Uniwersytet Jagielloński, Kraków (Polska/Polen)
Sommer wie in Italien, Winter wie in Russland. Ski fahren in den Bergen, Sonnenbaden an der See. Die Einsamkeit der Wälder und das wilde Nachtleben in den Städten. Allerorts Geschichte, aber auch Aufbruch. Konservative Alte begegnen leistungswilligen Jugendlichen. Willkommen im Land der Gegensätze, im Land der Möglichkeiten. Willkommen in Polen.
Die Entscheidung, während meines Studiums ins Ausland zu gehen, stand für mich schon zu Schulzeiten fest. Genauso klar wie die Wahl des Landes. Über drei Jahre hinweg nahm ich an einem Austauschprogramm meiner Schule mit einer polnischen Schule in Posen teil. Seitdem ist mein Interesse für die Kultur und Geschichte Polens und seiner Menschen gewachsen.
Also ging es im September 2005 mit ERASMUS nach Krakau. Am Anfang einer solchen Unternehmung steht bekanntlich die Anreise. Dafür bieten sich Flugzeug und Zug an, aber auch Busse sind sehr beliebt und ein Erlebnis für sich. Ein bisschen polnisches Kleingeld ist dabei für die Toilettengänge hinter der Grenze ganz wichtig. Busse eignen sich vor allem für die Anfahrt aus Städten, die keinen Flughafen mit Verbindung nach Polen in der Nähe haben. Die Unternehmen sind meistens polnisch. Empfehlenswert sind beispielsweise Eurolines (www.eurolines.de) oder Sindbad (www.sindbad-gmbh.de; www.sindbad.pl). Hin- und Rückfahrt kann man ab Göttingen für 70 Euro bekommen. Bei viel Gepäck bietet sich eher der Zug an (www.bahn.de, www.pkp.pl), denn beim Flugzeug gilt schließlich zumeist die Gewichtsbegrenzung von 20kg auf Gepäckstücke. Je nach Buchungsdatum kann sich jedoch auch das lohnen, beispielsweise wenn jemand mitfliegt und Dinge im eigenen Gepäck mitnehmen kann. Eine gute Übersicht der (Billig-)Fluglinien gibt es unter www.billig-flieger-vergleich.de.
Zwar ist Krakau (www.krakow.pl) eine Großstadt mit vielen Vierteln, doch das Leben spielt sich hauptsächlich in der Altstadt („stare miasto“) und im jüdischen Viertel Kazimierz ab. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man bequem überall hin. Allerdings gibt es seit dem EU-Beitritt zahlreiche Baustellen, so dass Busse und Straßenbahnen/Trams oft umgeleitet werden. Tickets gibt es an jedem Kiosk. Gerade im Winter ist eine Monatskarte empfehlenswert, die für rund 12 Euro Studentenpreis günstig zu bekommen ist. Im Sommer allerdings kann man wunderbar mit dem Fahrrad durch die Stadt kurven. Wer ein Rad – neu oder gebraucht – kaufen will, hat die freie Auswahl zwischen den verschiedenen Fahrradläden sowie dem Flohmarkt an der Hala Targowa.

Als Stadt ist Krakau schlichtweg ein Genuss. Um die Altstadt herum zieht sich ein Grüngürtel („planty“), zudem gibt es mehrere Parks und Plätze zum Entspannen. Wunderbar ist es im Sommer auf den Wiesen vor dem Schloß („Wawel“) in der Sonne zu liegen. Geschichtlich wie kulturell gibt es viel zu erleben und zu entdecken. So gibt es ein riesiges Kulturangebot (Museen, Galerien, Konzerte….), Szene-Kneipen und gemütliche Kaffees, zahlreiche Diskos für jeden Geschmack und gute Einkaufsmöglichkeiten. Lebensmittel lassen sich am Besten in den mittelgroßen Supermärkten kaufen. Diese sind teils 24-Stunden geöffnet, z.B. Kefirek. Alternativ gibt es auch größere Einkaufszentren außerhalb der Innenstadt, wie Tesco, Real oder Geant. Dort muss man allerdings mit der Tram hinfahren.

Angst vor Taschendieben ist in Krakau eher nicht angebracht. Normale Aufmerksamkeit wie in jeder größeren Stadt allerdings schon. Das Vorurteil von den besonders stark klauenden Polen kann ich aber nicht bestätigen. Eines der wenigen wahren Vorurteile ist, dass die Polen gläubiger sind als wir in Deutschland. Die Kirchen sind am Wochenende voll. Gottesdienste werden oft mit Lautsprechern auf den Kirchhof übertragen. In den Straßen begegnet man Nonnen oder Mönchen. Und natürlich gehört der Papst zu Polen und vor allem Krakau wie das Amen in die Kirche. An seinem Todestag versammeln sich die Menschen auf den Straßen, insbesondere vor seinem früheren Amtssitz. Sie legen Blumen nieder, zünden Kerzen an und beten. Manche weinen. Übrigens: In Krakau sind auf dem „Cmetarz Rakowicki“ die Eltern Johannes Pauls II. beerdigt. Wirklich hübsch sind auch Allerheiligen auf dem Friedhof – ein wahres Lichtermeer mit Volksfestcharakter – und Ostern.

Die Menschen sind für gewöhnlich offen und nett. Einzig auf den Ämtern und manchmal im Supermarkt trifft man unfreundliche Polen. Besonders aufgeschlossen sind vor allem die Jüngeren. Sie sind sehr an Kontakten mit Ausländern interessiert. Am Anfang wurden wir "gewarnt", dass manche Polen nicht viel in Freundschaften investieren werden, weil man als Erasmus-Studi sowieso bald wieder weg sein würde. Ich habe aber durchaus gegenteilige Erfahrungen gemacht. Die jungen Polen sprechen gut bis sehr gut englisch. Die Gefahr dabei ist allerdings, dass das eigene Polnisch etwas zu kurz kommt.
Wie schnell man Polnisch lernt, hängt von jedem Einzelnen ab. Die Universität bietet einen Sprachkurs an, der rund 100 Euro kostet und sechs Stunden in der Woche umfasst. Die Gruppen dabei sind klein und die Lehrer gut – ein Angebot, das ich jeder Sprachschule vorziehen würde. Zudem gibt es Sprachtandems (ein Muttersprachler bringt dir Polnisch bei und du ihm im Gegenzug Deutsch; www.tandem-krakow.pl). Das Tandem-Team bietet zudem einmal wöchentlich einen Abend mit verschiedenen Sprachtischen an. Wichtig ist, Vokabeln lernen und die Leute und sich selbst „zwingen“, Polnisch zu reden. Allerdings können gerade in der Touristenstadt Krakau viele Leute Englisch. Deshalb kann es passieren, dass man etwas auf Polnisch bestellst oder fragt und die Antwort auf Englisch bekommt. Da ist dann genug Selbstbewusstsein gefragt, um einfach weiter Polnisch zu reden.

An der Uni (www.uj.edu.pl/index.html) ist die Sprache kein Problem. Das Internationale Büro (www.uj.edu.pl/ISOffice/index.html) verteilt zu Semesterbeginn üblicherweise eine Liste mit Kursen auf Englisch, viele davon aus dem Angebot der Soziologischen Fakultät. Dort, so wie im Internationalen Büro und im Erasmus Student Network-Büro ESN (www.esn.student.uj.edu.pl) ist die Betreuung sehr gut. Das Kurs-Angebot ist interessant, aber von den Leistungsanforderungen geringer als an vielen deutschen Unis. Aufpassen wegen der Anrechnung! Was auf jeden Fall zu empfehlen ist, ist das Mentorenprogramm von ESN. Dabei wird einem ein polnischer Student zur Seite gestellt. Das ist nicht nur für die Inte- gration und Anmeldung, sondern auch für die Wohnungssuche hilfreich. So bietet die Universität zwar die Möglichkeit, in einem der Studentenwohnheime unterzukommen. Allerdings gibt es dort Zwei- oder Dreibettzimmer und Waschräume für 30 Leute auf einmal. Aushänge für private Unterkünfte gibt es viele, auch einige nützliche Internetseiten – wenn auch in polnischer Sprache (www.gumtree.pl, www.sublokator.pl, www.emieszkania.com.pl). Mit Polen zu wohnen ist eine feine Sache. Allerdings kann es in Einzelfällen auch schief gehen. Eine Freundin aus Belgien hatte Mitbewohner, die davon ausgingen, dass alle Westeuropäer reich sind - sprich für alle anfallenden Kosten zahlen können.
Teuer ist es allerdings in Polen nicht. Krakau gilt zwar als wohlhabendste und eine der teuersten Städte Polens, dennoch ist es kein Vergleich zu Deutschland. Ein Złoty entspricht ungefähr vier Euro. Ich habe für mein möbliertes 12m²-Zimmer rund 150 Euro gezahlt. Ein gutes, warmes Mittagessen gibt es ab 2 Euro. Ein halber Liter Bier kostet zwischen 1,50 und 2,50 Euro. Der Eintritt in Klubs ist meistens frei, außer wenn organisierte Partys stattfinden.

Möglichkeiten ans eigene Geld zu kommen gibt es verschiedene. Erstens kann man sich ein eigenes Konto in Polen eröffnen. Ich war bei der Millenium Bank (www.millenet.pl) und musste nichts für mein Girokonto bezahlen. Die Eröffnung ging ohne Probleme, die Überweisungen aus Deutschland ebenso. Die zweite Möglichkeit ist, in Deutschland ein Konto bei der Deutschen Bank zu eröffnen. Damit kann man in Polen bei den Filialen der Deutschen Bank kostenlos abheben. Das ist wohl die einfachste Variante. Hebt man mit der deutschen Geldkarte bei einer polnischen Bank ab, fallen Gebühren an. Dieser Weg ist nur dann sinnvoll, wenn man gleich das abhebt, was man im entsprechenden Monat (oder mehreren) braucht. Etwas abwegig, aber auch eine Idee, ist es, Euro-Bargeld zu haben und dann zu wechseln.

Einziger auffälliger Minuspunkt an Polen ist das Wetter – zumindest im Winter. Der ist nämlich arg kalt. Und ziemlich lang. Dieses Jahr ging er (schneetechnisch) von Mitte November bis Ende März. Das Gute daran: Irgendwann merkt man den Unterschied zwischen -15 und -27 Grad Celsius nicht mehr. Mein Mitbewohner hat es beispielsweise während des gesamten Winters geschafft, mit dem Fahrrad zu fahren. Aber Spätherbst, Frühling und Sommer sind einfach herrlich. Alles wird grün, fängt an zu blühen. Die Leute sitzen in den Parks auf den Bänken oder liegen am Wisla-Ufer. Das entschädigt für den Winter. Aber den gilt es erst einmal zu überstehen.
Zum Schluss noch ein paar nützliche Tipps kurz zusammengefasst: Wer zuhause keinen Internetanschluss hat, sollte zum Goethe-Institut am Marktplatz (Rynek) gehen. Dort gibt es auch deutsche Bücher und Zeitschriften. Alternativ gibt es zahlreiche Internetcafés und Kneipen mit HotSpot. Lebenselixier, um innerhalb von Polen in Kontakt zu bleiben, ist das Handy. Selbst mit Prepaidkarte ist Telefonieren und SMSen so billig, dass sich die Anschaffung unbedingt lohnt. Welcher Anbieter ist relativ egal. Ein herrlicher Laden mit englischen Büchern ist der Massolit Bookstore (www.massolit.com). Hier gibt es Literatur zu jedem Thema, so abwegig es erscheinen mag, und Schätze, von denen man nicht geahnt hatte, dass sie existieren. Wer anfangen will zu schmökern, lässt sich in einem der Sessel nieder oder in dem kleinen Café. Die Preise für Bücher wie für Kaffee sind fair und der ganze Laden ist einfach super gemütlich. Weggehtipps: Tolle Cafes und Kneipen sind: Café Manekin, Pauza II, Nowa Prowincja, Alchemia, Vinyl Club… Gut zum Tanzen: ŁubuDubu, Kitsch, Ministerstwo… Leckeres, günstiges Mittagessen gibt es im: Chimera, U Stasi, Babcia Malina, auf dem Dach der Musikakademie… Auf einer richtigen Party darf ein Getränk nicht fehlen: Tatanka. Das ist Zubruwka (polnischer Wodka mit Büffelgras) und Apfelsaft. Mmh!
Wer in Krakau ist, sollte unbedingt auch zur Salzmine Wielicka (www.kopalnia.pl). Ja, Salzmine klingt langweilig, hat man schon 50.000 Mal gesehen – aber diese ist anders. Oder hat jemand schon mal eine riesige Halle gesehen, bei der sogar die Bodenfliesen akkurat aus Salz gehauen sind? Oder ein Hotel mehrere hundert Meter unter der Erde?

Weiterer Punkt auf der Besuchs-Tagesordnung ist das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (www.auschwitz-muzeum.oswiecim.pl). Hin fährt man am besten mit dem Zug und läuft dann ein Stück oder nimmt an einer der organisierten Bustouren teil. Dort gibt es regelmäßige Führungen in verschiedenen Sprachen. Allerdings dauern sie lange und hetzen ein wenig über das Gelände. Trotzdem bekommt man so einen ersten Eindruck, der alleine schon sprachlos macht.

Eine tolle Idee ist auch ein Ausflug in die Berge. Im Sommer zum Wandern, im Winter zum Ski fahren, oder um den Skisprungwettkampf in Zakopane anzuschauen.
Von Monika Griebeler


