittel zum Zweck, eine Finanzierungsmöglichkeit für die Dissertation. Doch dann ist es dabei geblieben, und heute zählt Matthias Jendis zu den bekanntesten Übersetzern für englische Literatur im deutschsprachigen Raum. Für seine Neuübersetzung von Herman Melvilles „Moby Dick“ wurde er 2002 mit dem Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis sowie dem Niedersächsischen Förderpreis Literatur ausgezeichnet, der damit zum ersten Mal für eine Übersetzung verliehen wurde.

Moby Dicks Abenteurer - Matthias Jendis ist literarischer Übersetzer

Bis heute hat Jendis unter anderem Bücher von Patrick O’Brian, Julian Stockwin und Patricia Highsmith ins Deutsche übersetzt und war seit Beginn seiner Tätigkeit nie ohne Auftrag. Sein Weg ist ungewöhnlich, denn Literaturübersetzer haben oftmals zeitliche Leerläufe zwischen den Aufträgen, selbst wenn sie sich bereits in der Branche etabliert haben. Sie sind Selbständige und leben daher mit dem Risiko, im nächsten Monat womöglich die Miete nicht zahlen zu können. Somit braucht es ein gewisses Maß an Mut, um sich dennoch für diesen Beruf zu entscheiden. „Ein bisschen Abenteurergeist ist sehr hilfreich. Man darf kein Sicherheitsmensch sein“, erzählt Jendis, der in den ersten zweieinhalb Jahren die Wochenenden und Feiertage durchgearbeitet und auf Urlaub verzichtet hat, um in seinem Beruf „einen Fuß in die Tür“ zu bekommen. Seine erste Arbeit war die Übersetzung eines UNO-Dokuments, gefolgt von einem Auftrag für den Seekriegs-Roman „Desolation Island“ von Patrick O’Brian (deutscher Titel: „Sturm in der Antarktis“), ein für den Anfang recht schwieriger Text. Da half es, dass Jendis selber mal zur See gefahren und mit dem nautischen Vokabular vertraut war. Dieser Auftrag war sein Einstieg ins Geschäft. Er schaltete danach etwa 25 Blindbewerbungen an Verlage und hat bis heute immer wieder Aufträge erhalten.

Wie Jendis hat jeder literarische Übersetzer seine eigene Geschichte. Es handelt sich um einen klassischen Quereinsteiger-Beruf, der neben Talent viel Eigeninitiative, Disziplin, Geduld und Belastbarkeit erfordert. Man muss sich den Verlagen bekannt machen, ihnen immer wieder Initiativ-Bewerbungen mit Arbeitsproben schicken, in der Anfangszeit alle Aufträge annehmen, die sich bieten, um sich Referenzen zu schaffen. Lange Texte, wie beispielsweise Romane, sollte man jedoch nie ohne Vertrag bearbeiten.

Wenn man aus dem Englischen übersetzt, ist es hilfreich, zuvor Anglistik studiert zu haben, jedoch nicht zwingend notwendig: Unter den literarischen Übersetzern finden sich ebenso gut Studienabbrecher. Wichtig für eine angemessene Übersetzung sei vor allem, so Jendis, dass man seine Muttersprache genau kenne und für die verschiedenen Nuancen und Töne sowohl der eigenen als auch der fremden Sprache sensibel sei. Es empfiehlt sich deshalb, bereits während des Studiums Feedbacks von Dozenten zum eigenen Sprachstil einzuholen, um herauszufinden, ob man sich zum Übersetzer eignet. Zudem sollte man das Alleinsein am Schreibtisch nicht scheuen, das sich von Zeit zu Zeit abstrakt und lebensfremd anfühlen kann.

Für diejenigen, die sich an einer Hochschule zum Übersetzer ausbilden lassen möchten, kommen in Deutschland zwei Universitäten in Frage: die Ludwig-Maximilian-Universität München, die literarisches Übersetzen aus dem Englischen als zweisemestrigen Aufbaustudiengang anbietet, sowie die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Dort ist Literaturübersetzen ein kompletter Studiengang von neun Semestern. Jendis ist allerdings nur eine Kollegin bekannt, die dort studiert hat. Der Studiengang konzentriere sich vor allem auf die theoretischen Aspekte des Übersetzens, wohingegen man in München viel über die Kultur und die Geschichte Englands lerne – unentbehrliche Informationen, um den literarischen Text richtig übersetzen zu können.

Organisiert sind die Übersetzer im „Berufsverband der Literaturübersetzerinnen und Literaturübersetzer“ (VdÜ), der jährlich zu einer Mitgliederversammlung zusammenkommt, Seminare abhält und Stipendien vermittelt. In Deutschland zählt er etwa eintausend Mitglieder, die meisten davon Frauen. Dafür gibt es ganz praktische Gründe: Literaturübersetzen ist nicht an feste Arbeitszeiten oder einen bestimmten Ort gebunden und bietet somit Raum für eine Familie, sofern auch der Partner für zusätzliches Einkommen sorgt. Denn reich wird man als Übersetzer nicht. „Die einzige Möglichkeit, Kapital zu bilden, sind die Preise, die man eventuell für seine Arbeit bekommt“, erzählt Jendis. Und das kommt selten vor.

Somit ist der Beruf des literarischen Übersetzers vor allem eine Tätigkeit, die man aus Liebe zur Literatur und zur Sprache ergreift. Dafür stellt sich möglicherweise seltener eine gleichförmige Routine ein als in anderen Berufen. Und nicht zuletzt geht ein gewisser Charme von der räumlichen Ungebundenheit aus: „Wenn ich möchte, kann ich meinen Computer einpacken und an jedem Ort der Welt arbeiten“, stellt Jendis fest. Ein Abenteurer eben. Als nächstes wird es ein Buch von Joey Goebel geben, ein junger amerikanischer Autor, der nun für den deutschen Markt entdeckt wurde. „Sehr vielversprechend“, so sein Übersetzer.

Von Wiebke Blanck

Weitere Informationen:
www.literaturuebersetzer.de
www.uni-muenchen.de
www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/lue

Artikelaktionen