Auslandssemester in Groningen
Ins Ausland, aber wohin denn nur? „Auslandssemester in Holland? Das ist doch gar nicht richtig Ausland. Wieso gehst du nicht nach Spanien oder Italien?“
So oder so ähnlich waren die Reaktionen der meisten Menschen, denen ich erzählte, dass ich ein Semester in Groningen studieren wollte. In der Tat, wenn man über ein Semester im Ausland nachdenkt, kommt einem nicht als erstes in den Sinn, in die Niederlanden zu gehen. Viel verlockender erscheinen Ziele wie Neuseeland, Australien, Amerika, Spanien oder Italien.
Auch ich war zuerst sehr unsicher, in welches Land ich gehen sollte. Also schaute ich nach, in welchen Orten sich Partnerhochschulen befinden und studierte dann mehrere Erfahrungsberichte, die von dem zuständigen Erasmus-Programmbeauftragten zur Verfügung gestellt werden. Dabei stieß ich dann auf einen Erfahrungsbericht über einen Auslandsaufenthalt in Groningen. Die Beschreibung von der kleinen, im hohen Norden der Niederlande gelegenen Studentenstadt mit den vielen Fahrrädern war so vielfältig und positiv, dass sie mich sofort überzeugte. Zudem fand ich gerade spannend, dass es nicht Spanien oder Italien war, sondern einfach mal etwas anderes. Also bewarb ich mich für ein Auslandsstudium in Groningen. Das darauf folgende Bewerbungsgespräch verlief sehr angenehm und unkompliziert und einige Wochen später erfuhr ich, dass ich den Platz bekommen hatte.
Groningen - eine schöne kleine Stadt mit einem beachtlichen Nachtleben

Groningen liegt im Nord-Osten der Niederlande, ungefähr
30 km vom Meer und 50 km von der deutschen Grenze entfernt. Die Stadt hat ca. 180.000 Einwohner, von denen ein Drittel Studenten sind.
Das Wahrzeichen von Groningen ist die Martinikerk, die zwischen 1469 und 1482 erbaut wurde. Es lohnt sich wirklich, die vielen Treppen zum Turm hinaufzusteigen, denn von dort hat man (zumindest bei schönem Wetter) einen tollen Blick über ganz Groningen. Die Martinikerk befindet sich gegenüber des Rathauses direkt am großen Marktplatz (Grote Markt). Jeden Dienstag, Freitag und am Samstag findet dort ein Wochenmarkt statt, der den Platz in ein buntes und lebhaftes Treiben rund um Obst, Gemüse, Fisch und allerlei Spezialitäten verwandelt. Der Einkauf auf dem Wochenmarkt lohnt sich nicht nur wegen der schönen Atmosphäre, sondern auch preislich, denn oft bekommt man Obst und Gemüse wesentlich günstiger als im Supermarkt.
Nicht wegzudenken aus dem Stadtbild sind die vielen Fahrräder, auf denen die Menschen hier vom Einkaufen bis hin zum Kinder von der Schule abholen alles erledigen. Dabei ist sowohl die Freundlichkeit und als auch die gute Laune der Menschen, die sie durch lautes Pfeifen oder Singen ausdrücken, besonders auffällig. Die Holländer sind ein sehr lebenslustiges und hilfsbereites Volk. Manchmal meinen sie es aber auch zu gut, denn wenn man sie auf niederländisch anspricht und sie merken, dass man Deutsche/r ist, bemühen sie sich sofort auf Deutsch zu antworten, was für die Verbesserung der eigenen Niederländischkenntnisse aber eher negativ ist. Die Innenstadt ist von einem Kanal umgeben, auf dem wunderschöne Hausboote liegen. Im Sommer werden Bootstouren oder Kanufahrten angeboten, bei denen man die Stadt mal aus einer anderen Perspektive betrachten kann.

Tagsüber ist Groningen eine kleine aber sehr lebendige Stadt, doch auch abends sind die Straßen mit Menschen gefüllt, denn die Stadt hat ein beachtliches Nachtleben zu bieten. Neben mehreren älteren traditionellen Kneipen gibt es viele Bars und Clubs in denen man sich die Beine bis zum frühen Morgen müde tanzen kann. Für die Austauschstudenten gibt es ein- bis zweimal in der Woche die so genannten Erasmuspartys, auf denen man junge Leute unterschiedlichster Herkunft trifft.
Die Unterkunft
Da Zimmer in der Studentenstadt Groningen sehr begehrt sind, ist es ganz wichtig sich so früh wie möglich um ein Zimmer im Wohnheim oder einer privaten Wohnung zu kümmern. Dies geht am einfachsten über das Housing Office (www.housingoffice.nl). Das Housing Office vermittelt sowohl private Zimmer als auch Zimmer in Wohnheimen. Auf der Homepage hat man die Möglichkeit sich die verschiedenen Wohnheime anzuschauen und kurze Beschreibungen zu lesen. Zurzeit gibt es zwölf Wohnheime für internationale Studenten in Groningen, die sowohl Einzelzimmer als auch Doppelzimmer anbieten. Die Mieten liegen zwischen 200 € und 380 € und damit deutlich höher als in Deutschland. In der Regel sind alle Zimmer möbliert und größtenteils in einem recht guten Zustand.
Das Bewerben geht ganz einfach über ein Formular auf der Homepage, in dem man angeben kann, ob ein Einzel- oder ein Doppelzimmer gewünscht wird, wie viel Geld man für Miete aufbringen kann und welches Wohnheim man bevorzugt. Wenige Tage nach Abschicken des Anmeldeformulars bekommt man eine Email, dass das Housing Office mit der Zimmersuche beginnt sobald die Summe von 330 € (300 € Kaution + 30 € Vermittlungsgebühr) überwiesen wurde. Für mich war es sehr befremdlich eine Kaution zu überweisen, bevor ich überhaupt ein Zimmer in Aussicht hatte, aber so sind dort die Regeln. Sollte die Zimmersuche nicht erfolgreich sein, werden die 300 € zurückerstattet und ebenso natürlich auch am Ende des Mietverhältnisses.

Nach einigen Wochen bekam ich eine Email, in der mir ein Zimmer in dem Studentenwohnheim „Blekerslaan“ für den stattlichen Preis von 297 € angeboten wurde. Die Beschreibung des Wohnheimes klang ein wenig abenteuerlich, da es in ihr hieß, dass es nur eine einzige Küche für 50 Bewohner gibt und auch Duschen und Toiletten eher in geringer Anzahl vorhanden sind.
Davon ließ ich mich jedoch nicht entmutigen und nahm das Angebot an. So reiste ich Ende August mit Sack und Pack nach Groningen. Dort angekommen nahm ich als erstes mein neues Zuhause unter die Lupe.

Die Küche kam dem, was ich mir vorgestellt hatte, sehr nahe: groß, schmutzig und unpersönlich. Groß und schmutzig war die Küche nach ein paar Wochen immer noch, doch die anfängliche Unpersönlichkeit ist einer sehr schönen Atmosphäre gewichen, die sich dadurch auszeichnet, dass Menschen völlig unterschiedlicher Herkunft gemeinsam kochen, plaudern (meistens auf Englisch) und essen. Ungefähr einmal im Monat findet im Wohnheim ein International Dinner statt, welches jedes Mal von einer anderen Nationalität zubereitet wird. Dabei ist es zum einen spannend zu sehen, was in anderen Ländern gegessen wird und zum anderen ist es jedes Mal einfach ein Riesenspaß. Obwohl 297 € Miete im Monat nicht gerade wenig ist und die Zimmer mit 14-16 m² auch nicht gerade riesig sind, war die Entscheidung für das Wohnheim eine gute Wahl. Die privaten Wohnungen hier sind nahezu unbezahlbar und in vielen Fällen auch nicht wesentlich komfortabler. Ein großer Vorteil des Wohnens im Wohnheim ist auch, dass man schnell nette und offene Leute kennen lernt und zudem noch seine Englischkenntnisse ausbauen kann.
Die Uni

Gute Englischkenntnisse sind auch für die Uni wichtig, denn die Kurse werden entweder in niederländischer oder englischer Sprache angeboten und in fast allen Kursen ist die Literatur englischsprachig. In Groningen gibt es die Rijksuniversiteit und die Hanzehoogeschool, die mit einer Fachhochschule vergleichbar ist. Beide Hochschulen befinden sich im Norden der Stadt im so genannten Zernike-Komplex.
Das Studieren in den Niederlanden ist ein wenig anders als in Deutschland. Einerseits besteht ein Semester hier aus zwei etwa siebenwöchigen Abschnitten, nach denen Klausuren geschrieben werden. Dies bedeutet, dass zweimal pro Semester Klausuren geschrieben werden. Das ist zwar relativ lernaufwändig, doch der Vorteil ist, dass man mehr Scheine und damit mehr Kreditpunkte pro Semester schaffen kann.
Zudem sind die Kurse anders organisiert. Häufig wird ein Kurs in Kleingruppen von vier bis sechs Leuten geteilt, die einen Großteil des Unterrichtsstoffs in ihrer Gruppe vorbereiten. Lernstoff wird weniger durch das Vortragen in Vorlesungen, sondern vielmehr durch das eigenständige Lösen von Case-Studies vermittelt, so dass eine Menge der Arbeit zu Hause verrichtet werden muss. Daher bietet es sich wirklich an, nicht mehr als drei Kurse pro Semesterabschnitt zu belegen.
Fazit
Ich kann Groningen für einen Auslandsaufenthalt wirklich nur empfehlen. Diese Stadt hat viele interessante Aspekte und die Menschen sind aufgeschlossen, freundlich und sehr hilfsbereit. Die Erfahrungen, die ich in Groningen sammeln konnte, bereichern mich sehr. Und vor allem die Gewissheit, dass man es schafft, sich in einem fremden Land mit einer fremden Sprache zurechtzufinden und dass man überall Freundschaften knüpfen kann, gibt einem Sicherheit und Selbstbewusstsein.
Was das Wetter angeht, können die Niederlande mit Sicherheit nicht mit Spanien oder Italien konkurrieren, denn dafür regnet es im hohen Norden einfach zu viel. Doch was Menschen, Kultur und Lebensfreude betrifft, hat Holland eine Menge zu bieten.
Also, warum in die Ferne schweifen? Das Gute liegt so nah!
Von Imke Philipp


