"Praktisches Jahr" in Kanada
Alexa Bürgermeister studiert Medizin und war für einen Teil ihres "Praktischen Jahres" in Kanada. In Toronto absolvierte sie von Juni bis Juli 2004 ein PJ-Tertial. Hier beschreibt sie ihre Eindrücke und Erlebnisse und gibt Informationen über Toronto und Kanada allgemein sowie über das Krankenhaus und ihre Tätigkeiten.
- Motivation
- Bewerbung und Vorbereitung
- Das Krankenhaus und meine Tätigkeiten
- Die Unterkunft
- Land und Leute
- Fazit
Mit dem Gedanken spielend, Pädiatrie als meine zukünftige Fachrichtung einzuschlagen, wollte ich gerne in einem etwas größeres Haus mein PJ Tertial verbringen, mit der Möglichkeit, dort vielfältige und vielleicht auch nicht unbedingt allzu häufige Krankheitsbilder zu sehen zu bekommen. Über einen Freund, der am Sick Kids (wie das Hospital for Sick Children in Toronto bei der Bevölkerung genannt wird) eine 6wöchige Famulatur absolviert hatte, wußte ich, dass dieser Anspruch hier erfüllt würde. Es ging mir also primär um das Krankenhaus, obwohl auch Kanada mich seit jeher als Land interessiert hat.
Da die University of Toronto, über welche die Bewerbung und Zulassung erfolgt, ausländische Studenten nur für maximal zwei Monate akzeptiert, entschied ich mich dazu mein Tertial zu splitten. Der Gedanke, das PJ zumindest teilweise im Ausland zu verbringen bestand schon lange im Vorfeld, da ich denke, man sollte seine Möglichkeiten während des Studiums auf jeden Fall nutzen. So einfach wie jetzt wird man es wohl nie wieder haben, in einem ausländischen Krankenhaus mitzuarbeiten und das fremde System mit seinen Vor- und Nachteilen kennenzulernen.
Ich bewarb mich 9 Monate vor Antritt des gewünschten PJ-Tertials (frühere Bewerbung ist nicht möglich) bei der University of Toronto bei der Koordinatorin für ausländische Studenten in Toronto, Sheila Binns, um einen Platz als medical elective student am Hospital for Sick Children. Zunächst hatte ich über Email mit Sheila Binns Kontakt aufgenommen und mich informiert, ob es überhaupt in dem von mir gewünschten Zeitraum Plätze für ausländische Studenten gäbe, da das Programm aufgrund SARS letztes Jahr zwischenzeitig gestrichen worden war.
Die Bewerbungsunterlagen erhielt ich aus dem Internet. Es sind verschiedene Formulare auszufüllen, u.a. ein ausführlicher Bericht eines Arztes aus Deutschland über den Impfstatus etc. Bei positivem Tine-Test wird ein aktuelles Röntgenbild mit Befund, das nicht älter als zwei Monate sein darf, gefordert. Es fällt für 8Wochen eine Studiengebühr von 450,-CAD an, welche die Bewerbungsgebühr von ca 50,-CAD enthält. Diese Summe ist bereits mit der Bewerbung zusammen zu überweisen, was etwas umständlich und nicht ganz billig ist. Sofern man der Post vertraut, kann man der eigentlichen Bewerbung wohl auch fertig unterschriebene TravellerCheques in CAD beilegen. Die Krankenversicherung in Kanada kann direkt vor Ort abgeschlossen werden und muß, aufgrund des university health insurance plan, über die University of Toronto und eine spezielle Versicherung laufen.
Des Weiteren ist für die Einreise und Arbeitsgenehmigung in einem Krankenhaus eine körperliche Untersuchung von Nöten (auch für Famulanten und Pjler Plicht!), durchgeführt von einem speziell durch die kanadische Botschaft autorisierten Arzt (Adressen im Internet, meist in größeren Städten wie Frankfurt, Stuttgart, München usw.), was einige Zeit in Anspruch nimmt. Das entsprechende Formular muss man, sobald man die Zusage durch das Sick Kids in den Händen hat, bei der Kanadischen Botschaft in Berlin beantragen. Mit dem Schrieb der Botschaft geht es dann zu dem Spezialarzt, bei dem man im wahrsten Sinne des Wortes auf Herz und Nieren untersucht wird. Dieser muss seine erhobenen Befunde nach Wien schicken, von dort aus geht ein Bescheid nach Berlin, wo letztlich die Einreiseerlaubnis bestätigt und einem nach ca 6 Wochen zugesandt wird. Welch ein Umstand . Noch dazu ist das Ganze nicht ganz billig, ca 180 wenn keine Zusatzuntersuchungen erforderlich sind. Ich mußte den Schrieb der Botschaft tatsächlich in Kanada bei der Einreisebehörde vorlegen.
Auf die endgültige Zusage meines PJ Platzes von Seiten der Uni, wartete ich über drei Monate! Darauf sollt man unbedingt gefaßt sein. Hat man erst einmal eine Zusage in den Händen, so ist alles organisiert und die Leute des Krankenhauses wissen, dass man kommen wird. In den jeweiligen Sekretariaten der Abteilung erhielt ich bei Vorstellung sofort eine vorbereitete Mappe mit wichtigen Artikeln, einem Wochenplan usw., worüber ich sehr erstaunt war.
Das Krankenhaus (www.sickkids.ca) und meine Tätigkeiten:
Der erste Eindruck des Hospital for Sick Children spricht für sich. Das Krankenhaus nimmt einen ganzen Straßenblock ein, ist mehr oder weniger direkt in der Innenstadt, in der Nachbarschaft von drei weiteren großen Krankenhäusern gelegen. Es besteht aus einem Neuen und einem alten Teil. Der Neue Teil, in dem sich auch die Stationen befinden, wird dominiert durch ein riesiges Foyer mit Palmen und Springbrunnen und ist mit viel Glas, ganz hell und freundlich gestaltet. Im Erdgeschoß gibt es die sogenannte Mainstreet, die von einigen Geschäften, Cafés und Fastfoodrestaurants gesäumt wird.
Es war immer wieder lustig, den Eltern den Weg zu einzelnen Untersuchungen zu erklären zur Blutabnahme gehen sie vor McDonalds links, das Röntgen finden Sie auf der Seite von Starbucks den Gang hinein . Die Stationen werden im Wesentlichen von den Allgemeinpädiatern geführt, welche allerdings die verschiedenen Abteilungen konsiliarisch einbeziehen und insofern hauptsächlich koordinatorisch tätig sind. Ich verbrachte einen Monat in der Infektiologie, sowie weitere vier Wochen in der Endokrinologie, beides Abteilungen ohne richtige eigene Stationen.
Der Alltag in der Infektiologie lief folgendermaßen ab: man traf sich morgens im Team traf, besprach kurz die für den Tag anliegenden Dinge und dann ging man selbstständig seine Patienten ansehen, bei denen man idealerweise auch das Konsil gemacht hatte. Täglich wurde eine ProgressNote in die Akte auf Station geschrieben, falls erforderlich die Laborwerte kontrolliert und die Therapie überdacht. Laborwerte, Röntgen-/MRT/CT-Bilder und Befunde sind alle über PC und entsprechende Passwörter abrufbar, was sehr angenehm ist. Die während des Tages eingehenden Anforderungen für neue Konsile wurden untereinander aufgeteilt. Beratende Gespräche an Krankenhäuser und Pädiater von Außerhalb wurden immer durch den Fellow on outside call beantwortet, aber nachmittags in die gemeinschaftliche Besprechung eingebracht.
Ständig hatten wir zwischen 30 und 40 Kinder auf unserer Liste, die mehr oder weniger täglich nachmittags mit dem Staff diskutiert wurden. Im Anschluß an die Vorstellung der neu durchgeführten Consults ging man dann in der Gruppe nochmals zu dem jeweiligen Patienten. Nebenher liefen tagsüber immer wieder verschiedene Fortbildungen und Besprechungen, teils auch in Kooperation mit der Inneren- oder Tropenmedizin der umliegenden Häuser. Einmal die Woche, dienstags, gab es die sogenannte grand round, in der es einen fundierten Vortrag aus einer bestimmten Fachabteilung zu einem Thema von allgemeinem Interesse für das gesamte Sick Kids gab. Auf Station in der eigenen Abteilung wurden ebenfalls durch die Residents und Fellows PowerPoint Vorträge gehalten. Auch als Pjler wurde man gerne zu derartigen Dingen herangezogen. Fragen wurden mir immer gerne beantwortet und auch nebenher fand einiges an Bedsideteaching statt, dies trotz vieler Arbeit! Die offiziellen Arbeitszeiten gingen von 8-16:30, faktisch war ich insbesondere während des ersten Monats in der Infektiologie jedoch nie vor 18:30h fertig, eher später.


