Ärztemangel - Chancen und Nebenwirkungen: Nie sah der Arbeitsmarkt für Mediziner besser aus als heute
Stellenangebote finden sich überall, in kleinen Regional-Krankenhäusern ebenso wie den Universitäts-Kliniken. Personalchefs, Professoren und Abteilungsleiter suchen händeringend nach neuen Ärzten. Selbst in exotischen Weiterbildungsbereichen wie der plastischen Chirurgie findet jeder mit Studienabschluss und etwas Umzugsflexibilität seinen Weiterbildungsplatz.
So euphorisch diese Beschreibung klingt, stellt sich nicht nur für Mediziner die Frage, warum bei vollen Medizin-Studienregistern aller Universitäten so viele Arztstellen unbesetzt bleiben.
Kliniken und Praxen finden kaum Arzt-Nachwuchs, gerade weil viele Stellen unbesetzt bleiben. Der Arbeitsaufwand, den die Ärzte einer Klinik leisten müssen, wird durch unbesetzte Stellen nicht geringer. Die Arbeit verteilt sich lediglich auf weniger Ärzte. Entsprechend arbeiten junge Ärzte vor allem in den Bereichen Innere Medizin und Chirurgie oftmals unter schlechten Bedingungen. In unterbesetzten Krankenhäusern sind Wochenarbeitszeiten von 60-70 Stunden im Rahmen einer auf 40 Wochenstunden ausgelegten Anstellung nicht selten. Bezahlt werden Überstunden im Ausnahmefall. Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit muss von unterbesetzten Ärzteteams erledigt werden, Freizeit gibt es umso weniger. Ausufernde Bürokratie verdrängt die Weiterbildung in medizinischem Fachwissen, Ärzte verbringen mehrere Stunden täglich mit dem Schreiben von Briefen. Für Patienten-Kontakt bleiben Minuten.
Warum ertragen viele Mediziner diese Arbeitsbedingungen?
Nach dem Medizinstudium folgt für Ärzte, die Patienten behandeln wollen die Facharzt-Ausbildung. Innerhalb von 5-10 Jahren müssen unterschiedliche Klinik-Bereiche durchlaufen werden, um schließlich eine Zulassung zur Facharzt-Prüfung zu erhalten. Erst nach deren Bestehen ist selbstständige Tätigkeit oder ein Karriereausbau über Führungspositionen möglich.
Kliniken wenden diese Weiterbildungsregelung indirekt als Druckmittel an. Zur Facharzt-Ausbildung notwendiges Training, z.B. in Maschinen-gestützten Untersuchungen wie Herzkatheter-Technik, wird nur denjenigen ermöglicht, die auch unter schlechten Bedingungen länger in arbeitsintensiveren Klinikbereichen tätig sind.
Der Mangel an besetzten Arzt-Stellen - nicht an Ärzten - kann gleichzeitig als Ursache und Folge schlechter Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen gesehen werden. Junge Ärzte suchen zunehmend nach Jobs jenseits von Klinik und Patientenbetreuung. Der patienten-ferne Jobmarkt für Mediziner expandiert. Pharmakonzerne, Medizin-Technik und vor allem Medizin-Informatik schaffen neue Berufsbilder und Weiterbildungsmöglichkeiten für studierte Ärzte
Tatsache bleibt, wer einen Beruf als klinischer Arzt aufnehmen möchte, kann den Arbeitsplatz frei wählen. Um Nebenwirkungen zu vermeiden, sollten gleich ein paar Freunde aus dem Studium im gleichen Krankenhaus mit anfangen.


