Die Perfektionierer
Warum der Optimierungswahn uns schadet - und wer wirklich davon profitiert
Networking, Mind Mapping, Self Coaching – wer heutzutage noch mithalten möchte, muss viel an sich arbeiten. Längst geht es dabei aber nicht mehr nur um die Steigerung des eigenen Humankapitals. Job und Karriere sind lediglich Teilaspekte des Lebens, die es zu optimieren gilt, um auf der sozialen Statusleiter nicht abzusteigen. Ein perfektes Leben will durchorganisiert sein, muss sich ständig an seiner Umwelt messen lassen und kann nur in der exzessiven Außendarstellung überhaupt zur Vollkommenheit reifen. Wer sich zwischen Latte Macchiato und Facebook schon einmal gefragt hat, ob das heutige System der Selbstinszenierung wirklich so erstrebenswert ist, der sollte dieses Buch lesen.
Der vielleicht meistzitierte Werbespruch der Neuzeit stammt von einem nordischen Do-It-Yourself-Möbeldiscounter und bringt den Perfektionierungswahn einer ganzen Generation so treffend zum Ausdruck, dass er es bereits zum geflügelten Wort gebracht hat. Inzwischen kursieren Hunderte Abwandlungen des eingängigen Slogans „Wohnst du noch, oder lebst du schon?“, der zynisch von der bis zur Selbstverleugnung gehenden Darstellungswut vieler Menschen zeugt.
Wie konnte es soweit kommen, dass eine ganze Gesellschaft nicht mehr für sich arbeitet, einkauft, wohnt oder eben lebt, sondern für Freunde, Nachbarn, Kollegen und den Chef? „Die Perfektionierer“ ist kein Rundumschlag gegen die nivellierte Wohlstandsgesellschaft oder einen individualisierenden Raubtier-Kapitalismus. Das Buch beschäftigt sich vielmehr mit der nach Erfolg und Ansehen lechzenden, aufstrebenden Mittelklasse, die, von Statusängsten zerfressen, nach immer neuen Superlativen eifert, um auch das letzte bisschen Potenzial aus sich herauszukitzeln. Ständig auf der Suche, dem Fluch des Mittelmaßes zu entfliehen, befindet sich alles von der Generation Praktikum bis zum Dax-Konzern-Chef auf einer endlosen Reise zu neuen Heldentaten, die den Lebenslauf auf ein akzeptables Niveau tunen sollen. Und genau an dieser Stelle kommt der interessierte Job-Bewerber ins Spiel, der sich bereits durch eine Unzahl an Karriere-Ratgebern, Kompetenz-Guides und Kreativseminare gearbeitet hat und immer noch auf der Suche nach dem I-Tüpfelchen für die ultimative Selbstpräsentation beim nächsten Einstellungsgespräch ist.
Werle, der für zahlreiche namenhafte Publikationen schreibt und beim Manager Magazin im Ressort Karriere arbeitet, entlarvt den Zwang, die eigene Vita bis zum Umkippen aufblähen zu müssen, als einen modernen Mythos, der sich durch die permanente Wiederholung zu einer Scheinrealität entwickelt hat und die Menschen nun zu immer neuen Höchstleistungen antreibt. Tiefsinnig beschreibt Werle die relativ simplen Mechanismen, die uns in die Situation der rastlosen Perfektionierung gebracht haben. Wer stets die Möglichkeit hat, sich weiter zu verbessern, dem wird implizit auch die Pflicht dazu auferlegt – alleine schon durch den Vergleich untereinander. Und der ist allgegenwertig: Ob Xing, Facebook oder YouTube, soziale Netzwerke und interaktive Plattformen, die Raum zur ausgiebigen Selbstdarstellung bieten, sind zum Taktgeber omnipräsenter Lebensentwürfe geworden. Wer in dieser Welt mithalten möchte, muss etwas zu bieten haben. Tolle Praktika, exzellente Noten, hervorragende Sprachkenntnisse und am Besten schon promoviert, bevor man mit Anfang zwanzig bei McKinsey erste Managerqualitäten bewiesen hat.
Angefangen bei den Ursachen arbeitet sich Werle in 14 Kapiteln zu den Symptomen und anschließend den Folgen dieser Entwicklung vor. Seine soziologischen Analysen bestechen durch ihre naheliegende Logik. Anschauliche Beispiele illustrieren auf teils amüsante, teils erschütternde Weise die Funktionsweise des sozialen Perpetuum Mobile, deren Rädchen wir alle mehr oder weniger gewollt sind. Letztlich wirft der Autor die einfache, dafür umso wichtigere Frage auf: Wenn alle perfekt sind, wer ist dann noch einzigartig?
Von Stefan Ehly
Die Perfektionierer
Autor:
Klaus Werle
Verlag:
Campus Verlag
ISBN: 9783593390932
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Quelle: Eigene Rezension


