Mädchen für alles
Wie Sie die typisch weiblichen Jobfallen vermeiden
Wie gut, dass ich ein Mädchen bin! Ich bin fleißig, bescheiden, neue Aufgaben bearbeite ich schnell und ohne Widerworte, und wenn ich deren Aufgabenstellung nicht so ganz komplett verstanden habe, gebe ich mir nicht die Blöße, noch einmal gezielt nachzufragen, sondern mache sie halt so, wie ich glaube, dass es richtig ist. Kollegen, vor allem männliche, begegne ich mit einem Dauerlächeln, das weniger Souveränität als vielmehr eine gewisse ungefährliche, dümmliche Nettigkeit ausstrahlt. Wodurch diese „Firmen-Gorillas“ vollkommen beruhigt sein können, dass von mir nettem Mädchen (bloß nicht „Frau“, das ist unattraktiv, hört sich alt an und vor allem: selbstbewusst!) keine karriereschädliche Gefahr ausgeht, denn ich strebe nicht nach Höherem, schon gar nicht nach „Macht“.
Ich fühle mich in meinem beruflichen Können bereits genügend ausgefüllt und bestätigt, wenn ich in den wöchentlichen Sitzungen für den Kaffee zuständig bin. Mit der Kürze meines Rockes, der halsbrecherischen Höhe meiner Absätze und gelegentlich den Berufsalltag meiner Kollegen auffrischenden Gefühlsausbrüchen mache ich meine psychische Unreife (ich darf das, weil ich ein Mädchen bin) deutlich.
Nach einer Gehaltserhöhung würde ich auch bei einem alltäglichen 16h-Tag (den aber die anderen Kollegen nicht mitbekommen dürfen, weil ja sonst von mir doch eine gewisse Fokussiertheit auf meine eigene Karriere ausgehen würde, und dann würde ich vielleicht als nicht mehr so sympathisch befunden) nie fragen, mein Chef wird schon von sich aus auf mich zukommen, wenn es so weit ist.
Aber wahrscheinlich ist es nie so weit, denn bevor ich mich total für meinen Job aufgeben muss, werde ich doch lieber schwanger, nehme mir Elternzeit (obwohl der Job meines Mannes nur halb so gut bezahlt wird wie meiner, aber hach, die Männer brauchen doch diese Bestätigung im Job) und nach zwei Jahren komme ich sowieso nicht mehr in meinen alten Beruf zurück (da ich klare Absprachen im Vorfeld vermieden habe, das hätte ja total karrieregeil ausgesehen).
Macht dieser Text auf Sie einen übertriebenen, vielleicht sogar frauenfeindlichen Eindruck? Das stimmt alles gar nicht, so würde sich eine moderne Frau nicht verhalten? Stimmt doch! macht Annete C. Anton in ihrem Ratgeberbuch „Mädchen für alles.Wie Sie die typisch weiblichen Jobfallen vermeiden.“ deutlich. Und sie muss es wissen, ist sie doch seit über zwanzig Jahren im „Velvet Ghetto“ Verlagsbranche tätig. „Velvet Ghetto“, so wird in Fachkreisen eine Branche genannt, die geprägt ist von immensem männlichen Einfluss und so auch männlichem Konkurrenzdenken, durch das die weiblichen Mitarbeiter eines Unternehmens oft benachteiligt werden (zum Beispiel wenn es um Aufstiegschancen, Gehaltserhöhungen oder die Vergabe lukrativer Projekte geht).
Doch ist der Grund für die Benachteiligungen der weiblichen Mitarbeiter wirklich immer bei den Herren der Schöpfung zu suchen? Nach der Lektüre von „Mädchen für alles“ wagt frau dieses zu bezweifeln. Sind die ausbleibenden Gehaltserhöhungen, das nicht mehr zu bewältigende, sich auf dem Schreibtisch stapelnde Arbeitspensum und das abfällige Verhalten der Kollegen mir gegenüber etwa auf meinem eigenen Mist gewachsen?
Annette C. Anton zeigt auf, dass die von Kindheit antrainierten weiblichen Charaktereigenschaften wie zum Beispiel Bescheidenheit ein Schnitt ins eigene Fleisch sind, denn während sich der männliche Firmen-Gorilla sich jedes lobende Wort des Chefs wie ein Fleißkärtchen irgendwo aufschreibt, um es beim nächsten Gehaltserhöhungsvorsprechen bloß nicht zu vergessen, und in den Teamsitzungen um den Sitzplatz kämpft, der dem des Chefs am nächsten ist (lächerlich!), erledigen wir Frauen unsere Arbeit in der Hoffnung, dass sie irgendwann gewürdigt wird, ohne dass wir ausdrücklich auf ihren Wert hinweisen müssen, und sitzen uns in den Sitzungen dahin, wo nach dem Primaten-Gerangel noch Platz für uns ist. Lobende Worte sehen wir nicht als Trumpfkarten im Spiel um die Macht, sondern als bloße Nettigkeiten, mit denen ein väterlicher Chef uns eine Freude machen möchte.
So deckt dieser Ratgeber nach und nach die Irrtümer auf, die sich in eine weibliche Karriere eingeschlichen haben und so jegliches Weiterkommen im Geschäftsleben verhindern. Dabei hinterfragt die Autorin geschickt weibliche Werte: Warum wollen Frauen denn keine „Macht“, wieso umschreiben selbst gestandene Managerinnen ihren Ansporn, im Job weiterzukommen mit „ich wollte etwas bewegen“ anstatt mit „ich wollte ganz viel Geld, eine schicke Wohnung und ganz viel Macht“? Wieso sehen Frauen ihren Chef als väterlichen Freund, anstatt als Konkurrent, dessen Posten man in zehn Jahren besetzen möchte? Wieso bemühen sich Frauen, wenn sie Kritik an der Arbeit eines Kollegen, mit dem man ein gemeinsames Projekt zu stemmen hat, um Nettigkeit, anstatt zu sagen: „Dieser Entwurf ist Mist, den machen Sie bitte nochmal neu und zwar bis morgen Vormittag elf Uhr.“. Zu viel Verständnis, zu viel Nettigkeit, zu wenig Konkurrenzdenken, zu wenig Coolness.
„Mädchen für Alles“ ist ein hilfreiches Buch für alle Frauen, die entweder einmal einen Job haben wollen, schon mal einen Job hatten oder gerade mitten im Berufsleben stehen. Also eigentlich für alle Frauen. Es gibt hilfreiche Tipps, welche Jobfallen vermieden werden sollten oder, wenn man schon zu tief in ihnen verstrickt wird, wie man wieder dort herauskommt. Gespickt mit zahlreichen autobiographischen Beispielen, die die Lektüre unterhaltsam und die Autorin menschlich machen. Vor allem die an jedes Kapitel hinten angestellten Do's and Dont's- Listen sind für viele kompliziertere Situationen sehr hilfreich, so zum Beispiel „wie verhalte ich mich, wenn ich mit meinem Chef den Wiedereinstieg in das Unternehmen nach Schwangerschaft und Elternzeit verhandle?
Es sei gesagt: Dieses Buch ist nichts für schwache Nerven und schon gar nichts für Heulsusen. Dieses Buch wendet sich an gestandene, selbstbewusste Frauen, oder solche, die es werden wollen.
Von Jessica Poschen
Mädchen für alles
Autor:
Annette C. Anton
Verlag:
Campus Verlag
ISBN: 3593388499
Weitere Informationen bei
amazon.de
Quelle: Eigene Rezension


