Das Schulpraktikum: Wie umgeht man Stolpersteine bei der Unterrichtsplanung und -durchführung?
An der Uni besuchen angehende Lehrer Pädagogik- und Fachdidaktikseminare, lernen, welche Form der Klassenführung am effektivsten ist, in welche Phasen sich eine Unterrichtsstunde gliedert und welche Funktion Gelenkstellen haben. Dieses Wissen ist unersetzlich für die funktionale und zielgerichtete Planung einer Stunde. Zumeist offenbaren sich die Schwächen der im Vorfeld so präzise geplanten Stunde allerdings erst in dem Moment, in dem man vor den rund 30 Schülern steht und sich wundert, warum das Abschreiben des Tafelbildes 15 Minuten dauert, warum nach 20 Minuten Gruppenarbeit noch keine brauchbaren Ergebnisse vorliegen und warum die Stunde vorbei ist, bevor die notwendige Sicherung des Gelernten erfolgen konnte.
Natürlich sind Anfängerfehler normal und jeder weiß, dass man Fehler macht, um aus ihnen zu lernen. Allerdings nehmen gerade junge Lehramtsstudenten häufig eine große Kluft zwischen der Theorie der Unterrichtsplanung und der Praxis wahr. Einige Stolpersteine können jedoch durch eine aufmerksame Beobachtung der Schulklasse schon vor der ersten eigenen Stunde vermieden werden. Denn vor dem ersten Unterrichtsversuch stehen in der Regel mehrere Hospitationsstunden, in denen wertvolles Wissen über die Lehrer-Schüler-Interaktion sowie die Stärken und Schwächen der Lerngruppe gesammelt werden kann.
Der Fokus sollte nicht nur auf dem Lehrerverhalten, sondern auch auf den Schülern liegen
Gerade beim ersten Schulpraktikum sind viele Lehramtsstudenten noch sehr unsicher und achten deshalb bei den Hospitationen vor allem darauf, wie sich der Lehrer verhält, welche Methoden er verwendet, wie das Tafelbild erarbeitet wird und wie er mit Störungen umgeht. Dabei verfällt man leicht der Verlockung, die Schüler aus dem Blick zu verlieren. Dabei gibt deren Verhalten in den unterschiedlichen Unterrichtsphasen wertvolle Informationen preis, die dabei helfen, die eigenen Stunden realistischer zu planen. Wie lange dauern bestimmte Routinetätigkeiten (z.B. das Abschreiben des Tafelbildes, das Vergleichen der Hausaufgaben oder die Organisation von Gruppenarbeiten) in der Klasse? Wie ist die Klassendynamik? Welche Schüler haben die Rolle des Meinungsführers inne, wer sind die „Leistungsträger“ der Klasse und welche Schüler beteiligen sich nur mit Aufforderung am Klassengespräch? Bereits in der ersten Hospitationsstunde sollte sich der Praktikant einen Sitzplan erstellen (lassen) und damit beginnen, die Namen zu lernen, spätestens jedoch wenn feststeht, dass er in dieser Klasse unterrichten wird.
Ein ausführliches Gespräch mit dem Fachlehrer hilft bei der Planung
Hilfreich ist es, vor der Planung im Gespräch mit dem Fach- oder Klassenlehrer einige Informationen über den Wissenstand der Klasse, die Klassendynamik, die Vertrautheit mit Methoden und über andere Besonderheiten zu führen. Welche inhaltlichen Bereiche machen den Schülern besondere Probleme und sollten deshalb ausführlicher und zeitlich ausgedehnt behandelt werden? Muss die Methode, die in der nächsten Stunde eingesetzt werden soll, neu eingeführt werden oder kennen die Schüler sie bereits? Wie werden Gruppen bei Gruppenarbeitsphasen in der Regel eingeteilt? Gibt es besondere Probleme in der Klasse (z.B. Mobbing, Verhaltensauffälligkeiten)? All diese Informationen helfen nicht nur bei der Planung der Stunde, sondern geben auch bei der Durchführung mehr Sicherheit.
Die fertige Stundenplanung mit dem Fachlehrer durchgehen
Auch die fertige Stundenplanung sollte mit dem Fachlehrer besprochen werden. Als Anfänger ohne viel Unterrichtserfahrung neigt man dazu, Stunden inhaltlich zu überladen, die Progression zu steil anzusetzen und für die einzelnen Phasen zu wenig Zeit zu veranschlagen. Der Fachlehrer kann als Experte auf Schwächen in der Planung hinweisen. Wer im Hinblick auf die Zeitplanung auf der sicheren Seite sein möchte, sollte die Stunde in einer inhaltlich abgespeckten Version planen, mit ausreichend Zeit für jede Phase, und sich eine didaktische Reserve überlegen, auf die am Ende der Stunde zurückgegriffen wird, wenn doch noch Zeit übrig ist. Auch das Verteilen der Hausaufgaben dauert mitunter länger als erwartet, wenn Schülerrückfragen kommen. Außerdem sollte man vermeiden, die Hausaufgaben erst beim Klingeln zu verteilen, und genügend Zeit für diese Unterrichtsphase einplanen.
Sich in die Lage der Schüler hineinversetzen
Für Schüler ist heutzutage ein Schultag von acht bis zehn Unterrichtsstunden keine Seltenheit mehr. Dass die Aufmerksamkeit nicht zu jedem Zeitpunkt auf gleicher Höhe ist und sich das Arbeitstempo demnach beschleunigt oder verlangsamt, sollten Praktikanten bei der Planung im Hinterkopf behalten. Fällt der eigene Unterrichtsversuch auf die erste Stunde, sind vielleicht noch nicht alle Schüler hellwach und hochkonzentriert. Ebenso sind viele Schüler in der letzten Schulstunde des Tages besonders unruhig und beschäftigen sich gedanklich schon mit der Freizeitplanung.
Wichtig ist auch, sich zu erkundigen, auf welche Termine die Klassenarbeiten fallen. Direkt im Anschluss an eine Arbeit sind die Schüler weniger aufnahmefähig und sehr hibbelig, am Tag vor der nächsten Klassenarbeit sollten weniger Hausaufgaben verteilt werden. Natürlich kann man nicht alle möglichen Störfaktoren voraussehen. Sind in der Pause vor dem Unterrichtsversuch zwei Schüler aneinander geraten, kann sich dieser Vorfall beispielsweise auf die Klassendynamik in der Folgestunde auswirken. Diese Punkte spielen besonders beim Unterricht in den unteren Jahrgangsstufen eine besondere Rolle. Als angehender Lehrer muss man nicht alle Eventualitäten berücksichtigen, die Bereitschaft, sich in die Lage der Schüler zu versetzen, ist jedoch eine wichtige Voraussetzung für die Ausübung des Lehrerberufs.
Gelenkstellen gegebenenfalls ausformulieren
Der Übergang von einer Unterrichtsphase zur nächsten ist einer der entscheidenden Momente des Unterrichts. An diesen Gelenkstellen zeigt sich, ob die Phasen funktional sind und aufeinander aufbauen. Damit die Schüler jederzeit wissen, mit welchem Ziel sie eine bestimmte Aufgabe machen, ist es wichtig, die Übergänge mit Bedacht zu gestalten. Gerade im Fremdsprachenunterricht ist es für Anfänger ratsam, sich bei der häuslichen Vorbereitung der Stunde wörtlich zu notieren, was man sagen möchte, um ein eintöniges „Et maintenant (Und jetzt...)“ zu vermeiden. Ebenso ist es möglich, das Programm für die Stunde an die Tafel zu schreiben und Stück für Stück wegzustreichen, wenn eine Phase erfolgreich beendet ist.
Sich nicht aus der Ruhe bringen lassen
Der erste Eindruck zählt! Mit einem souveränen, selbstbewussten und freundlichen Auftreten gelingt es Praktikanten, die Klasse für sich zu gewinnen. Natürlich hat ein Praktikant für die Klasse nicht den gleichen Status wie der Lehrer. So kann es gerade in den ersten Stunden dazu kommen, dass die Schüler ihre Grenzen austesten und vom Fachlehrer bereits etablierte Regeln neu aushandeln wollen. Deshalb sollte man sich schon während der Planung überlegen, wie man mit Unterrichtsstörungen umgeht und sich eventuell Tipps vom Fachlehrer geben lassen.
Fazit
Unterricht ist keine Wissenschaft und kann und sollte nicht hundertprozentig durchgeplant werden. Doch gerade im ersten Praktikum gibt es angehenden Lehrern Sicherheit, für möglichst viele Eventualitäten gewappnet zu sein, denn gerade am Anfang der beruflichen Karriere fällt das Improvisieren vor der Klasse schwer. Deshalb sollten Praktikanten bereits in den ersten Wochen des Schulpraktikums ihre Augen und Ohren offen halten und möglichst viele Informationen über die Lerngruppe sammeln, die für die Unterrichtsplanung von Bedeutung sein könnten. Dann bleibt nur noch eins zu sagen: Viel Spaß beim Unterrichten!


