Architektur in den Niederlanden - Studieren in Delft
Ein Architekturstudent erzählt über seinen Studienaufenthalt an der TU Delft, worauf man achten sollte und wo man Hilfe findet.
Die Lage auf dem niederländischen Wohnungsmarkt ist wohl das Erste, mit der jeder ausländische Student Bekanntschaft macht. Schon sehr früh bekam ich den Bescheid von der Universität, dass aufgrund des akuten Wohnungsmangels auf dem Campus der TU Delft leider kein Zimmer für mich zur Verfügung gestellt werden kann, und dass ich mich bitte selbst um eine Unterkunft kümmern sollte. Ab diesem Zeitpunkt war für mich klar, dass ich nicht in Delft, sondern in dem für holländische Verhältnisse weitaus billigeren Rotterdam nach einem Zimmer suche. Über einen unter Studenten sehr bekannten Wohnungsmakler in Rotterdam bekommt man dann letztendlich zügig ein Zimmer, auch wenn zu einem etwas höheren Mietpreis. Für diejenigen, die aufgegeben haben ein Zimmer auf dem freien Markt zu ergattern; sein Name ist Fliegentarth, die Telefonnummer des Büros lautet: 0031.(0)10.4186718.
Als Erasmus-Student an der TU Delft belegt man einen der Master-Kurse (MSC). Angeboten wird unter anderem Interior Architecture, Public Building, Urbanism, Dwelling… Die Gruppen sind gemischt und bestehen aus niederländischen und ausländischen Studenten. Die niederländischen Studenten müssen für ihr Diplom ebenfalls den Master-Studiengang belegen, dieser wird ausschließlich in englischer Sprache angeboten. Den Studienaufenthalt in den Niederlanden kann man dadurch sehr gut nutzen, die vorhandenen Englischkenntnisse zu vertiefen und das Architektur-Englisch zu forcieren.
Das Entwurfsprojekt an der TU Delft stellte in jeder Hinsicht eine große Bereicherung für das Studium dar. Trotz der ständigen Betreuungstermine blieb genügend Zeit, sich ausführlich mit dem Thema zu beschäftigen und sich mit der gestellten Aufgabe intensiv auseinanderzusetzen. Zusätzlich wurden von jedem Student Essays und Reflektionstexte über den Entwurf gefordert. Die Thematik der Essays hing dabei unmittelbar mit der Entwurfsaufgabe zusammen. Die innerhalb eines Master-Kurses angebotenen Seminare hielten jedoch leider nicht immer das, was sie im Vorfeld versprochen hatten. Die Qualität der Veranstaltungen schwankte dabei zwischen sehr gut und sehr schlecht. Leider konnte man sich die Seminare auch nicht frei nach Interesse aussuchen, und alle in den MSC`s angebotenen Seminare waren Pflicht. So kann es passieren, dass man sich in einem Statik 1 Kurs wieder findet, die Lehre dabei ist ungefähr mit dem Niveau der ersten zwei Semester in Stuttgart vergleichbar. Es gibt aber auch Seminare, in denen gelehrt wird, gute architekturkritische Texte zu schreiben. Die Qualität der Vorlesungen schwankte ebenfalls erheblich, entweder die Vorlesungen waren informativ und konstruktiv oder sie sind eben… ja, nicht ganz so gut. Dabei konnte es auch mal passieren, dass Vorlesungen auf Niederländisch gehalten wurden, was für Ausländer auf Dauer dann doch ein bisschen anstrengend war. Man sollte sich den Vorlesungsstoff denn eben selbst erarbeiten. Über die Vorlesungen gibt es im Allgemeinen am Ende des Semesters eine mündliche oder schriftliche Prüfung. Von einer Qualität der Vorlesungen im mittleren Bereich kann ich leider nicht berichten. Ein großer Pluspunkt der TU Delft gegenüber der Uni Stuttgart sind die Einrichtungen der Fakultät. Über das gesamte Gebäude sind Workstations verteilt, die jeder Student frei nutzen kann. Über ein Netzwerk sind diese miteinander verbunden, Teil dieses Netzwerkes ist auch das Druckzentrum. Dort kann für einen geringen Preis gedruckt, geplottet und kopiert werden, des Weiteren stehen Scanner und Digitalkameras zum Ausleihen zur Verfügung.
Ein weiterer Grund in Rotterdam zu wohnen, ist die Bibliothek des Nederlands Architectuurinstituut (NAI). Diese Präsenzbibliothek bietet eine unglaublich große Auswahl an Literatur zum Recherchieren und ist aufgrund der Räumlichkeiten auch so ein schöner Ort zum verweilen um ein bisschen in Büchern zu blättern. Von internationalen Architekturmagazinen über Publikationen einzelner Architekten bis hin zu fachspezifischer Literatur; von fast allem ist eine hervorragende Auswahl an Büchern vorhanden. Die Bibliotheks-Mitarbeiter sind hilfsbereit und nehmen jeden Buchtipp gerne an. Einmal wöchentlich abends werden im Berlage-Institut in Rotterdam Vorlesungen von international anerkannten Architekten gehalten. Diese sind sehr empfehlenswert! Die Vorträge handeln von zeitgenössischen Themen oder die Architekten stellen ihre Projekte vor. Unter anderem haben im Wintersemester 03/04 Riken Yamamoto, Bjarne Mastenbroek, Dominique Papa und Bernard Tschumi dort Vorträge gehalten.
Trotz des vollen Stundenplans sollte man nicht vergessen, sich die vielfältige Architektur in den Niederlanden anzusehen. Diese Zeit nimmt man sich am besten, solange das Entwurfsprojekt noch nicht voll im Gange ist, es noch einigermaßen warm ist und das Wetter noch nicht von Dauerregen und starkem Wind beherrscht wird. Die TU Delft nimmt europaweit die meisten Erasmus-Studenten auf. Interessant ist dabei zu sehen, wie die unterschiedlichen Nationen sich einer Aufgabe oder einem Thema nähern. Der interkulturelle Gedanke steht dabei stets im Vordergrund, man kann sich gegenseitig viel zeigen und von jedem etwas lernen. Auch ist es gut, eine neue Lehre zu erfahren und sich mit Problemen auf eine andere Art auseinanderzusetzen. Dies ermöglicht einem auch, die Vor- und Nachteile der Heimatuniversität in einem neuen Licht zu betrachten.


