Kanada auf französisch
In Kanada eine längere Zeit zu verbringen ist für viele ein Traum. Letztes Jahr wurde meiner verwirklicht. Im Sommer verbrachte ich zehn Wochen in dem Land der Elche und Seen. Sechs Wochen davon arbeitete ich in der Metropole Montreal und lernte die Offenheit der Kanadier kennen.
Alles fing damit an, dass mein Erasmussemester zu Ende ging und ich auf der Suche nach einer Möglichkeit war, erneut ins Ausland zu gehen. Da ich gerade in Paris gewesen und mein Durst nach Französischem noch nicht gestillt war, erkundigte ich mich danach, wie man längere Zeit in Kanada verbringen könne, ohne sich in Unkosten zu stürzen.Da entdeckte ich die Deutsch-Kanadische Gesellschaft, welche Studenten Arbeitsplätze als Werkstudenten vermittelt. Schnell beworb ich mich noch von Frankreich aus für das Sommerjob-Programm und wurde auch gleich zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Das Gespräch verlief angenehm und danach stand für mich fest: Ich gehe nach Kanada.
Ab nach Kanada
Spannend wurde es für mich, als ich erfuhr, tatsächlich in meiner Traumstadt Montréal arbeiten zu können. Ich wurde mit noch zwei anderen, Anne und Christoph, für die Restaurantkette Mövenpick eingeteilt. Das verhieß uns gutes Essen und ungeregelte Arbeitszeiten. Im Juli, nachdem die Uni hinter uns lag, ging es mit einem Flugzeug, in dem alle Teilnehmer saßen, von Frankfurt nach Toronto. Von da aus sollte es dann für jeden weiter direkt zu seinem Arbeitnehmer gehen. Für uns hieß es nun Abschied nehmen von den anderen Teilnehmern und ab in den französischsprachigen Teil Kanadas. Dort angekommen machten wir uns auf die Suche nach einer Wohnung, schließlich liefen wir der Fee Catherine über den Weg, die Wohnungen und Zimmer an Einwanderer und Besucher vermittelt. Christoph und ich nahmen eine Wohnung zusammen und wohnten direkt im Zentrum der Metropole.
Wo arbeiten wir? Auf einem Markt?
Am nächsten Tag machten wir uns auf zu unserem Arbeitgeber Mövenpick und wurden herzlich empfangen. Bei einem Snack, den wir uns selbst zusammenstellen konnten, wurden uns unsere Aufgaben erklärt. Christoph wurde für das Marchélino eingeteilt. Dort konnte man beinahe alle Produkte von Mövenpick kaufen und mitnehmen. Es gab Muffins, Kuchen, Sushi, Waffeln, Salate, Fruchtshakes und alles so lecker, dass man nicht daran vorbeigehen konnte. Anne und ich wurden in den Marché, das große Selbstbedienungsrestaurant eingeteilt. Hier gab es neben dem Angebot wie im Marchélino noch frischen Fisch, einen Steinofen für Pizza und Bruschetta, eine Grillstation und einen eigenen Asiastand, an dem es neben Sushi andere fernöstliche Gerichte gab. Das Besondere, mit dem Mövenpick auch immer warb, war die Frische der Zutaten und die Kombinationsmölichkeit der Gerichte.
Der Anfang
Meine Aufgabe war es, das wurde mir sehr freundlich, aber bestimmt bei meiner Einarbeitung erklärt, für die Sauberkeit und den Service der Gäste gegenüber zu sorgen. Ich war eine Mischform von persönlicher Beratung und Kellnerin. Da es sich um ein Selbstbedieungsrestaurant handelte, musste ich den Gästen nur die Tablettes, bei uns panneau genannt, abnehmen und ihnen Wasser servieren. Natürlich sollte man sich besonders liebevoll um kinderreiche Konsumenten kümmern. Ich lernte schnell meine Arbeitskollegen und ihre Macken kennen. Einige hatten sich darauf verschrieben, möglichst viel des Geschirrs, das wir in die Waschküche bringen sollten, auf ein Tablett zu laden und es durch den ganzen Laden zu balancieren. Mit denen arbeitete ich besonders gern, weil ich so weniger laufen und tragen musste.
Von Stress keine Spur
Wir hatten viel Spaß bei der Arbeit, da ein angenehmes Klima herrschte und es nur selten wirklich stressig wurde. Arbeitsam musste man sein, aber das fiel erst in den letzten Wochen schwer. Da bei Mövenpick im Sommer auch viele einheimische Studenten arbeiteten, waren wir eine große Gruppe von jungen lustigen Leuten, die sich viel zu erzählen hatten. Nach der ersten Woche fing man an, sich anzufreunden und miteinander auszugehen. Da unsere Leiter in der Arbeitsplanung darauf achteten, dass Anne und ich nicht zusammen arbeiteten, wurde mein Französisch wieder aufgefrischt und im quebecoisischen Slang ausgebessert. Mein Englisch, das ich vorher nie benutzt hatte, wurde aus seinem Winterschlaf geweckt.
Der Zauber der Stadt
Montreal zeigte sich von seiner schönsten Seite. Christoph, Anne und ich wurden schnell zu einer eingeschworenen Mannschaft und wir machten die Straßen und Clubs gemeinsam unsicher. Die Stadt überzeugt mich mit ihrem bilingualen Charme. Wenn ich mit einer Sprache nicht weiterkam, zappte das Gehirn bald automatisch zur nächsten und wir sprachen so etwas wie Frenglösisch. Das war ganz normal und so schienen wir in den echten Alltag eingetaucht zu sein. Direkt neben unserer Wohnung befand sich die herrliche kulinarische Hauptstraße Montreals. Auf der St. Denis konnte man von klassisch kanadisch (was Elchfleisch und viel Fisch verhieß) und bester vegetarischer Küche, über indisch, vietnamesisch, italienisch und afrikanisch wählen. Daneben gab es immer interessante und sehr angesagte Musikbars, die eine eigene Kultur in Kanada hegen. Hier kehrten wir abends oft ein und schlürften bei Livemusik das kanadische Bier.
Alltag als SWAPer
Unsere Arbeitstage waren sehr unterschiedlich, oftmals mussten wir am Wochenende arbeiten, hatten dafür aber Montags und Dienstags frei. Verhasst war uns die für den Service-Bereich typische split-shift, in der wir an einem Tag mittags und abends arbeiteten, aber nachmittags mit zwei bis drei Stunden Freizeit nicht viel anzufangen wussten. Ich nutzte die Zeit entweder um ins Kino oder Museum zu gehen oder Formalitäten zu erledigen. Von Beginn unseres Aufenthalts an stand uns das SWAP-Büro zur Seite. Diese Organisation, welche jungen Ausländern hilft, eine Arbeit zu finden, bei der Sozialversicherung und bei Banken mit Tipps und Informationen versorgt, verfügt in den drei größten Städten Kanadas Toronto, Montreal und Vancouver über eigene Büros. Neben formeller Hilfe bieten sie oft Kennenlernabende für neue Swapper und Vermittlungen für Reisegemeinschaften an.
Es muss nicht immer Arbeit sein
Einen Teil seiner Zeit, den jeder Werkstudent in Kanada verbringt, sollte er reisen. Das geschieht mit den berühmt-berüchtigten "Moos-Tours", eine Reiseagentur extra für SWAPer, mit einem gemieteten Auto oder per Bus. Nur so kann man neben seinem Arbeitsort, der ein Restaurant, eine Segeljacht, eine Wal-Station, ein Büro oder eine Farm sein kann, das Land Kanada kennenlernen. Wer nicht einmal die blauen riesigen Seen, die weiten Hügel und die endlosen Wälder gesehen hat, hat etwas verpasst. Aber auch für Naturfreaks ist es spannend, einmal das Gesicht einer echten Metropole zu sehen und die Skyline Torontos live zu erleben.
Eine Zeit in seinem Leben mit dem Jobben in einem anderen Land zu verbringen, kann ich nur jedem empfehlen. Bei uns waren einige so begeistert, dass sie erst zu Weihnachten wieder nach Deutschland kamen. Wer kann ihnen das bei einem so offenen, freundlichen und bunten Land nur übel nehmen? - Keiner!
von Julia Kleinschmidt
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