Freiwilligendienst in Südafrika
Südafrika ist ein faszinierendes Land. Atemberaubende Landschaften überziehen die Gebiete zwischen Küsten und Hochgebirgen. Menschen aus allen Kulturen treffen an der klaffenden Grenze zwischen Armut und Reichtum aufeinander. Dieser enorme Kontrast macht das Land am Kap für Europäer in ihrer Andersartigkeit ein Anziehungspunkt der besonderen Art. Dem Drang eine fremde Kultur zur entdecken gab auch Tina (19) bereitwillig nach, als sie sich Anfang 2007 dafür entschied drei Monate nach Südafrika zu gehen um sich als Freiwillige bei der Organisation STAESA zu engagieren.
Das Akronym der Organisation steht für ‚Students Travel and Exposure South Africa’, wobei sie nicht nur Freiwillige und Praktikanten nach Südafrika, sondern auch nach Ghana, Benin, Togo, Mali und andere afrikanische Länder vermittelt.
Gemeinsam mit STAESA bereitete Tina ihren Aufenthalt in Afrika gründlich vor. Ihr Interesse für Afrika besteht schon lange: „Ich habe viele Artikel über Afrika gelesen, viel von der herrschenden Armut gehört und wollte mich einfach selber davon überzeugen, wie es ist, dort zu leben. Als Einstieg in den afrikanischen Kontinent ist Südafrika das ideale Land: die Verhältnisse sind nicht so extrem anders wie in Deutschland, immerhin gibt es in den meisten Gegenden Wasser und Strom. Mein Studium begann außerdem erst im Oktober, so dass ich die Monate Juni, Juli und August für einen längeren LD KLAuslandsaufenthalt nutzen wollte.“
Für die 12 Wochen, die Tina 20 km von Johannesburg entfernt bei einer afrikanischen Gastfamilie lebte, bezahlte sie 1200 €, wovon ein Teil an die Familie ging, ein anderer an die Organisation.
„Meine Gastfamilie war super nett. Edna, meine Gastmutti, ist mir bei meinem Aufenthalt sehr ans Herz gewachsen. Sie war offenherzig und hat sich ganz lieb um mich gekümmert.“ Zu Beginn wohnte noch eine andere Freiwillige aus Amerika bei der gleichen Familie. Da sie, genau wie Tina, fremd war, konnten sich die beiden bei der Eingewöhnung helfen: So wurden beispielsweise grundlegende Probleme, wie die Funktionsweise der Dusche, einfach geklärt.
Nachdem Tina mit ihrem aus Zeitungsartikeln und Fernsehberichten zusammengestückelten Erwartungsbild nach Afrika gekommen war, fand sie, dass sie es noch gut getroffen hatte. Ihre Familie lebte zwar in einem Township, ein größtenteils von Schwarz-Afrikanern bevölkertes Stadtgebiet, gehörte aber wohl noch zu den etwas besser Verdienenden. Sie besaßen ein Auto und ein ordentliches Häuschen. Von anderen Freiwilligen hatte sie schon Berichte von weitaus ärmlicheren Unterkünften gehört, in denen sich die Kakerlaken nachts mit ins Bett kuschelten.
Bewunderung empfindet sie für die Afrikaner, die trotz der überall bemerkbaren Armut eine so zufriedene Grundeinstellung und einen Humor haben, den sie sich auch in ihrer Heimat Deutschland wünschen würde. „Die Afrikaner sind überschwänglich und freundlich, selbst Fremde wie mich empfangen sie mit Wärme. Essen und Trinken wird immer geteilt, es herrscht ein enger Zusammenhalt, den ich am besten als ‚community’ beschreiben kann. Im Gegensatz dazu meckert eine Vielzahl der Deutschen andauernd, ist mürrisch und geizig.“
Bei näherer Bekanntschaft erfuhr ihre Gastfamilie auch, dass es in Deutschland nicht selten ist, kein Mitglied der Kirche zu sein. Ein Schock für die sehr christliche Familie, die sogleich um das Seelenheil ihrer Gasttochter fürchtete und Missionierungsversuche startete. Allerdings kam sie nicht umhin die Defizite zu registrieren. „Es schien, als ob die Leute nicht wahrnehmen, dass Bildung ihr Weg aus der Armut sein könnte. Bücher habe ich nur sehr selten in den Häusern vorgefunden und viele Jugendliche verbrachten den ganzen Tag mit Fernsehgucken. Außerdem sind die Folgen der Apartheid immer noch zu spüren. Der Versöhnungsprozess zwischen „blacks“ und „whites“ wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen.“
Als Freiwillige bei STAESA war es Tinas Aufgabe in einer Kindereinrichtung des Townships bei den täglich anfallenden Aufgaben zu helfen. Vor die Wahl gestellt, entschied sie sich für die Betreuung der Vier- bis Sechsjährigen, es hätte aber auch das Windelnwechseln bei den Babys sein können. So beschäftigte sie sich mit den Kindern, brachte jenen, die noch kein Englisch konnten, spielerisch Farben, Zahlen und Buchstaben bei, erzählte ihnen Geschichten, sang und tanzte mit ihnen und veranstaltete Bewegungsspiele um die motorischen Fähigkeiten der Kinder auszubauen. ‚Teacher Tina’ hatte bei den Kindern bald einen Stein im Brett: Im Gegensatz zu den afrikanischen Lehrern schlug sie nämlich nicht. „Es war manchmal schon schwer sich durchzusetzen, es gab Momente, in denen ich verstand, warum die anderen Lehrer auf den Stock zurückgriffen. Ich habe von der deutschen Unterrichtsweise ohne Schläge auf die Hände oder andere Körperteile erzählt, aber so sind die Lehrer es hier nicht gewohnt. Ich konnte dann nur noch wegschauen.“
Oftmals hatte Tina aber auch Zeit um mit ihrer Gastfamilie etwas zu unternehmen, denn der öffentliche Dienst, dem die Lehrer angehörten, streikte und alle Schulen wurden geschlossen. Ein Wochenende flog sie deshalb nach Kapstadt, wo sie Lust auf mehr bekam. Nach sieben Wochen als Lehrer vereinbarte sie deshalb mit der Organisation, dass sie die restlichen fünf Wochen ihres Aufenthaltes zum Reisen im Land nutzen konnte. Als Backpacker bereiste sie so die Küste beginnend in Swaziland bis hinunter nach Port Elizabeth und machte auch einige Abstecher ins Landesinnere. Dabei traf sie auf viele andere Reisende, vor allem aus Europa, mit denen sie Teile der Strecke gemeinsam zurücklegen konnte. In verschiedenen Dörfern lernte sie so auch das Leben der noch in Stämmen organisierten Einwohner kennen, sah ihren Tänzen zu und bewunderte wieder einmal die natürliche Fröhlichkeit der Menschen. Bei dieser Reise passierte es aber auch, dass ihre Kreditkarte kopiert wurde und Gauner das komplette Guthaben abhoben. Der Schock war groß, aber dank der richtigen Versicherung erstattete die Bank ihr das Geld zurück.
„Trotzdem, so eine Reise kann ich nur jedem empfehlen. Am besten ist es, ein Praktikum und eine Rucksackreise miteinander zu verbinden“, meint Tina.
Auf die Frage, was ihr denn an Südafrika besonders gefallen hätte, schweigt sie erst einmal. Es fehlen ihr sichtlich die Worte um ihre Erlebnisse adäquat zu beschreiben. „Die Landschaft ist so toll! Man kann ewig weit schauen, die Atmosphäre, die Temperatur, der Geruch, die Geräusche, das Gesamtbild. Alles ist so anders.“
Da war der Kulturschock beim Zurückreisen in die Heimat auch größer als auf der Hinreise. In der ersten Woche daheim wusch Tina ihre Sachen noch mit der Hand, redete die Leute erst auf Englisch an, bis diese sie auf ihren babylonischen Fehler hinwiesen. In der Mikrowelle erwärmte Cornflakes, die mehrere Wochen ihr Hauptnahrungsmittel darstellten, isst sie auch jetzt noch. Auch der Fön, früher mindestens einmal täglich angewandt, liegt auf einmal ungenutzt in der Ecke.
Aber auf alle Fälle gilt: Reisen bildet. „Ich hab so viel gelernt, nicht nur über die afrikanische Kultur und Mentalität, sondern auch über mich. Ich bin viel Selbstbewusster geworden, weil ich mich in vielen Situationen alleine durchkämpfen musste, in denen mir sonst meine Eltern geholfen haben. Bei der Arbeit mit den Kindern habe ich gelernt mich durchzusetzen und eine gewissen Autorität auszustrahlen, aber auch, dass ich dies nicht ewig machen könnte. Wenn ich Lehrer werde, dann für ältere Schüler. Auf eine andere Art war die Reise natürlich auch horizonterweiternd, die Welt hört nicht im alltäglichen Einerlei auf, es gibt da noch Menschen die so ganz anders leben als ich es gewohnt bin. Was ich sagen will: Es war ein einmaliges Erlebnis. Ich würde es auf jeden Fall wieder tun.“
Von Sandra Schusser


