Was würde Google tun?
Wie man von den Erfolgsstrategien des Internet-Giganten profitiert
Google ist bekannter als Heino, berühmter als die Beatles, bigger than Jesus! Google kennt jeder und benutzt jeder, ob man es nun liebt oder hasst. Google ist unser Gott. Wenn die Menschen früher in Entscheidungsnöte gerieten, haben sie sich gefragt, was Jesus an ihrer Stelle getan hätte. Heute fragt Jeff Jarvis eben im Namen aller Existenzgründer: „Was würde Google tun?“
Jeff Jarvis beschreibt Google außerdem als den Nietzsche des Internets, der seiner Zeit voraus ist und, ganz im Gegensatz zum philosophischen Pendant, sofort bahnbrechende Erfolge mit seiner Methode erzielt. Oh heiliger Google, was sagt mir deine Klugheit? Als Erstes überlässt er uns die Kontrolle!
„Wenn man uns die Kontrolle überlässt, werden wir sie nutzen“ – dies ist Jarvis Grundregel, die in Zeiten der Weltwirtschaftskrise zunächst wie blanker Hohn erscheint: Was können wir wohl beeinflussen, wenn „die da oben“ Milliarden an der Börse verspielen?? Wie können wir als einzelne Kunden ein ganzes Unternehmen herausfordern?
Von Himmel und Hölle
Das erklärt uns Jeff Jarvis in dem folgenden Kapitel über die so genannte „Dell-Hölle“. Jarvis hatte Probleme mit dem Hersteller von Laptops und insbesondere mit dessen Kundenservice. Seinen Frust ließ er im Juni 2005 in einem Blogbeitrag mit dem charmanten Titel „Dell ist scheiße!“ heraus. Durch Kommentare und Verlinkungen anderer Kunden zu seinem Kommentar wuchs das Interesse so weit, dass es schließlich auf der vordersten Google-Seite des Suchbegriffes „Dell“ auftauchte.
Die Eigendynamik der Kunden brachte schließlich auch die Firma Dell selbst auf den Plan, die sich zuerst nicht auf die Diskussionen in den Blogs einlassen wollte. Doch spätestens, nachdem sie Jarvis „zum Donnerkapitalismus nochmal“ gezwungen hatte, sich die Bloggs ihrer Kunden anzuschauen, musste Dell handeln.
Und so wandelte sich Dell vom Saulus zum Paulus. Waren sie zuvor bei Bloggern unbeliebt und für schlechten Service bekannt, so wendete sich Dell nun den Kunden zu, schrieb in den Foren zurück, beantwortete Mails sofort und richtete eine eigene Kunden-Homepage ein. Kurz: sie nahmen die neuen Entwicklungen und die Wünsche der Kunden ernst. Die negativen Kommentare nahmen rasch ab und ihr Image verbesserte sich zusehends. Für Jarvis ein Beispiel für die neue Macht der Kunden und Vorbild für alle Existenzgründer.
Wie handelt Google?
Offenheit, Mitbestimmungsrecht, Netzwerke – diese drei wichtigen Stichpunkte sind alle im Falle „Dell“ aufgetaucht. Google, als Paradebeispiel moderner Unternehmen, hält keine Informationen geheim. Es lässt die Kunden mitgestalten, diskutieren und suchen. Bei Google ist alles kostenlos, ob Landkarten, Photos oder Suchergebnisse. Die Benutzerfläche ist so schlicht, dass wirklich jeder sie begreift.
Und Google müllt die Menschen nicht mit Werbung zu, bis diese auf Google zukommen. Google profitiert stark von positiver Mundpropaganda, „denkt in dezentralisierten Bahnen und bewegt sich auf die Menschen zu.“ Die Menschen werden aktiv und übernehmen die Kontrolle. Doch keine Angst, sagt Jeff Jarvis, aus Sicht von Existenzgründern bedeute das: „Wenn Sie die Kontrolle abgeben, können Sie nur gewinnen.“
Alles muss man als Firma heutzutage sowieso nicht mehr kontrollieren oder wissen, es gibt ja „Links“ auf andere Seiten, die das eigene Unwissen ersetzen. Links sind Netzwerke und nach Jarvis ist Google der Jesus der Netzwerke (der Gott ist in diesem Fall das Internet selbst). „Durch Google entsteht ein Engelskreis: Je öfter wir unsere Suchergebnisse anklicken, desto schlauer wird Google. Je schlauer Google wird, desto besser sind die Suchergebnisse und desto häufiger nutzen wir Google.“
Insgesamt bietet das Buch rund 30 Google-Strategien, welche die neue und oft revolutionäre Haltung des Unternehmens beschreiben. Das umfasst z.B. die wirtschaftliche Komponente Googles, die individuelle Nischen (nicht: Nietzsche) dem Massenmarkt vorzieht. Die rasante Geschwindigkeit ist ebenso Thema wie eine neue "Ethik" im Internetzeitalter. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll über die Anekdote des Vaters, der den Namen seines Kindes danach aussuchte, ob die passende Domain "BennettPankow.com" noch zu haben war. Jeff Jarvis zeigt sich darüber nicht sonderlich erstaunt.
"Das ist heute eben so!"
So hinterlässt das Buch zwiespältige Gefühle. Auf der einen Seite enthält es Unmengen an hilfreichen Tipps, die gerade für Existenzgründer heutzutage unentbehrlich scheinen. Die Offenheit von Unternehmen, die Mitbestimmung der Kunden, die Bildung dezentraler Netzwerke – die neuen Märkte sind Gespräche, an denen alle teilhaben. Eine Vision, in der Existenzgründer die Menschen demokratisch in ihre Firma einbeziehen, anstatt sie bloß als „Kunden mit Geldbeuteln“ zu betrachten. Oder in Jeff Jarvis’ sakraler Stimmlage: „Ich bete dafür, dass Google und das Internet die Demokratie verändern, verbreiten und stärken.“
Auf der anderen Seite beleuchtet der Autor die Gefahren dieser Entwicklung nur ironisch. Ein wirklich kritisches Wort gegenüber dem Informationsgiganten Google und dem Handel mit persönlichen Daten ist kaum zu finden. Und der Leitspruch: „Das ist heute eben so, findet euch damit ab, Google macht es doch auch!“ klingt locker-luftig, spricht aber nicht gerade für eine wirkliche Einflussnahme der Menschen. Wenn 96 % (96 Prozent!!) der amerikanischen Jugendlichen soziale Netzwerke aller Art nutzen, klingt das für mich mehr nach Sozialismus als nach Demokratie. Und was geschah in der DDR noch einmal mit den Menschen, die dort nicht mitmachen wollten?
Christoph Schlüter
Was würde Google tun?
Autor:
Jeff Jarvis
Verlag:
Heyne Verlag
ISBN: 3453155378
Weitere Informationen bei
amazon.de
Quelle: Eigene Rezension


