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Oh, wie schön ist Kanada

Letztes Jahr verbrachte ich im Rahmen eines Austauschprogramms ein Trimester in Kingston. Nein, nicht in Jamaika. Aber beinahe noch besser: In Kanada.

Oh, wie schön ist Kanada

Es gibt sicherlich viele Gründe, weshalb man Kanada als das „Land der Träume“ bezeichnen könnte: die unendliche Weite, die aufgeschlossenen Menschen, die tollen Städte, die grandiose Natur… Und es gibt natürlich auch einen Grund, weshalb für mich Kanada immer das Land der Träume und der Sehnsucht war (obwohl es dort nicht nach Bananen riecht…). Einen Grund, den ich allerdings nur sehr ungern verrate (also bitte nicht lachen!): Anne of Green Gables. Ich weiß nicht, ob diese Bücher von Lucy M. Montgomery – die im Grunde ihres Herzens doch recht altmodisch sind – überhaupt noch irgendjemand gelesen hat – außer meiner Freundin Isi und mir. Für mich waren sie ausschlaggebend für eine Sehnsucht nach Kanada im Allgemeinen und nach der Prince-Edward-Island im Besonderen. Wobei ich dort dann doch nicht gelandet bin. Die Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Karlsruhe bietet ein Austauschprogramm mit der Queen’s University in Kingston/ Ontario an. Hierfür bewarb ich mich gemeinsam mit einer Freundin, beide wurden wir akzeptiert und damit begann eine äußerst ereignisreiche – und im Großen und Ganzen tatsächlich traumhafte – Zeit für uns.

Kanada besitzt einen großen Vorteil gegenüber den USA: Das Visum ist ungleich einfacher zu erlangen. Allzu einfach ist es natürlich trotzdem nicht. Doch hast du wenigstens nicht gleich persönlich bei der Botschaft aufzukreuzen. Alles, was du tun musst, ist, eine Menge Papierkram zu besorgen, auszufüllen und abzuschicken. Die relevanten Informationen dazu findest du hier: http://www.dfait-maeci.gc.ca/canada-europa/germany/visa-study-de.asp. Sollte dir von deiner Austausch-Uni kein Wohnheimplatz angeboten werden, ist es übrigens auch ratsam, sich noch von zu Hause aus auf die Suche nach einem Zimmer zu begeben. Queen’s hat ein überaus wunderbares International Centre – unser Anker und Fels in den Monaten dort – auf deren hilfreicher Homepage (http://www.queensu.ca/quic/home.htm) insbesondere für hilflose Austauschstudenten Zimmer ausgeschrieben werden. Ähnliches findest du sicherlich auch bei anderen kanadischen Unis.

Irgendwann hatten wir den ganzen Kram endlich hinter uns und haben einige Nerven dabei auf der Strecke gelassen – doch die Belohnung war groß, denn wir befanden uns tatsächlich auf dem Weg nach Kanada! Kingston selbst ist zwar alles andere als eine Weltstadt, liegt jedoch strategisch außerordentlich günstig relativ genau in der Mitte zwischen Montreal und Toronto. Zudem handelt es sich um eine echte Studentenstadt, was will man mehr? Denn das macht einiges wett, woran es ansonsten vielleicht mangeln könnte. Verschlägt es dich also in eine eher kleine, kulturell, international und sowieso und überhaupt ziemlich uninteressant erscheinende Stadt, verzweifle nicht. Denn erstens spielt sich das Leben in einer Studentenstadt ohnedies fast ausschließlich auf dem Campus ab (eine Studentenstadt erkennst du daran, dass jeder, der keinen Pulli/ Rucksack/ Kuli/ Schlüsselanhänger/ Hut/ Thermosbecher/ Golfball/ Regenschirm oder ähnlich Lebensnotwendiges mit Logo der Uni besitzt, angesehen wird wie ein Außerirdischer). Und zweitens dreht sich das Leben eines Austauschstudenten jede Woche wieder neu nur um die allerwichtigste Frage: Wohin fahren wir am Wochenende?

Dauert dein Aufenthalt nicht allzu lange, solltest du auch deinen Stundenplan möglichst gar nicht erst überladen. Denn die mehr oder weniger großzügig bemessenen Wochenendausflüge sind das absolute Nonplusultra eines Auslandssemesters. Wir hatten das Glück, zum einen über einen seminarfreien Freitag zu verfügen und zum anderen mit Kingston in einer Stadt gelandet zu sein, die als Ausgangspunkt für tolle Wochenendziele kaum günstiger gelegen sein könnte. Zu den Niagarafällen kamen wir äußerst billig aufgrund einer vom – immer wieder und in jeder Hinsicht zu lobenden – International Centre organisierten Busfahrt (atemberaubend die Wasserfälle, atemberaubend allerdings auch die schier unglaubliche Masse an Menschen…). Quebec City konnten wir an einem verlängerten Wochenende besuchen (wirkt wie eine seltsame Mischung aus Frankreich und Großbritannien, sehr europäisch und wir fühlten uns schnell „fast wie zuhause“). In Toronto fand ein Lehrgang statt, so dass wir die Fahrt sowie eine Übernachtung bezahlt bekamen. Eine zweite Übernachtung hängten wir auf eigene Faust dran, damit wir auch noch ein wenig von der Stadt besichtigen konnten (und das lohnt sich bei Toronto auf jeden Fall: eine wunderschöne und unglaublich vielseitige Metropole!). Auch Ottawa, als Hauptstadt, durfte natürlich nicht vergessen werden.

Der BaumIn den Weihnachtsferien verbanden wir schließlich noch eine Reise nach Montreal mit einer Zugfahrt nach New York. Und es lohnte sich. Nicht nur die – viel zu kurze – Zeit in New York, sondern auch die Fahrt dorthin selbst. Beinahe alle unsere Reisen unternahmen wir entweder mit dem Bus oder mit dem Zug. Die in Amerika sehr beliebten Überlandbusse (zum Beispiel http://www.greyhound.ca oder http://www.coachcanada.com) sind durchaus zweckmäßig. Empfehlenswert, da schnell und günstig, ist jedoch auch der Zug als eher ungewöhnliches Transportmittel für Kanada (http://www.amtrak.com). Die ohnehin schon zehnstündige Fahrt nach New York wurde zwar durch starken Schneefall (also, damit kann man in Kanada ja auch wirklich nicht rechnen!) um mehrere Stunden verlängert. Aber wer einmal in Amerika versucht hat, irgendeine Art von öffentlichen Verkehrsmitteln zu benutzen, wird sowieso nie wieder über Bus und Bahn in Deutschland schimpfen. Hast du genug Proviant dabei, außerdem warme Pullis und spannende Bücher, lohnt es sich trotzdem auf jeden Fall auch für längere Strecken den Zug zu nehmen. Denn nicht zuletzt ist Kanada doch für seine wundervolle Natur bekannt (vollkommen zu Recht; wobei es schwer fällt, zu entscheiden, was schöner ist: der berühmte „Indian summer“ oder die tiefverschneite Landschaft). Und diese kannst du auf einer Zugfahrt definitiv am intensivsten genießen!

Oder gehörst du – wie ich – zu der Sorte Mensch, die niemals und schon gar nicht für mehrere Monate ohne größeres (und damit meine ich wirklich größeres) Gepäck verreist? Dann solltest du, zumindest bei Hin- und Rückfahrt zum Flughafen, lieber davon absehen, den Zug zu benutzen. Denn die Kanadier haben sehr strenge Bestimmungen, welches Ausmaß das Gepäck der Reisenden annehmen darf. Und wenn etwas wirklich nicht besonders lustig und ganz bestimmt nicht nachahmenswert ist, dann das eine: am Tag der Heimreise am Bahnsteig zu stehen und mit kanadischen Bahnbeamten zu diskutieren, ob du in diesen Zug, der dich zum Flughafen bringen soll, an welchem wiederum sehr sehr bald dein Flugzeug Richtung Heimat abzischen wird, einsteigen darfst oder nicht. Ansonsten sind die kanadischen Züge aber wundervoll, ehrlich!

Natürlich muss dieses Herumreisen auch finanziert werden. Die kanadischen Unis bieten vielerlei Möglichkeiten auf dem Campus zu arbeiten (was, auch bezüglich des Visums, meist die einfachste Art ist, an einen Nebenjob zu kommen). Da meine Freundin und ich Germanistik studieren, wurde uns vom German Department ein „Teaching Assistantship“ für „Deutsch als Fremdsprache“ angeboten. Wie die Vergabe dieser Tutorien speziell in Kanada gehandhabt wird, weiß ich leider nicht. Im Rahmen von Erasmusprogrammen wird oft jedoch auch deutschen Muttersprachlern, die nicht Germanistik studieren, angeboten, andere Studenten in „Deutsch als Fremdsprache“ zu unterrichten. Alles in allem war dies sehr nett und lustig, zudem auch für uns wirklich nützlich (man lernt dabei selbst noch eine ganze Menge über die deutsche Sprache!). Und wir durften an mehreren Lehrgängen und Fortbildungskursen teilnehmen (beispielsweise in Toronto, siehe oben), wo es stets außerordentlich leckereres Essen gab (da unsere Küche von weißen Mäusen, Ratten und dauerbekifften Mitbewohnern okkupiert war, herrschte bei uns permanenter Notstand bezüglich der Nahrungsversorgung).

Übrigens lernst du auf deinen Reisen natürlich nicht nur Land, sondern auch Leute kennen. Und diese sind in Kanada tatsächlich ganz besonders freundlich und hilfsbereit (vor allem zu chaotischen Austauschstudenten – das muss irgendetwas damit zu tun haben, dass diesem Einwanderungsland ein ausgeprägter Ur-Schutzinstinkt für hilfebedürftige Fremdlinge gegeben ist). Manchmal sind sie beinahe zu freundlich. Das kann dann auf verschlossene, muffelige Deutsche wie uns schon beinahe irritierend wirken. Daran, dass dich ständig irgendjemand fragt, wie es dir geht (ohne an der Antwort irgendein Interesse zu haben), gewöhnst du dich einigermaßen rasch. Auch die frosh week überstanden wir noch halbwegs unbeschadet (das ist die Woche, in der überall verrückte Gestalten in Schottenröcken herumlaufen, sowie rot angemalte Ingenieure und einbetonierte Cheerleaders. Das heißt, letztere laufen natürlich nicht herum. Außerdem stehen überall Gruppen auf dem Campus und schreien im Chor: „I feel so good, I feel so good“. Das machen sie tatsächlich – auch wenn wir bis zuletzt nicht den tieferen Sinn dahinter erkennen konnten). Außerdem gab es da noch den Kellner, der mir nicht glauben wollte, dass man Pommes auch mit Mayonnaise essen kann. Und der sich dann ohne größere Umstände direkt von meinem Teller bediente. Die süße kleine Chinesin, bei der wir unsere Versicherung abzuschließen hatten (ja, auch glücklich in Kanada angekommen, musst du dich weiterhin mit jeder Menge Papierkram herumschlagen) verabschiedete uns mit einem freundlichen Lächeln und den Worten „Have a great time in China!“. Die Frau, bei der wir unser Konto eröffneten – eine äußerst komplizierte Angelegenheit – war von jedem Wort aus unserem Munde dermaßen begeistert, dass sie uns am laufenden Bande als „honey“ und „dear“ titulierte. (Wenn du arbeiten möchtest, ist es übrigens sehr zu empfehlen, ein Konto in Kanada zu eröffnen. Denn das ist nun einmal die einfachste Lösung, an dein Geld zu kommen. Wir waren bei der TD Canada Trust (http://www.tdcanadatrust.com/) und eigentlich auch sehr zufrieden. Vor allem, weil kurz vor Weihnachten ein Weihnachtsmann vor der Bank stand und Süßigkeiten verteilte.)

Der SchneeIn einer Hinsicht jedoch reagieren die begeisterungsfähigen, furchtbar netten Kanadier, die alles so überaus „lovely“ finden, vollkommen gelangweilt und cool: Wenn es schneit. Wir waren natürlich sofort hingerissen; wir sangen Schneelieder, bauten Schneemänner, machten Nachtspaziergänge, Schneeballschlachten, alles, was man eben so tun kann, wenn es schneit (und dann auch noch in solch verschwenderischen Mengen!). Wir saßen klaglos und vollkommen durchnässt in den Vorlesungen (bevor ich das nächste Mal nach Kanada fahre, lege ich mir ein paar Eisbärenfelle oder sonstige wintertaugliche Klamotten zu). Wir stolperten freudig durch meterhohe Schneeberge und schlitterten die eisglatten Straßen entlang (geräumt oder gestreut wird in Kanada höchst selten – das ist wahrscheinlich auch zu viel Arbeit…). Und wir – das heißt, alle noch nicht seit Jahren in Kanada wohnhaften Ausländer – waren die absolut einzigen, die überall das wundervolle Weiß völlig außer sich gerieten. Denn die Kanadier sind da natürlich ganz anderes gewohnt. Eine Kommilitonin erzählte uns, dass sie als Kind nicht vor die Tür gehen durfte, wenn es geschneit hatte. Die Eltern befürchteten, dass sie im Schnee einsacken und verloren gehen könnte.

Das PlakatÜbrigens riecht es in Kanada zwar wie erwähnt nicht nach Bananen, doch essen kann man dort trotzdem gar nicht einmal so schlecht. (Obwohl das der einzige Punkt war, in dem wir bedauerten, nicht lieber – unsere Alternative – das Erasmusprogramm in Italien mitgemacht zu haben.) In den Supermärkten gibt es nicht nur eine erstaunliche Auswahl an Tiefkühlgerichten, sondern auch an Milch, Butter, Nudeln, Gemüse etc. – alles, was man so brauchen könnte. Allerdings nur in Familienpackungen. Denn die Amerikaner sind schließlich nicht ohne Grund als ungemein praktisches Volk bekannt – für ein oder zwei Personen kochen, das lohnt sich doch nicht. Deshalb und wegen besagter haschischokkupierter Küche kochten wir recht selten. Glücklicherweise gibt es in Kingston einige gute und auch billige Nahrungsstätten: französisch, indisch, griechisch, thailändisch… Ja, Kanada ist international, in jeder Hinsicht. Unser absoluter Favorit wurde jedoch „The Sleepless Goat“ (http://www.thesleeplessgoat.ca/). Die schlaflose Ziege ist ein Café, und zwar ein ausnehmend gemütliches. Übrigens: Egal wie alt du bist, solltest du abends nicht auf Kneipentour gehen, ohne einen Ausweis mit dir zu führen. Oder besser gleich mehrere; Personalausweis und Führerschein werden höchst misstrauisch beäugt. Auch wenn du keinen Alkohol trinken möchtest, wirst du ohne Ausweis in viele Lokalitäten gar nicht erst hineingelassen. Wir haben sehr frustrierende Erfahrungen gemacht. In diesem Falle ist mit den netten Kanadiern nämlich absolut nicht zu spaßen!

Ansonsten jedoch ist der Begriff „Spaß“ ein durchaus geeignetes Stichwort, um unsere Zeit in Kanada zusammenzufassen. Ein wunderschönes Land, ein aufregendes Land, ein abwechslungsreiches und sehr faszinierendes Land.

Folge deinem Wegweiser und du findest „wirklich alles, was das Herz begehrt“.

Von Ines Schipperges

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