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Der Kampf um Aufmerksamkeit

Wie Medien, Wirtschaft und Politik um eine knappe Ressource ringen

Der Kampf um Aufmerksamkeit
Der Kampf um Aufmerksamkeit

Jeder Mensch braucht Aufmerksamkeit, denn erst durch die Anerkennung des eigenen Wertes bildet der Mensch seine Identität. Dieser Kampf um Anerkennung wird heute verstärkt in den Massenmedien geführt – in Formaten wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Big Brother“ suchen Menschen ihre 15 Minuten Ruhm. Was aber passiert, wenn jemandem diese Anerkennung versagt bleibt oder schließlich wieder entzogen wird? Kristina Nolte wirbt mit ihrem Buch um Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeit und untersucht das Thema anhand eines bekannten Falles – am Aufstieg und Fall des Jürgen W. Möllemann.

„Die Wirklichkeit ist ein gesellschaftliches Konstrukt“, diese These gibt Kristina Nolte am Anfang ihres rund 170 Seiten umfassenden Buches aus. Von diesem Ausgangspunkt unterteilt sie ihr Werk in vier Teile. Im ersten Teil definiert sie zunächst den Begriff Anerkennung und beschäftigt sich mit dessen Bedeutung für die eigene Identität. Der zweite Teil handelt von der heute herrschenden Knappheit der Ressource Aufmerksamkeit, während sie anschließend im dritten Teil darlegt, wie Aufmerksamkeit wieder erregt werden kann. Abschließend beschäftigt sie sich im letzten Teil mit dem Leben und Tod von Jürgen W. Möllemann, der es wie kein zweiter verstand, mit Kontroversen und Statements auf die eigene Person aufmerksam zu machen.

Die Autorin definiert im ersten Kapitel des Buches Anerkennung als eine Regelung, die ein Individuum selbst, eine Gemeinschaft oder ein anderes Individuum aufstellt - und welche allgemein gilt und akzeptiert wird. Dabei zitiert sie verschiedene andere Autoren und auch Philosophen wie zum Beispiel Kant, um ihre Position zu verdeutlichen. Diese fast auf jeder Seite eingeschobenen Zitate helfen dem Leser, die Gedankengänger der Autorin besser nachzuvollziehen und tief in das Thema einzutauchen. Johann Gottlieb Fichte beschreibt das Thema Anerkennung auf eine dieser Seiten mit folgenden Worten: „Keines kann das andere erkennen, wenn nicht beide sich gegenseitig anerkennen: und keines kann das andere behandeln als ein freies Wesen, wenn nicht beide sich gegenseitig so behandeln.“

Im Anschluss an die Darlegung des Begriffes beschäftigt sie sich mit den verschiedenen Arten von Anerkennungsverhältnissen: der Anerkennung als Individuum mit menschlichen Bedürfnissen, als rechtliche Person und als Gleicher unter Gleichen aus Sicht des Staates. Aus diesem Blickwinkel bekommt man ganz neue Eindrücke von der Komplexität einer Person, sowohl bezüglich der Persönlichkeit als auch in Bezug auf ihre gesellschaftliche Stellung.

Im zweiten Kapitel versucht Kristina Nolte zu erklären, warum Aufmerksamkeit im Lauf des letzten Jahrhunderts immer wichtiger geworden ist. Demnach ist Aufmerksamkeit schon seit Bestehen der Menschheit eine knappe Ressource, weil sie im Gegensatz zu Geld nicht vermehrbar ist. Dieser Aussage wird jedoch nun die neue These entgegengestellt, dass Aufmerksamkeit heute wie eine Währung gehandelt wird. Als verständliches Beispiel nennt sie hier die Werbung: Fernsehsendungen würden durch Werbung zu einem Markt, auf dem Information gegen Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeit gegen Geld getauscht werden. Einen anderen Grund für das verstärkte Bedürfnis nach Aufmerksamkeit sieht die Autorin in in der Identitätslosigkeit und Mehrdeutigkeit der heutigen Gesellschaft und dem dadurch verstärkten Bedürfnis nach Identität.

Am Ende dieses Kapitels fasst sie alle Vor-und Nachteile des Begriffes Aufmerksamkeit zum besseren Verständnis noch einmal zusammen. Einerseits bedeutet Aufmerksamkeit Konzentration, Klarheit, Stärke und Deutlichkeit der Wahrnehmung eines Gegenstandes. Auf der anderen Seite können damit aber auch Undeutlichkeit und Unschärfe von anderen möglichen Wahrnehmungsgegenständen einhergehen. Damit macht sie den Leser auf eine Tatsache aufmerksam, die jedem bekannt sein sollte, die man sich aber nicht immer deutlich bewusst macht: Aufmerksamkeit für einen Wahrnehmungsgegenstand geht immer auf Kosten eines anderen.

Der dritte Teil bietet dem Leser jetzt konkrete Beispiele, wodurch Aufmerksamkeit bei Dritten erreicht werden kann. Dazu bringt die Autorin verschiedene Schlagwörter wie Relevanz, Nähe, Reichweite, Nutzen, Normverstöße, Skandale, Kontroverse, Misserfolg, Einfluss, Prominenz und Personalisierung. Auch hier bringt sie zum besseren Verständnis einige Beispiele: so erreicht das Thema Hunger in Afrika die Menschen nur dann, wenn dadurch Betroffenheit ausgelöst werden kann oder ein Lerneffekt erzielt werden soll. Es sind also vor allem solche Meldungen, die mit den alltäglichen Erwartungen und Konventionen brechen, die den Weg ins Licht der Öffentlichkeit finden.

Im letzten Teil des Buches widmet sich die Autorin nun dem Leben und dem Tod von Jürgen W. Möllemann. Sie erzählt dabei sowohl von seinem politischen Wirken in Nordrhein-Westfalen und seiner Zeit als Bundesminister unter Helmut Kohl als auch von dem für ihn letzten und entscheidenden Bundestagswahlkampf im Jahr 2002. Mit vielen Hochs und Tiefs, aber immer im zentrum der Aufmerksamkeit und medial präsent – so beschreibt sie den Politiker. Besonders signifikant dafür sind die Anekdoten über Möllemann, die sie in ihren Text einfließen lässt. So schildert sie einen Anruf Möllemanns bei der Nachrichtenagentur ddp: „Hier Möllemann, (...) guten Morgen. Ich habe wieder was auf der Pfanne, was ihr gleich rausjagen könnt. Sieht ja sonst ziemlich mau aus.“

Mit dem Portrait dieses Politikers gelingt es Kristina Nolte am Ended ihres Buches wunderbar, die theoretischen Betrachtungen der ersten drei Kapitel an einer realen Persönlichkeit zu verdeutlichen und sich beim Leser etwas zu sichern – nämlich seine volle Aufmerksamkeit.

Von Mareike Stiller

Der Kampf um Aufmerksamkeit

Autor: Kristina Nolte
Verlag: Campus Verlag
ISBN: 359337904X Weitere Informationen bei amazon.de

Quelle: Eigene Rezension

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