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Freiwilliges Soziales Jahr mit Migranten in Mexiko

„Migranten aus Honduras, die auf fahrende Güterzüge aufspringen und so auf halsbrecherische Weise ganz Mexiko durchqueren, wobei sie der Verfolgung (denn sie befinden sich illegal in diesem Land), Überfällen bis hin der Körperverletzung ausgesetzt sind und das alles nur, um in das „Gelobte Land“, die USA, zu gelangen, dort zu arbeiten und somit ihre bettelarmen Familien zu unterstützen.“ Diese brisante Beschreibung des Themas, mit dem mein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Flüchtlingsherberge für Migranten zu tun haben würde, ließ auch mich erst einmal stocken.

Migranten gedenken ihrer verstorbenen Weggefährten am Día de los Muertos
Migranten gedenken ihrer verstorbenen Weggefährten am Día de los Muertos

Doch mein Wunsch war es schon lange gewesen, während meines Freiwilligendienstes unter einfachen Bedingungen zu leben und benachteiligten Menschen zu helfen. Und in meinem (naiven) Idealismus als frischer Abiturient sollte es dann etwas möglichst „Krasses“ sein. Was dies vor Ort in Mexiko bedeutete, stellte sich schnell heraus.

Kurz zur Thematik: Millionen Menschen aus Zentralamerika – in erster Linie Honduras, El Salvador, Nicaragua und Guatemala – machen sich seit den letzten Jahren auf den beschwerlichen Weg in die Vereinigten Staaten, wo sie sich die Erfüllung ihres American Dream versprechen. Dies tun sie nicht wegen irgend eines Abenteuers, sondern weil die meist jungen Männer ihre Familien durch Geldsendungen aus dem fernen Land unterstützen wollen, denn in El Salvador verdient ein Bauarbeiter nur etwa sechs Euro am Tag. Genau diese „Wirtschaftsflüchtlinge“, wie es wohl fachlich richtig heißt, kamen dann bei mir und meinen Kollegen in Saltillo erschöpft und hungrig an.

Reis, Bohnen, Tortillas - Standardessen im Projekt

Denn Saltillo liegt im Nordosten Mexikos, nur 300 Km von der US-Grenze entfernt, sodass sie bis dahin bereits 3000 Kilometer zurückgelegt hatten, und zwar auf einem Güterzug,den sie während der Fahrt erklimmen, auf dem sie bis zu 20 Stunden ohne Essen und Trinken bis zur nächsten Stadt ausharren und von dem sie dann auch wieder absteigen müssen, was sehr gefährlich ist. Während dieser Reise auf „La Bestia“, wie die Migranten den Zug bezeichnenderweise nennen, laufen sie immer Gefahr, von der Migrationspolizei erwischt, von Dieben überfallen oder privaten Sicherheitsleuten herunter gestoßen zu werden.

In unserer Einrichtung, die zutreffend auch „Fontera con Justicia“ (Grenze mit Gerechtigkeit) heißt, versorgten wir die „Locos“, denn sie selbst reden sich untereinander gerne mit „Verrückter“ an, mit dem Nötigsten: Essen, Kleidung, Medizin, Zahnbürsten, Seife etc. Darüber hinaus gaben wir auch einen Englisch-Kurs, organisierten Spiele und beachteten, dass es auch immer Gebete gab, denn für die Migranten ist der Glaube sehr wichtig – ist er doch das Einzige, was ihnen oft bleibt. Mit meinem deutschen Kollegen, der das Jahr zusammen mit mir verbrachte, und weiteren zwei mexikanischen Mitfreiwilligen wohnten wir auf dem Gelände des Projekts, in der so genannten „Casa Blanca“, dem „weißen Haus“, wo sich auch die kleine Apotheke und das Kleiderlager befanden.

Ist es nicht problematisch, Illegale auf ihrem Weg in die USA zu unterstützen?, mag jetzt sicherlich der ein oder andere einwenden. Nun, vor allen Dingen leisteten wir humanitäre Hilfe, ohne die die Situation viel schlimmer aussehen würde. Denn ob es unsere Casa del Migrante gibt oder nicht – die Menschen machen sich auf den Weg, ganz einfach wegen der wirtschaftlichen Misere in ihren Ländern. Besser ihnen einen gesicherten Zufluchtsort geben, als dass sie sich ihr Essen oder ihre Kleidung woanders gewalttätig holen. Außerdem war das Projekt Teil der Diözese von Saltillo, was dazu führte, dass uns viele Anwohner oder Gemeindemitglieder aus der nahe gelegenen katholischen Kirche Spenden zukommen ließen – und somit vor allem eine gesellschaftliche Anerkennung bestand. Die Bedeutung der katholischen Kirche kann nämlich in Mexiko nicht unterschätzt werden.

Die Jungs bei Bauarbeiten in der Casa del Migrante

Unsere Aufgaben waren vielfältig. Vom Aufwecken bis zum Zu-Bett-Bringen, organisierten wir während des ganzen Tages sämtliche Arbeiten im Haus. So teilten wir denjenigen, die schon ein paar Tage bei uns verweilt hatten, Aufgaben zu, welche die Organisation der Herberge betrafen – wir suchten Köche, Pförtner, Verantwortliche für das Spülen, Saubermachen, die Lagerung der Lebensmittel und Kleiderspenden usw. Normalerweise hatten zwar die Migranten nur das Recht, drei Tage bei uns zu bleiben, weil wir ja eine Durchgangsstation waren, doch oft genug waren einige krank oder hatten kein Geld, um ihre Reise fortzusetzen. Leider kam es auch häufig vor, dass wir so genannte „Coyotes“, also Grenzschieber, herauswerfen mussten, die anderen gegen Bezahlung anboten, sie mit über die Grenze zu schmuggeln, was natürlich illegaler Menschenhandel ist. Die Schwierigkeit bestand darin, zu unterscheiden, wer „Freund“ und wer „Feind“ war, da die meisten sich sehr freundlich oder zumindest unauffällig verhielten, wir sie wegen unseres anfangs noch recht brüchigen Spanisch zunächst nicht identifizieren konnten. Doch mit der Zeit klappte auch das.

Im Allgemeinen war, anders als das wegen der abschreckenden Beschreibung des Themas zu vermuten wäre, unsere Arbeit sehr erfüllend und machte mir großen Spaß. Auch wenn man dutzende Male am Tag wegen einer Telefonkarte angesprochen wurde, die ich doch als „Reicher“ aus der Ersten Welt spenden könnte, vertrieb ich mir viel Zeit mit den Jungs beim Fußball oder Dame Spielen – in beidem sind die Migranten extrem gut. Oder ich unterhielt mich mit ihnen über ihre Lebensgeschichten, sie erzählten von ihrer Familie, Arbeit oder davon, wie schön doch Honduras und besonders die Frauen dort seien.

Der Vocho - ein Auto, das nicht kaputt zu kriegen ist

Oft wollten sie auch von mir wissen, wie Deutschland denn so sei, ob es wirklich (nach ihren Vorstellungen) so kalt, das Bier so gut und der Fußball so beliebt sei. Beim Erzählen erfuhr ich auf einmal ganz viel über meine eigene Identität, darüber, was Deutschland zu Deutschland macht und was ich davon auch als Repräsentant im Ausland vertrete.

Man kann sich denken, dass man bei einem so vereinnahmenden und oft stressigen Alltag auch mal das Bedürfnis verspürt, „raus“ zu kommen und etwas zu machen, was gar nichts mit den Migranten zu tun hat. So reifte der Entschluss, uns einen alten VW Käfer, in Mexiko „Vocho“ genannt, zu kaufen und damit das Land zu bereisen. Und das taten wir. Bis Guatemala führte uns eine Reise in unserem 27 Jahre alten Gefährt, an dem wir natürlich häufig herum schrauben mussten.

Die beeindruckende Pyramide von Chichén Itzá auf Yucatán

Die wunderbare kulturelle und landschaftliche Vielfalt Mexikos erschloss sich uns auf diesem Abenteuer – Tequila-Felder in Jalisco, Azteken Tempel in Mexiko-Stadt, Traumstrände auf Yucatán, Indígenas in Chiapas.

Kurz, das Jahr mit dem Migranten in Mexiko war eine unvergessliche und mein Leben nachhaltig prägende Erfahrung.

Von Franz Viohl

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