Ein Semester in den Niederlanden: Groningen total
Ein Semester in Holland, das war mein Wunsch nachdem ich bereits in Paris und Montréal meine ersten und intensiven Auslandserfahrungen sammeln konnte. Diesmal sollte es nicht auf Abenteuer abzielen, sondern es ging darum, dass ich meine Masterarbeit im internationalen Studiengang "Euroculture" schreiben wollte.
Die Universitätsstadt ähnelt nicht nur dem Namen nach dem Sitz meiner deutschen Alma Mater, Göttingen. Groningen hat etwa 200 000 Einwohner und das ganze Leben dreht sich um die Wissenschaft. Aufgrund der Nähe zur Deutschen Grenze und der Bemühung der Uni um Internationalität gibt es ein breites Lehrangebot in Englisch. Dazu gehörte auch mein Master, der in einem internationalen Netzwerk eingebettet ist. Neben den niederländischen Studis findet man vor allem Deutsche und Britische Studierende, die sich für diese Universität entschieden haben.

Die Sprache ist auch wegen der gemischten Nationalitäten Nebensache. Niederländisch wird von Deutschen Studierenden meist schnell erlernt, aber nicht immer ist das Interesse so groß, vielmehr lockt der Ruf der Universität. Groningen bietet eine umsorgte Atmosphäre, die auch bei den Lehrenden zu finden ist.

Am Seltsamsten sind für ausländische Studierende die Essgewohnheiten der Niederländer. Es gibt keine Mensa für die etwa 30 000 Studierenden und zu Hause wird selten gekocht. Erstaunt stand ich mit meinen Baskischen Kommilitoninnen vor dem Kühlregal und bewunderte vorgekochte Nudeln, Steaks und Aufläufe. Unsere Konsequenz in der international bunten Studi-Gruppe war, dass wir ein wöchentliches gemeinsames Essen ritualisierten. Wir nennen das Semester deswegen auch unter uns das "Fress-Semester", da es nicht um Partymachen ging, sondern gemeinsames Schlemmen.
Die Kurse waren alle auf Englisch. Wir beschäftigten uns mit schon aus dem ersten Semester bekannten Themen wie "Europäische Identität" und Definitionen von Kultur. Spannend und zugleich kompliziert war von unserem Dozenten, den möglichen Beitritt der Türkei in die EU zu analysieren. Über Religion, Politik und die rechtliche Stellung von Minderheiten musste ein Essay, oder auf deutsch: eine Hasuarbeit geschrieben werden.

Damit wir zwischendrin auf andere Gedanken kommen, machten wir Ausflüge in die Umgebung von Groningen und besuchten wir zum Beispiel Deftziel, eine kleine Fischertstadt direkt am Meer. Als es warm wurde, kamen wir auf die Idee, zu einer der größten Seehundeauffangstation der Nordsee zu fahren und machten uns auf den Weg nach Pietersburen. Neidisch vom kühlen Nass waren anschließend mehrere Besuche der kleinen Insel Schiermonniekoog angesagt. Bei brenndener Sonne konnten wir mit dem Fahrrad eine Rundfahrt machen und schließlich erschöpft in unserer Strandmuschel verschnaufen.
An solchen Tagen vergießen wir, warum wir hier war: die Masterarbeit. JedeR von uns bekam eineN Supervisor, die sich mit unseren Wunschthemen am besten auskennen sollten. Natürlich war das nicht bei allen der Fall, den in neuen Forschungsgebieten kann es noch keine Experten geben. Für meine Arbeit, die sich mit weltföderalistischen Themen im Zuge der Europa-Einigung auseinandersetzen wollte, fuhr ich in ein Archiv in Amsterdam. Dort konnte ich in kühlen Räumen den Service des holländischen Forschungssystems genießen und abends mit meiner Mutter in einem Restaurant an einer Gracht relaxen und Energie auftanken.

Amsterdam nun war so schön und bunt, dass mir Groningen bei der Rückkehr doch sehr provenzialisch vorkam. Aber meine "heiße" Zeit für die Masterarbeit fing gerade erst an und von nun an wurden die Ausflüge kürzer und seltener. Am Ende kam mir der Abschied sehr abrupt vor, als es hieß: wir treffen uns noch einmal in unserer Lieblingspizzeria, gehen noch einmal in unsere Lieblingsbar und das wunderschöne Kino, welches zugleich Café ist. Traurig verliß ich mein kleines Atelier, ganz aus Holz an der Hauptgracht gelegen. Meine Mitbewohnerin zog nach Utrecht, um von dort jeden Tag zu ihrer neuen Arbeit bei der Regierung in Den Haag zu fahren und ich machte mich mit vollbepackten Auto und vielen Erinnerungen mit einem guten Euroculture-Freund auf in Richtung Heimatuni: Göttingen.
Von Julia Kleinschmidt


