Erfahrungsbericht Västerås, Schweden, Herbstsemester 2005/2006
Wie bist du auf Schweden gekommen, warum hast du gerade dieses Land gewählt? So, oder ähnlich, sind die Leute immer wieder auf mich zugekommen. Ich entschied mich für ein Auslandssemester in Schweden, weil mir die Organisation an den Unis gefiel und mich die Erfahrungsberichte von früheren Austauschstudenten überzeugten. Außerdem gibt es an den Unis einige Kurse auf Englisch. Somit hatte ich die Möglichkeit, meine Englisch-Kenntnisse zu verbessern und eine neue Sprache zu erlernen. Über das Erasmus-Programm der Uni Göttingen bewarb ich mich für drei Universitäten in Schweden. Ich erhielt einen Platz in Västerås an der Mälardalens Högskala und verbrachte dort das Herbstsemester 2005/2006.
Anreise
Ich empfehle, mit dem Flugzeug anzureisen. Seit dem letzten Jahr fliegt Germanwings von Hamburg nach Stockholm Arlanda. Andere Möglichkeiten wären von Hannover mit Hapagloyd oder von Lübeck mit Ryanair (dieser landet dann aber in Stockholm Nyköping). Von beiden Flughäfen kann man mit dem Bus nach Västerås fahren.
Ich selbst bin am 13. August von Lübeck mit Ryanair nach Stockholm Skavsta geflogen. Da bei Ryanair nur 15 kg Gepäck pro Person erlaubt sind, flogen meine Eltern kurzerhand mit. Am Flughafen in Schweden angekommen, sind wir dann mit einem Mietauto weitergefahren. Dieses hatte ich über Internet vorbestellt. Mit unserem kleinen blauen VW fuhren wir ca. zwei Stunden bis nach Västerås. Die Straßen waren fast leer und das Fahren lief daher sehr angenehm. In Schweden ist die Geschwindigkeit auf den Landstraßen auf 90 oder 70 km/h begrenzt. Aber da keiner rast und drängelt, fällt einem das gar nicht weiter auf. Im Gegenteil, wir gewöhnten uns schnell an das Tempo.
In Västerås mussten wir erst mal schauen, wo wir hin müssen. Natürlich verfuhren wir uns. Wir hielten an einer Tankstelle, um nach dem Weg zur Uni zu fragen. Da anscheinend jeder Schwede Englisch sprechen kann, war das kein Problem. Freundlich und hilfsbereit gab uns der Verkäufer einen Stadtplan und markierte die Straße der Uni. Später stellten wir fest, dass wir nur fünf Minuten entfernt waren. Am nächsten Tag sind wir ein bisschen durch die Stadt geschlendert. In Schweden haben die Geschäfte auch sonntags auf. Das ist einer der Vorteile, die ich in Deutschland vermissen werde.
Stadt
Västerås liegt direkt an einem großen See. Ähnlich wie in Göttingen hat die Stadt ca. 130.000 Einwohner, jedoch bekommt man diese hier nur selten zu sehen. Ein Spaziergang zum Mälardalen See lohnt sich auf jeden Fall.

Dort kann man auch eine von zwei ungewöhnlichen Hotel-Ideen bewundern. Wenn man genau hinschaut, sieht man ein kleines Häuschen auf dem See - das Unterwasserhotel. Das Zimmer bietet Platz für zwei Personen und befindet sich unter Wasser. Die andere Variante ist, im Baumhaus-Hotel zu übernachten. Ansonsten ist Västerås klein, aber fein und beschaulich. In der Stadt bietet es sich immer wieder mal an, schön zu bummeln. Wenn man in der Nähe der Uni wohnt, kann man alles gut zu Fuß ablaufen. Das Studentenwohnheim Timmermanen liegt sogar fast im Zentrum.
Unterkunft

Für das Wohnheim konnten wir uns bis zu einem Stichtag online bei der Wohnungsgesellschaft Bostad Västerås bewerben. Man konnte, so weit ich mich erinnere, drei Möglichkeiten angeben. Ich habe mich daran orientiert, möglichst dicht an der Uni zu wohnen. Dazu gehören Norra Allègatan, Junior und Timmermanen. Ich hab ein Zimmer im Norra bekommen. Die sind zwar am teuersten, dafür aber auch am besten ausgestattet. Die Zimmer sind 17m² groß, haben ein Bad und eine kleine Küchenzeile. Außerdem sind sie möbliert, haben in der Regel Küchengeschirr, Fernsehen und W-Lan. Die Internet-Standleitung ist schon etwas Nettes... Im Flur jeder Etage stehen Mikrowellen. Im Erdgeschoss befinden sich Waschmaschinen und Trockner, die Benutzung ist bereits in der Miete enthalten. Es gibt auch einen nett eingerichteten Aufenthaltsraum, aber den muss man leider schon ab zehn Uhr verlassen. Das Zimmer im Norra kostet ca. 16750 Kronen (rund 1800 Euro) für ein Semester. Damit ist es zwar sehr teuer, aber ich konnte einige Vorteile genießen. Alles war zu Fuß erreichbar. In fünf bis sieben Minuten war ich bei der Uni oder in der Innenstadt. Mein Zimmer war schön hell, lag direkt neben dem Balkon, und wie ich gesehen und gehört habe, hatten wir die beste Ausstattung. Außerdem noch ganz wichtig: ich hatte rund um die Uhr Internet und konnte somit jederzeit über Internet telefonieren. Und ich hatte einen Fernseher. Da es in Schweden immer Untertitel gibt, konnte ich viele Sendungen auf Englisch gucken.
Soziale Betreuung
Kurz vor der ersten Vorlesungswoche findet eine „Introduction week“ statt. Die Organisatoren gaben sich sehr viel Mühe. Zwischen den Informationsveranstaltungen wurden sogar Getränke und kleine Snacks angeboten.

Außerdem teilte man die Studenten in verschiedene Gruppen ein, die immer von zwei „Fadders“ betreut wurden. Zu dem Programm der Einführungswoche gehörten eine kleine Uni-Tour, eine Stadt-Tour, eine Fahrt auf die Insel Björnö, ein Welcome-Dinner, eine Kneipentour, eine Fahrt zu Ikea (um noch Kleinigkeiten für das Zimmer zu kaufen) usw. Auch während des Semesters wurde vom International Commitee immer wieder etwas organisiert - von Partys, Schlittschuhlaufen und Eishockey-Spielbesuchen bis hin zu Fahrten nach Stockholm und Helsinki. Gerade die angebotenen Fahrten sollte man für den günstigen Preis unbedingt nutzen.
Studium/ Uni

Die Universität ist sehr modern: schöne helle Hörsäle mit Fenstern, bepolsterte Stühle und kleinere Seminarräume. Das Gebäude ist noch sehr neu und mit viel Glas und Holz gestaltet. Nur die Bibliothek ist sehr klein, gerade wenn man die SUB in Göttingen kennt. In Schweden ist es gängig, dass man sich die Bücher kauft. Das kann ganz schön teuer werden, da wir in unseren Kursen nur amerikanische Literatur verwendet haben, und die kostet einiges. Für meine beiden Bücher für den ersten Kurs musste ich ca. 120 Euro bezahlen. Wenn man Glück hat, kann man es gebraucht von anderen Studenten abkaufen. Nun am besten zu den Kursen. Man darf im Semester 30 ECTS belegen. Hört sich viel an, ist es aber nicht, da die meisten Kurse 15 ECTS haben. Somit hat man im Normalfall zwei Kurse im ganzen Semester, was wirklich eine große Umstellung ist. Es gibt entweder Full-time Kurse, die gehen bis Mitte des Semester und danach fängt ein neuer Kurs an, oder Half-time Kurse, die gehen über das ganze Semester. Ich hatte die Kurse Management Accounting und International Business. Ich empfehle eindeutig, entweder zwei Full-time oder zwei Half-time Kurse zu belegen. Diesen Hinweis haben wir vorher leider nicht bekommen. Über die Website der Uni könnt ihr euch das Vorlesungsverzeichnis anschauen. Keine Angst vor Advanced Kursen. Ich hatte auch Bedenken, dass meine Englisch-Kenntnisse vielleicht nicht ausreichen. Aber man kommt überall gut mit. Auch die Klausuren kann man gut schaffen, wenn man sich vorbereitet. Nachteilig fand ich es, dass ich zum Teil nur zwei bis drei Mal an der Uni Vorlesung oder Seminare hatte. Da muss man sich schon dran gewöhnen. Es wird viel Selbststudium verlangt, und man muss sehr viel lesen. Es ist eine ganz andere Art des Studiums. Schon allein die Anzahl der Studenten in den Vorlesungen ist viel geringer, meistens sind es 30-50. In den Seminaren waren wir sogar nur zwölf Leute. Im International Business Seminar wurden wir in Gruppen aufgeteilt, die dann die entsprechenden Texte vorstellen und präsentieren mussten und anschließend die Diskussion leiteten. Am Ende bzw. manchmal in der Mitte des Kurses wird die Klausur geschrieben.
Studentisches Leben

Das studentische Leben kann man nicht vergleichen mit Göttingen. Die Studentenzahlen sind viel geringer, dafür kommt man mehr mit ausländischen Studenten in Kontakt. Mit den Schweden leider eher weniger. In den ersten Wochen sollte man zu den Partys ins Karen gehen - es befindet sich direkt neben der Uni. Am Anfang des Semesters ist es immer noch schön voll. Das Karen wird von den Studenten betrieben und ist am Tag so eine Art Bistro und Abends Kneipe/ Disko. Man sollte unbedingt die leckeren Baguettes probieren, am besten in allen Varianten. Denn im Gegensatz zu Göttingen gibt es keine Mensa, mehr eine Art Selbstbedienungs-Restaurant. Dementsprechend hoch sind die Preise. Ansonsten bleibt nur noch selbst kochen.
Sprache
In Schweden kann anscheinend jeder Englisch sprechen, also keine Sorge. Ich hatte anfangs auch kaum Schwedisch-Kenntnisse. Es ist schon witzig, sich mit einem alten Herren auf Englisch zu unterhalten, der mein Opa sein könnte. Außerdem bietet die Uni einen Schwedisch-Sprachkurs an. Dieser wird in drei Stufen aufgeteilt. Sollte man ruhig nutzen.
Kommunikation
Da ich Internet in meinem Zimmer hatte, habe ich ausschließlich Internettelefonie genutzt. Also unbedingt Headset einstecken. Außerdem empfiehlt es sich, eine Prepaid Karte von Comviq zu kaufen. Kostet ca. 150 Kronen (16 Euro), hat 100 Kronen (11 Euro) Startguthaben und gute Tarife.
Finanzen

Das Leben in Schweden geht schon mehr ins Geld, vor allem Lebensmittel sind doch um einiges teurer. Mit Miete, Lebensmittelkosten und anderem kann man pro Monat schon ca. 700 Euro einrechnen, je nachdem, wie oft man weggeht, reist usw. Alkohol kann man nur in entsprechenden Läden kaufen und ist wirklich ziemlich teuer. Lasst euch am besten etwas mitbringen, oder packt ihn bei Autoanreise selber ein. Ähnlich sieht es für Kosmetikartikel aus. Witzigerweise sind die zum Teil im H&M sogar am günstigsten. Auch der Friseur ist um einiges teurer. Dafür kann man gut und günstig Pizza essen gehen, die dazu noch unglaublich groß sind. Auch ein Besuch im Ikea lohnt sich. In der Stadt kann man keinen Supermarkt direkt empfehlen, der am günstigsten ist. Das unterscheidet sich oft von Produkt zu Produkt. Der Ica Maxi und Willys sind dagegen wirklich günstiger. Diese liegen mit Ikea und anderen Geschäften etwas außerhalb der Stadt. Man kann auch mit dem Bus hinfahren. Da die Karte aber nicht gerade wenig kostet, lohnt sich die Anfahrt nur mit Auto.
Über das Erasmus-Programm haben wir 80 Euro im Monat bekommen. Es lohnt sich, rechtzeitig Auslandsbafög zu beantragen, das heißt etwa sechs Monate vor der Abreise. Die Bedarfssätze sind für Auslandsaufenthalte höher angesetzt. Ich selbst habe auch Bafög bekommen, obwohl ich vorher keinen Anspruch darauf hatte. Außerdem hat es einen großen Vorteil: man muss es nicht zurückzahlen.
Allgemeine Tipps
Am besten ist es, in Deutschland ein Konto bei der SEB anzulegen. Das ist für Studenten kostenlos, und ihr könnt dann immer gebührenfrei Geld in Schweden abholen. Das wäre schon ganz praktisch gewesen, aber leider wusste ich das vorher nicht. Außerdem ist es wichtig, alle Erasmus-Unterlagen mitzunehmen, zum Beispiel Learning Agreement, Letter of Acceptance usw. Wie oben schon erwähnt, ein Headset mitnehmen oder später kaufen und eine Comviq Simkarte in Schweden holen.
Persönliche Eindrücke

Für mich stand bereits vor dem Studiumbeginn fest, dass ich ein Semester im Ausland studieren möchte. Meine Entscheidung für Schweden habe ich bis heute nicht bereut. Im Gegenteil, ich kann es nur jedem empfehlen, ein Semester im Ausland zu verbringen. Für mich steht jetzt eindeutig fest, dass ich ein Mensch bin, der viel Sonne braucht. Es ist nicht die Kälte, die mich bedrückt hat, sondern die frühe Dunkelheit. Im Winter ging die Sonne erst sehr spät auf und dann schon ab halb zwei wieder unter. Aber das ist bei jedem unterschiedlich, den einen stört es, der andere merkt es gar nicht. Mein Nachbar sagte einmal zu mir: ich habe heute so lange geschlafen, ich habe den ganzen Tag keine Sonne gesehen.
Mein Studienplan in Göttingen gefällt mir im Vergleich zu Västerås besser. Ich bevorzuge es, mehr Zeit an der Uni zu verbringen und dementsprechend mehr unter Studenten zu sein. Die kleinen Gruppen in den Kursen hatten ihre Vorteile: man ist nicht so anonym und der Professor kennt einen mit Namen. Zugegeben, dass kann auch ein Nachteil sein.. Gefallen hat mir, dass in Gebäuden überall Rauchverbot herrscht, vor allem beim Weggehen macht sich dies bemerkbar. Auf der anderen Seite lernt man da an einem Abend ganz merkwürdige Gerüche kennen.

Ein Reisetipp noch: jeder sollte unbedingt ein Mal
Stockholm gesehen haben. Die Stadt ist wirklich traumhaft schön. Ein Wochenende reicht vielleicht gerade so aus, um alle schönen Ecken zu besichtigen. Besonders die alte Stadt, das Schloss und die verschiedenen Museen sollten auf der Sightseeing Liste stehen. Ansonsten kann ich die bekannten Vorurteile nur bestätigen: die Schweden sind ein sehr freundliches und offenes Volk. Eine Fahrt nach Schweden kann ich nur empfehlen.
Von Katja Gundlach


