Interview: Freiwilliges Soziales Jahr in Mexiko
Monika ging nach ihrem Abitur ins Ausland und absolvierte ein Freiwilliges Soziales Jahr in Mexiko.
Monika, du bist direkt nach deinem Abitur mit 19 ins Ausland gegangen, um dort ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu absolvieren. Was und wo genau warst du tätig?
Meine Stelle befand sich in Mexiko, im Bundesstaat Michoácan, der westlich von Mexiko Stadt liegt. Ich hab für die mexikanische Organisation Cecytem gearbeitet, die in den ländlichsten Bezirken Schulen baut. Meine Schüler waren im Durchschnitt 14 bis 18 Jahre alt und ich hab sie in Englisch auf die Äquivalente des deutschen Abiturs vorbereitet. Man muss sagen, dass diese Jugendlichen ohne den Abschluss nicht die Möglichkeit hätten, die Universität zu besuchen. Ich habe also mehrere Stunden die Woche Englisch in der Schule unterrichtet und hab noch Extraunterricht für Hausfrauen oder Grundschulkinder organisiert. Allerdings hab ich mich nach einiger Zeit nicht nur als Lehrerin verstanden, sondern auch als Kulturmittlerin; Ich habe viel von der deutschen Lebensweise erzählt, Traditionen dargestellt (z.B. hab ich Weihnachtskekse gebacken und verschenkt) und viel von der Mexikanischen gelernt, wie Tortillas backen, mit Hühnern aufstehen und mit Kindern spielen.
Wolltest du von Anfang an diese Arbeit machen und hast dich deshalb für ein FSJ beworben oder gab es eher generelle Gründe für ein FSJ?
Nein, die Arbeitsstelle hab ich erst kurz vor dem Abflug erfahren, daher war sie kein Grund für mich ein FSJ abzuleisten, obwohl ich meinen Job für sehr sinnvoll erachtet habe. Ich wollte aus Interesse zu fremden Kulturen und anderen Lebensweisen längere Zeit in einem anderen Land verbringen, Lateinamerika hat mich dabei gereizt, ganz besonders aber Mexiko. Ich hatte die Idee Spanisch zu lernen, an einem mir völlig fremden Leben teilzunehmen, Menschen zu helfen und viel von der Lebensweise der Mexikaner zu lernen. Das Projekt, in dem ich gearbeitet habe, war wichtig, stand aber eher an zweiter Stelle, die Menschen und die Andersartigkeit haben mich beflügelt, ein FSJ zu machen. Ich wollte was anderes lernen, als nur Schule und direkt danach Uni, dafür fühlte ich mich noch nicht bereit und bin froh, mir dieses Jahr ermöglicht haben zu können.
Wie bist du an dein Projekt gekommen? Wie hast du dich organisiert?
Zunächst einmal musste ich durch die Vielzahl der verschiedenen Organisationen, die ein FSJ anbieten, eine auswählen; Ich hab mich also bei mehreren beworben, an Auswahlseminaren teilgenommen und habe mich dann für die entschieden, die ich für mich am ansprechendsten fand; den Internationalen Bund(IB). Der IB hat ein Auswahlseminar und zwei Vorbereitungsseminare angeboten, an denen man teilnehmen musste, da man dort das nötige Wissen für das Jahr und die Vorbereitung erfahren hat. Dort wurde sich um Versicherungen, Projekt, möglicher Kulturschock gekümmert und Kontakte zwischen den Freiwilligen geknüpft. Die meisten Projekte waren nämlich nicht nur von einem Freiwilligen sondern von mehreren betreut, in meinem Projekt waren wir zu fünft. Durch die Seminare fühlte ich mich gut vorbereitet und wusste, worauf ich achten und was ich noch organisieren musste, z.B. Visum beantragen. Dadurch ist die Zeit nach dem Abitur schnell vergangen und einige Wochen später, Anfang September, saß ich im Flugzeug nach Mexiko.
Dann hat sich also dein Traum erfüllt und du bist endlich in Mexiko angekommen. Wie war die erste Zeit? Hattest du den oben erwähnten Kulturschock?
Die erste Zeit war unglaublich gemischt, ich hatte noch nie solche Höhenflüge und abgrundtiefe Stürze: Es war eine Mischung aus Freude und Glück und einem wundervollen Enthusiasmus in einem sonnigen Land mit freundlichen Leuten zu sein und einen ganz anderen Tagesrythmus zu erleben, andere Dinge zu essen, wie Mangos, Papayas, Tortillas. Und gleichzeitig war es schrecklich, allein zu sein und zu vermissen, die Sprache nicht sprechen zu können, als Hellhäutige immer aufzufallen und „I love you“ von wildfremden Latinos hinterhergerufen zu kriegen, wenn man eigentlich nur unauffällig sein und sich integrieren wollte. Es war ein Spagat zwischen zwei Welten: Nicht mehr in Deutschland, aber vom Kopf her auch noch nicht in Mexiko.
Das hört sich dramatisch an. Haben sich deine Gefühle noch verändert?
Ja natürlich. Die erste Zeit war hart, aber sobald ich etwas besseres Spanisch gelernt habe und langsam Freunde gefunden habe- sowohl zwischen Einheimischen als auch zwischen Freiwilligen- habe ich langsam gelernt, mich auf das hier und jetzt zu konzentrieren und nicht mehr pausenlos an Deutschland zu denken und meine Familie sowie Freunde zu vermissen. Danach konnte ich genießen und mein FSJ auch im Kopf beginnen. Außerdem haben mir die restlichen Freiwilligen Halt gegeben- teilweise sind wunderschöne Freundschaften und Beziehungen entstanden.
Wie war der Kontakt zwischen dir und den Mexikanern?
Gut, sehr gut sogar. Das Projekt sah vor, dass ich in einer Dorffamilie leben sollte, was ich auch getan habe. Ich hatte sehr viel Glück mit meinem Dorf („Ixtaro“) und meiner Gastfamilie. Mein Dorf war klein, vielleicht knappe tausend Einwohner, dafür war meine Familie riesig. Ich hatte allein 6 Brüder und Schwester, die teilweise in meinem Alter waren, teilweise aber auch älter, welche selbst schon Kinder hatten. Alle lebten in einem Haus oder nah beieinander und daher war immer viel los und es wurde viel gemeinsam gekocht oder geputzt- zwischen den Frauen versteht sich. Während der Arbeit hatte ich viel mit meinen Schülern sowie den Lehrern zu tun und muss sagen, dass ich mich durchweg gut mit ihnen verstanden habe.
Du hast „putzen zwischen Frauen“ erwähnt- ist das so, dass in Mexiko Frauen für Kochen und Putzen zuständig sind?
Ja, das ist so, wobei ich natürlich auch nur für das Dorfleben reden kann, wie die Situation in Mexiko Stadt aussieht, kann ich nicht aus meiner Erfahrung heraus sagen. Man sollte wissen, dass diese klare Rollenverteilung, also Frau im Haus, Mann auf dem Feld, aus einem in der Kultur verankerten Machismo entsteht. Der Mann ist stark, verantwortlich für das Einkommen und Versorgung etc., dafür wird er aber auch gepflegt und gehegt. Die feministische Welle ist noch nicht bis nach Mexiko übergeschwappt.
Würdest du das als negativ bewerten?
Nein, das steht mir nicht zu, schließlich bin ich nicht in dieser Kultur aufgewachsen und gucke nur von außen auf sie. Dennoch ist der Machismo bestimmt nichts, was positive Veränderungen in das Land bringt, durch ihn kommt es oft zu Gewalttaten.
Was ist für dich typisch mexikanisch?
Sonne, Tequila am Mittag, Bohnen und Tortillas, Machismo, Babies und Kleinkinder, offene Menschen, unpassende Kleidung, die meist zu eng war, VW-Busse und Käfer, Kakerlaken, leckeres Obst, rasante Autofahrten ohne die Beachtung von Verkehrsregeln.
Mexiko gilt als gefährliches Land: Bist du auch mal in brenzlige Situationen geraten?
Sagen wir das einmal so: Die Gerüchte, die über Mexiko kursieren, wie Drogengeschäfte und damit verbundener Mord und Totschlag sind wahr. Ich habe sehr oft Drogen gesehen während meines Aufenthaltes, ich weiß, dass mein Dorf mitten im Mariuahana-Anbaugebiet lag und man hat ebenfalls hin und wieder was über Menschen gehört, die verschwunden sind und nie wieder aufgetaucht sind. Mir ist aber nie etwas passiert außer vielleicht halsbrecherischen Autofahrten mit betrunkenen Mexikanern. Ich denke, dass die Situation während meines FSJs so stabil war, dass einem nichts passiert ist, wenn man nicht in schmutzige Geschäfte involviert war.
Was hat dich geprägt?
Viel zu viel als dass ich es jetzt in einem Satz sagen könnte. Das ganze Jahr hat mich durchweg geprägt und mich stark verändert. Die Trennung von Deutschland, ein neuer Anfang, das zu akzeptieren und zu überwinden hat mich stark gemacht. Neue Menschen kennen zu lernen und zu vertrauen. Ich wurde oft mit tragischen Schicksalen konfrontiert, von guten mexikanischen Freunden, die meist häusliche Gewalt erfahren haben und sich trotzdem zu starken, wertvollen Menschen entwickelt haben. Das hat mir gezeigt, wie wohlbehütet mein Leben war und wie sehr ich das schätzen muss. Meine Arbeit hat mich geprägt, weil ich erkannt habe, dass Bildung der Grundstein für Freiheit ist. Ohne Bildung kann man nicht den Beruf oder die Laufbahn wählen, die man möchte. Dabei geht es mir um die Wahl, jeder Mensch muss die Wahl haben können, studieren oder auf dem Land arbeiten zu wollen. Mir wurde mit soviel Offenheit begegnet, so viel Herzlichkeit, dass ich mich aufgehoben gefühlt habe. Ansonsten haben mich Menschen geprägt, Mexikanische und Deutsche.
Wenn du jetzt noch einmal zurückschaust, würdest du etwas anders machen? Könntest du deinen Nachfolgern etwas raten?
Vielleicht würde ich mehr Spanisch lernen, bevor ich hinfliege, allerdings ist es auch nicht nötig mit perfekten Sprachkenntnissen anzukommen, da man die Sprache im aktiven Leben relativ schnell lernt. Ansonsten kann ich jedem nur raten, mit seinem Projekt zufrieden zu sein und sich dem Leben dort anzupassen. Versuchen, dort zu sein, körperlich und geistlich, das ist das Wichtigste und dann wird jedes FSJ zum Erfolg.
Die letzte Frage: Würdest du nochmal ein FSJ machen?
Ja! Gerne, denn mein FSJ hat mich sehr geprägt und ich bin dankbar für jeden Tag, denn ich dort erleben durfte!


