Ach, Budapest! Warum man die schönste Stadt der Welt einfach lieben muss
Diese Stadt lässt einem keine Ruhe! Angelehnt an Hans Magnus Enzensberger möchte man gar ausrufen: Ach, Budapest! Dieser Seufzer ist zugleich Ausdruck des Hin- und Hergerissensseins; aber letztlich auch eine Liebeserklärung an die launische Stadt und vor allem an ihre Bewohner. Denn Budapest ist, was es ist: Die schönste Stadt der Welt.
Nicht jedem Touristen, der für ein verlängertes Wochenende in die ungarische Hauptstadt kommt, ist es vergönnt, dem Geheimnis ihrer Schönheit gleich auf die Schliche zu kommen. Dennoch bietet Budapest eine Menge einzigartiger Foto-Motive: das Panorama des Donauufers inklusive Parlament, das Budaer Burgviertel, die Andrássy-Straße mit ihrer historischen Umgebung – allesamt Teil des Weltkulturerbes – und nicht zu vergessen die von Gustave Eiffel geplanten Gebäude, wie den Westbahnhof oder die Große Markthalle.
Reiseführer schwärmen gerne von einem "einzigartigen Pulsschlag der Stadt" oder gar einer "ungeheuren Lebendigkeit". Sie glauben, hier einen "Schmelztiegel der Kulturen und Temperamente" oder eine "durch nichts zu bremsende Dynamik" zu erkennen. Wer längere Zeit hier verbracht hat, weiß, dass solche Allgemeinplätze besser auf Rom, Moskau oder Paris zutreffen würden.
Budapest wohnt vielmehr eine Schönheit inne, wie sie Friedrich Schiller vor mehr als 200 Jahren wunderbar formulierte. Schillers Grundgedanke war damals, dass abstrakte Schönheit stets mit dem Gegenständlichen spiele, und zwar so, dass dessen individueller Eigensinn oder Eigenwert sichtbar werde. Die Dinge blieben dadurch autonom, fügten sich aber schließlich wieder zu einem ästhetischen Ganzen zusammen. Einfach ausgedrückt: Budapest hat Stil. Diese Stadt drängt sich nicht vor, sie hascht nicht nach Originalität. Budapest entzieht sich geschickt den Kalamitäten eines globalen Jahrmarkts der Eitelkeiten. Durch diesen Eigensinn entsteht die unverwechselbare Schönheit der Stadt.
Die Unterschiede zu anderen Weltstädten werden in Budapest schon durch die All-Jährlichkeiten sichtbar. Wenn hier der Frühling einzieht, ein richtiger Lenz, mit Blütenpracht, Sonnenschein und Hochwasser, dann fühlt er sich an wie woanders der Sommer. Manchmal gibt es Jahre, in denen es gar keinen richtigen Frühling gibt, sondern gleich der Sommer den Winter ablöst, um dann bis kurz vor Weihnachten durchzufeiern. Der Sommer kann richtig heiß werden. Die Straßen und Gassen sehen mitunter wochenlang keinen Tropfen Wasser und der Staub fliegt den Straßenbahnen förmlich hinterher. Die Liebespärchen stört das herzlich wenig: sie küssen sich überall in der Stadt noch unverschämter als sonst. Wer jetzt nicht an den Balaton flüchten kann, findet entweder in den Budaer Bergen oder in den "morbiden, aber charmanten" Hinterhof-Biergärten des Achten Bezirks Abkühlung.
Der Herbst unterscheidet sich eigentlich kaum vom Frühling. Man erkennt ihn am besten an der Farbenpracht auf der Margarethen-Insel und den tiefhängenden Trauben in den Dörfern rund um Budapest. Man sollte sich nichts vormachen, der Winter kann hier sehr ungemütlich und unwirklich sein. Die Gesichter in den Straßenbahnen scheinen zu Eis gefroren und die Marktfrauen verkaufen Salat und Sauerkraut im Skianzug. Ach, Budapest!
Zwei Dinge machen den Budapester Winter aber so richtig schön: Die Kaffeehäuser und die Thermalbäder – auf beides sind die Budapester zu Recht ungemein stolz. Die Kaffeehauskultur ist weltweit vielleicht nur noch in Wien so ausgeprägt wie hier. Auch wenn die unvermeidlichen "coffe-to-go"-Läden Einzug ins Stadtbild gehalten haben, ist in den historischen Kaffeehäusern die Zeit scheinbar stehen geblieben. Wer das "Café Centrál" betritt, glaubt auf einer Zeitreise ins späte 19. Jahrhundert zu sein (der Blick auf die Preise erleichtert die Rückkehr ins 21. Jahrhundert). Mit Stuck verzierte Decken, gewaltige Lampen, dazu weiße Marmortische mit spartanischen Stühlen - das Arrangement dürfte bei der Eröffnung 1885 nicht viel anders ausgesehen haben. Damals wurde das Centrál schnell zum geistigen Zentrum der Stadt. Im Lärm des häufig überfüllten Kaffeehauses entstanden Zeitungsartikel, Novellen, Romane und vor allem Theaterkritiken. Und heute? Außer der Kleidung der Gäste hat sich nicht viel geändert: Die Stadtprominenz tuschelt, die Studenten unterstreichen die Zeilen ihrer Bücher und die Tischnachbarin lächelt verführerisch über den Rand ihrer Kaffeetasse.
Eigentlich könnte man aber genauso gut: Ach, Bad Budapest! ausrufen. 120 heiße Quellen, die 21 Bäder mit mineralreichem Wasser speisen, machen Budapest zur größten Kurstadt Europas. Das Széchenyi-Bad im Stadtwäldchen wirkt eigentlich mehr wie kleines Schloss, in dem man unter freiem Himmel im 38°C heißen Wasser Schach spielen oder in den verwinkelten Gängen nach noch unentdeckten Becken suchen. Das etwas kleinere Rudas-Bad ist nicht weniger imposant: Seit der Eröffnung 1566 wurde das Thermalbad zwar oft umgebaut, aber kaum verändert. Auch wenn – oder vielleicht weil? – mittlerweile auch Frauen Zutritt haben, fühlt man sich wie ein echter Pascha und vergisst die kosmopolitische Großstadthektik vor der Tür. Ach, Budapest!
"Extra Hungarium non es vita, si es ita, non es ita." (etwa: "Außerhalb Ungarns gibt es kein Leben. Ist es doch Leben, dann muss es ein anderes sein") Dass es mit den Magyaren etwas ganz besonders auf sich hat, haben schon die Römer bemerkt, als sie um 89 n.Chr. im heutigen Óbuda siedelten. Überhaupt hat sich die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte tief in das Bild der Stadt – im guten wie im schlechten – eingeprägt. Spitze Zungen behaupten, dass die Budapester ihren Besatzer einiges zu verdanken haben: Den Türken die Bäder, den Habsburgen die prächtigen Jugenstilhäuser und den Russen die Einschusslöcher darin. Das ist der ungarische Humor. Man weiß nie, ob man nun weinen oder lachen soll. Der Schriftsteller Tibor Déry brachte es auf den Punkt: "Was ist das Ungarische? Ein Witz der über Katastrophen tanzt."
Unlängst hatte ich das Glück, dieses Lebensgefühl an einem Abend, quasi zu einem Schnappschuss verdichtet, erleben zu dürfen. Es war ein verregneter Herbsttag in Budapest, Freunde hatten mich zu einem "Táncházeste" eingeladen. Schon nach dem zweiten Glas Rotwein erzählten sie mir, wie ihre Eltern vor Jahren in Kellern, geheim Csárdás getanzt hatten. Die Sowjetrussen hatten das damals als "nationalistischen Umtrieb" verboten. Seit der Wende – "Systemwechsel" wie es hier heißt – sind solche Tanzhaus-Abend ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche, die stolz sind, die Tradition ihrer Eltern fortzuführen. Und dann war er da, dieser Augenblick, wenn man weiß, dass er einem nur hier, nur jetzt passieren kann. In einem kühlen Budapester Hinterzimmer, in dem der Putz langsam von den Wänden bröckelt, tanzen junge Paare diesen einzigartigen ungarischen Volkstanz und der Bassist spielt solange bis seine Fingerspitzen bluten. Ach, Budapest!
"Alles Beobachten von außen bleibt ein unechtes und voreiliges Bild.", notierte Stefan Zweig seinerzeit. Einzig aus "geistiger Freundschaft mit den Lebenden" gewinne man Einblick in die Wirklichkeit der Menschen. Um wirklich diese geistige Freundschaft entwickeln zu können, muss der Neuankömmling sehr entgegenkommend und ausdauernd sein: Die Hürde der ungarischen Sprache ist hoch. (Außer Verliebten, beflissenen Diplomaten oder Linguisten, dürfte es kaum einen normalen Menschen geben, der eine Sprache erlernt, die außerhalb Ungarns nur noch von etwa 30.000 Ostjaken westlich des Urals gesprochen wird.) Das Lächeln einer Kassiererin des 24-Stunden-Ladens am Deák-Platz, wenn sie mit "Kezét csókolom" – "Küß’ die Hand!" – begrüßt wird, gibt aber neuen Antrieb, sich im "Singsang" der ungarischen Sprache weiter zu üben. Aber dieses Weiche und Elegante ist nicht leicht für unsere steifen deutschen Kiefer. Obwohl es eine ganze Menge deutsch klingender Begriffe im Ungarischen gibt, wie "szervusz", "curükk", oder "hózentróger" (Hosenträger), ist die Grammatik völlig verquer. Es gibt 43 Buchstaben, jeweils vier Variationen der Vokale und daraus werden ellenlange Wörter mit mehr als zehn Silben gebildet. Ach ja, auch in dieser schönen Sprache gibt es zu jeder Regel noch entzückende Ausnahmen.
Besonders empfehlenswert für kostenlose Sprachstunden ist eine Fahrt mit den Budapester Nachtbussen (Tickets hat hier keiner, auch die berüchtigten Budapester Ticket-Kontrolleure brauchen ihre Nachtruhe). Da nicht nur die Gänge der Busse recht voll sind, kommt man leicht ins Gespräch. Innerhalb von zwei Haltestellen erlernt man den nötigen Grundwortschatz: Trinksprüche, Flüche und Kosename. Einige Vokabeln aus allen drei Bereichen notiert, hat man tagsüber viel Spaß bei der Unterhaltung mit Ungarn. Vorsichtig ist aber geboten bei politischen Themen. Wer "ein garstig Lied" anstimmt, wird merken, dass die ungarische Hauptstadt ein großer Stammtisch ist und der politische Gegner entweder Kapitalist oder Nationalist, auf alle Fälle aber ein Gauner ist. Ach Budapest!
Zugegeben, die "Budapester Elegien" sind noch nicht gedichtet, die "Liebesgrüße aus Budapest" noch nicht geschickt und das "Taxi nach Budapest" noch nicht besungen. Auf einer Taxifahrt vom Flughafen in die Stadt, verstand ich jedoch, warum Budapest solche Lobhudeleien gar nicht nötig hat. Auf die Frage, was denn die Budapester auszeichne, meinte der Taxifahrer mit einem verschmitzen Grinsen: "Wir haben hier einfach gelernt, dass es besser ist, wenn wir uns nicht an die Regeln halten. Das war schon so unter den Türken, den Habsburger und den Sowjet-Russen. Das ist zu einem Gesellschaftsspiel geworden. Warum sollte sich das ändern?" Sprach’s und gab Gas. Die nächste Ampel war grade dabei, auf Rot zu schalten.
Budapest ist und bleibt, was es ist.
Von Sven Matis


