Erfahrungsbericht - Sprachkurs Rom, Italien
Im Februar 2006 machte ich eine vierwöchige Sprachreise nach Rom – eine Stadt voller Leidenschaft, Abenteuer und kleinen Augenblicken, die Augen und Herzen zum Strahlen bringen und Lebensfreude schaffen...
Als Studentin der Komparatistik erwartet man von mir, neben dem eigentlichen Studium selbstständig möglichst viele Fremdsprachen zu erlernen. Aus dem Bauch heraus entschied ich mich eines Tages dafür, Italienisch zu lernen und besuchte zwei Semester lang Sprachkurse an der Uni. Ganz schnell verliebte ich mich in die wunderschöne Sprache und wollte mehr davon. Kurzerhand entschloss ich mich dazu, eine Sprachreise zu machen, um neben der Sprache auch Land und Leute kennen zu lernen.
Die Sprachschule in Rom fand ich durch Zufall, ich buchte einen vierwöchigen Kurs von Ende Februar bis Ende März und flog schon einige Wochen später los. Mit ganz vielen Schmetterlingen im Bauch fieberte ich der Landung in Rom entgegen, ich war viel aufgeregter, als ich es von mir erwartet hatte. Dabei hatte ich eigentlich kaum Grund zu so viel Nervosität, alles war bestens organisiert: Über die Sprachschule hatte ich ein Bett in einem Doppelzimmer gebucht, in der Wohnung würden außer der Vermieterin nur andere Schüler meiner Sprachschule leben, so dass ich schnell andere Leute kennen lernen würde. Der Unterricht, der in Gruppen statt fand, sollte am darauf folgenden Tag beginnen, zwei Stunden Grammatik und zwei Stunden Sprachpraxis. Jeden Nachmittag würde ich dann frei haben, für Hausaufgaben und natürlich für ausgiebige Stadterkundungen.

Nachdem ich in Rom gelandet war, nahm ich den Shuttlezug zum Termini, dem Hauptbahnhof. Als ich aus dem Zug stieg, traf mich Rom mit voller Wucht: Es war laut und hektisch, die eine Hälfte der Römer schien zu telefonieren, die andere unterhielt sich mit Mitreisenden, wild gestikulierend. Jeder hatte es eilig, ich stand überall im Weg. Zu Fuß machte ich mich auf den Weg zu meiner Wohnung, es war nicht weit, aber natürlich verlief ich mich. Als ich endlich bei der Wohnung ankam, öffnete niemand. Mein erstes Telefonat auf Italienisch folgte, obwohl ich nicht viel verstand, ging es erstaunlich gut. Die Vermieterin öffnete, nachdem sie begriffen hatte, dass ich vor der Haustür wartete. Wieso sie vorher auf mein Klingeln hin nicht aufgemacht hatte, habe ich nie verstanden. Doch nun waren die ersten Hürden genommen, Chaos-Rom hatte mich willkommen geheißen.
Meine Zimmermitbewohnerin Larissa war Brasilianerin, sie sprach weder Englisch noch Deutsch und ich kein Portugiesisch, so blieb uns nichts weiter übrig, als es auf Italienisch zu probieren. Wenn man keine andere Wahl hat, klappt erstaunlich vieles erstaunlich gut, zur Not mit Händen und Füßen erzählten wir uns von Gott und der Welt. An unserem ersten Schultag streikte die Metro, wir mussten zur Schule laufen, was eigentlich kein großes Problem ist, wenn man nicht so wie ich bei jeder nur erdenklichen Möglichkeit in die falsche Richtung läuft. Zu allem Überfluss regnete es, wir wurden klatschnass und kamen trotzdem bestens gelaunt in der Schule an.
Nach einem Eingangstest, bei dem unsere Leistung eingestuft wurde, wurden wir den acht verschiedenen Klassenstufen zugeteilt und erhielten unsere ersten Unterrichtsstunden. Ich kam in Klasse 4, nach zwei Wochen würde ich wie alle anderen einen Abschlusstest schreiben und hoffentlich in die nächste Klasse aufsteigen. In meiner Klasse war auch Larissa, außerdem drei Japaner, eine Engländerin, und drei weitere Deutsche. Die Lehrer waren nett und sehr kompetent, sie machten sehr guten Unterricht, der komplett auf Italienisch abgehalten wurde. Selbst neue Vokabeln wurden ausschließlich auf Italienisch erklärt, kein einziges Mal erlebte ich, dass etwas ins Englische übersetzt wurde. Wir machten viel Gruppenarbeit, so dass wir viel auf Italienisch reden mussten, wir lasen Texte, lernten die Grammatik und erweiterten stetig unseren Wortschatz. Am allerbesten gefielen mir die Gruppenarbeiten, in denen man etwas über die Kulturen der anderen Schüler erfuhr. Einmal mussten wir uns zum Beispiel gegenseitig erklären, von welchen Dingen man in unserem Heimatland glaubt, dass sie Glück oder Unglück bringen. Die Sitten und Vorstellungen der anderen waren zum Teil sehr fremd, wir haben gestaunt und gelacht; mit so viel Spaß fiel uns das Üben der fremden Sprache nur halb so schwer.

Schon an meinem ersten Tag lernte ich in der Pause die meisten anderen Mitschüler der Sprachschule kennen. Ich verabredete mich mit einigen für den Abend. An dem Treffpunkt tauchte später dreiviertel der Schüler derSprachschule auf, unser Plan gemeinsam essen zu gehen hatte sich schnell herum gesprochen, so dass wir circa 20 Leute wurden. Von nun an machten wir jeden Tag etwas zusammen: Wir sahen uns die Stadt an, gingen in Cafés und abends in Bars, nachts in die Clubs und in der Schulpause den obligatorischen Cappuccino trinken. Nicht immer waren wir so viele, ich freundete mich ganz besonders mit drei Deutschen und einem Engländer an, mit denen ich meine Tage verbrachte. Nach wenigen Tagen in Rom hatte ich mich eingelebt und fühlte mich richtig zu Hause, denn ich hatte ganz schnell begriffen, wie das Leben in Rom funktioniert. Ein bekanntes Sprichwort sagt: „Wenn du in Rom bist, tue, was die Römer tun.“ Das nahm ich mir zu Herzen. So wartete ich nicht mehr fünf überfüllte Metros ab, in dem Glauben, nicht mehr hineinzupassen, sondern warf mich einfach in die Menge. Ausgeklappte Ellenbogen und ein resolutes „Permesso?!“, was so viel wie „Verzeihung“ heißt, helfen einem ans Ziel. Genauso gewöhnte ich mich an die Hektik und das Gestikulieren. Was mir am Anfang wild und immer verärgert vorkam, war schnell eine gewöhnliche Verständigungsmethode. Und auch über das Chaos in Rom lernte ich mit einem Schulterzucken und einem Lachen hinweg zu sehen. Die Busfahrer wissen manchmal selbst nicht, welche Haltestellen sie anfahren, Öffnungszeiten sind nicht verbindlich, Pünktlichkeit kennt niemand, Automaten und andere Gerätschaften funktionieren nur in Ausnahmefällen, meistens dann, wenn man sie nicht braucht und nur weil der Fahrkartenverkäufer einem ein gültiges Ticket verkauft, muss es noch lange nicht gültig sein. Ich kam in eine Kontrolle und wurde darauf hingewiesen, dass nur römische Studenten mit einem Studententicket fahren dürfen. Alles Jammern und Flehen half nichts, ich musste 50 Euro Strafe zahlen und mir ein neues Ticket kaufen. In Rom läuft eben nicht alles nach logischen Regeln. Das Chaos steckte an, wir wurden alle unpünktlich, verpassten uns, weil wir zu falschen Zeiten an falschen Orten standen, Pläne wurden mehrmals am Tag kurzfristig geändert, Leute wurden vergessen und verloren.

Doch bei alldem hatten wir den größten Spaß unseres Lebens. Ich habe in vier Wochen so viel erlebt wie nur selten zuvor. Ich wurde von dem charmanten Engländer in einer edlen Weinbar auf einen noch edleren und bestimmt schrecklich teuren Prosecco eingeladen, so dass ich mich kurz wie eine kleine Prinzessin gefühlt habe. Ich habe Nächte durchlacht und durchtanzt, ich war sowohl in dem edelsten als auch in dem ranzigsten Club, den ich jemals besucht habe, ich bin nachts durch Roms hell erleuchtete Straßen Vespa gefahren, habe im Park der Villa Borghese Fußball gespielt, ich war viele Male gut essen und trinken, habe Komplimente bekommen und Komplimente gemacht und einfach vier Wochen lang ein ganz anderes Leben gelebt. Viele, viele Male haben wir bei jemandem zu Hause zusammen gekocht und Wein getrunken, wir waren eine eingeschworene Truppe und haben tatsächlich sogar heute, ein halbes Jahr später, noch regen Kontakt. Demnächst werde ich zwei meiner neuen Freunde sogar besuchen fahren.
Bei alldem habe ich noch viel über die Kultur Italiens gelernt, ich habe den Stolz gespürt, den man hat, wenn man das erste Mal etwas auf einer fremden Sprache erfolgreich bestellt, ich habe meine Sprachkenntnisse um ein Vielfaches verbessert und mich noch ein großes Stück mehr in die wundervolle Sprache und in Land und Leute verliebt.
Der Sprachkurs war eine tolle Erfahrung, die ich gerne noch einmal wieder machen möchte und jedem anderen nur wärmstens empfehlen kann, auch einmal zu machen.
Anja Schmidt


