Zivildienst im Ausland - Tino Rasche lebte und arbeitete für ein Jahr in der Ukraine
Der Bezirk Cherson ist der ärmste Bezirk in einem Land, das zu den ärmsten Europas zählt. Eine Region, die dringend Hilfe benötigt - und hier arbeite ich.
Eigentlich ist längst Frühling, aber das Wetter bleibt stur. Gerade hat es wieder geschneit, obwohl wir doch die letzten Tage herrlichen Sonnenschein hatten und schon dabei waren, die Wintersachen im Schrank zu verstauen. Doch so unvorhersagbar und wechselhaft wie das Wetter ist auch das Leben als Freiwilliger hier in Cherson, im Süden der Ukraine, etwa auf halber Strecke zwischen Odessa und der Krim.
Obwohl die Stadt in der Mitte zweier Touristenanziehungspunkte der Ukraine liegt und Cherson zu Sowjetzeiten ein bedeutender Handels- und Industrieort war, so fährt man heute auf dem Weg zur Krim über weite unbewirtschaftete Felder, vorbei an riesigen stillgelegten Industrieanlagen, durch eine chaotische Gegend, wo einem von allen Seiten das Gesicht der Perspektivlosigkeit entgegenblickt. Der Bezirk Cherson ist der ärmste Bezirk in einem Land, das zu den ärmsten Europas zählt. Eine Region die dringend Hilfe benötigt - und hier arbeite ich.
Am 15. September 2002 hier angekommen, verbrachte ich die ersten Tage und Wochen damit, mich in Cherson einzuleben und die Situation vor Ort kennen zu lernen. Ich wurde mit einem weiteren Zivi in einem privaten Haus untergebracht, welches gleichzeitig als wohltätige Suppenküche für arme und vor allem alte Menschen dient. Am Ufer des Dnipro in einer äußerlich sehr runtergekommenen Gegend mit armen und reichen Privatgrundstücken bunt durcheinander gewürfelt, hatte der Lychener Verein "Hilfe für Osteuropa e.V." in Person des Ehepaares Sommerfeld 1997 ein Haus gekauft, welches nach und nach renoviert wurde. Neben einer Küche und einem Essenraum befinden sich in dem Haus auch zwei Wohnräume, in denen die ukrainische Köchin sowie wir zwei deutschen Zivis untergebracht sind.

Unsere Arbeit besteht nun darin, täglich etwa 50 hilfsbedürftigen Menschen eine warme Mahlzeit zu ermöglichen. Zwei Köchinnen aus dem Ort bereiten jeden Morgen das Essen zu, welches anschließend von den kommenden Menschen direkt im Hause gegessen oder aber auch in Gläsern und anderen Behältern zum Verzehr nach Hause transportiert wird. Viele der Menschen hat Frau Sommerfeld auf der Straße oder über Bekannte kennen gelernt und sie zum Essen in die Suppenküche eingeladen. Ein Großteil wird aber auch über den Fond der Invaliden zu uns geleitet, da die Küche mit dieser staatlichen ukrainischen Einrichtung in Cherson zusammen arbeitet. So haben wir immer verschiedenes Publikum.
Neben den täglichen Mahlzeiten verteilen wir einmal monatlich außerdem Trockenpakete, die auf ähnliche Weise wie die Mahlzeiten zugeteilt werden. In diesen Paketen befinden sich ca. 10 kg Trockennahrung, wie Nudeln, Mehl, Zucker und anderes, was uns ein Geschäft aus der Stadt liefert. Viele holen sich die Rationen selber ab oder schicken Verwandte oder Bekannte, wenn sie selber nicht in der Lage sind. Als Freiwilliger schaffe auch ich einigen die Lebensmittel nach Hause. Nebenbei besuche ich auch immer wieder viele unserer Babuschkis und Deduschkis, wie wir sie hier nennen, um zu schauen, wie es ihnen geht, ob sie vielleicht weitere Hilfe benötigen oder einfach nur, um mich mit ihnen zu unterhalten. Die Trostlosigkeit der Alten und Perspektivlosigkeit der Jugend ist nicht selten bedrückend, da man oft nichts Aufmunterndes entgegnen kann. Und doch ist es jedes Mal wieder schön die herzliche Dankbarkeit zu erfahren und zu wissen, ein bisschen Sonne in das trübe Dunkel der Einsamkeit gebracht zu haben.
Die Ukraine ist ein Land der großen Unterschiede, einerseits gibt es alles zu kaufen und auch Bewohner, die sich das auf die ein oder andere Art und Weise leisten können, doch anderseits erhält eine Rentnerin hier gerade einmal umgerechnet 18 Euro im Monat vom Staat für ihr lebenslanges Arbeiten. Und Unsummen im Lande verschwinden täglich vor den Augen der Bevölkerung, und keiner weiß wohin

Um hier dem Trott ein wenig auszuweichen, gibt es glücklicherweise einige kleine Lichtblicke, die auch ich zur Entspannung und Abwechslung nutze. So gehe ich zwei Mal die Woche zum Volleyball, wo sich Freizeitsportler unterschiedlichsten Alters treffen, um einfach mal ihre ganze angestaute Energie dem Ball zu verpassen. Auf diesem Wege können sie ein wenig entspannen, was sonst schlecht möglich ist, da viele ständig damit beschäftigt sind, die täglich notwendigen Ausgaben für Essen, Wohnen - und manch einer auch für ein bisschen Leben - mit genügend Einnahmen zu decken. Für emotionales Ausleben nutze ich das Theater und die Musik und versuche auf diesem Wege auch mit den hiesigen Menschen in Kontakt zu kommen. Dies ist möglich, da ich mir um existenzielle Dinge als gut abgesicherter Deutscher weniger Gedanken machen muss und meine Freizeit und mein kleines Taschengeld dafür nutzen kann. Es ist schade, dass auf dieser Welt und in solch unmittelbarer Nähe zueinander, noch immer so große Unterschiede bestehen.
von Tino Rasche


