Europäischer Freiwilligendienst – Soziale Arbeit in Irland
Nach dem Abitur direkt ins Studium oder in den Beruf einsteigen? Das erscheint vielen Schulabgängern langweilig. Eine Möglichkeit, um die Welt zu entdecken und dabei etwas nützliches zu tun, ist der Europäische Freiwilligendienst. Für diesen Weg entschloss sich auch Helena Mense, als es darum ging, die Zeit nach dem Abitur zu planen.
Schon früh wusste Helena, dass sie nicht direkt von der Schule an die Universität gehen wollte. So entstand die Idee, eine Auszeit vom vielen Lernen und dem Alltag zu Hause zu nehmen, sobald sie das Abitur in der Tasche haben sollte. Deshalb machte sie sich zu Beginn des letzen Schuljahres im Internet auf die Suche nach einer passenden Möglichkeit. Zwischen den vielen Angeboten, angefangen bei kostenintensiven Sprachschulen bis zur Arbeit als Au Pair, fiel ihr der Europäische Freiwilligendienst (EFD) auf. Weil es für Helena wichtig war, nicht viel Geld für die anstehende Reise auszugeben, bat der EFD eine gute Alternative. Die Projekte, welche der EFD leitet , werden von der EU gefördert, weshalb beispielsweise Spenden an die Organisation oder die Zahlung des Flugs und der Unterkunft wegfallen.
Um beim Europäischen Freiwilligendienst mitzumachen, benötigte Helena eine Entsendeorganisation mit dem passenden Projekt. „Ich entdeckte die Seite der Galway Simon Community in Irland, die mir direkt gut gefallen hat.“ Berichtet Helena von ihrer Recherche. Weil sie gerne in ein englischsprachiges Land wollte, erschien die irische Organisation genau die Richtige zu sein. Diese setzt sich für obdachlose Menschen in Irland ein und beschäftigt jedes Jahr neben den Festangestellten mehrere Volontäre. Diese arbeiten in einer der Tageseinrichtungen, wo die Bedürftigen beispielsweise eine Mahlzeit und Hilfe bei der Arbeitssuche erhalten. Die Simon Community suchte in Galway außerdem Freiwillige für ein sogenanntes „High Support Centre“. Diese Einrichtung gibt den meist psychisch oder physisch kranken Obdachlosen eine unbefristete Unterkunft, in der sie leben können. Für diese Einrichtung entschied sich auch Helena, und schickte ihre Bewerbungsunterlagen samt Motivationsschreiben ab. „Es war wichtig, sich schnell für eine Organisation zu entscheiden“, erklärt Helena, „ein halbes Jahr vor der Abreise waren schon viele Plätze belegt.“ Trotzdem erhielt sie etwas später von der Entsendeorganisation die Einladung zum Bewerbungsgespräch in Frankfurt am Main.
Vorbereitung auf die Reise
Hier musste Helena neben mehreren anderen Bewerbern beweisen, dass sie der Arbeit mit den obdachlosen Menschen in Irland gewachsen war. Die Angestellten der Aufnahmeorganisation aus Irland führten mit den Bewerbern englische Interviews, spielten Konfliktsituationen aus der Arbeit nach und stellten in Gesprächen heraus, ob die Bewerber wirklich motiviert waren, für mehrere Monate in einem fremden Land soziale Arbeit zu leisten. Als wenige Tage später der erlösende Anruf mit der Zusage kam, begann für Helena die Vorbereitung auf den Auslandsaufenthalt. Sie durfte endlich ihren Flug nach Irland buchen und erfuhr außerdem, dass zwei Monate vor der Abreise noch ein Vorbereitungsseminar mit den anderen Volontären stattfinden sollte.
Hier erfuhren die Jugendlichen schon einmal etwas über die Kultur Irlands, über Konfliktlösungsstrategien und die Kommunikation mit den Bewohnern der Unterkünfte. Spannend war dabei natürlich, die anderen Teilnehmer kennen zu lernen und erste Kontakte zu knüpfen.
Leben und Arbeiten bei der Galway Simon Community
Dann konnte es endlich los gehen: Helena packte die letzen Sachen und flog nach Irland, um dort für die nächsten sechs Monate zu leben und zu arbeiten. Am Flughafen in Dublin wurde sie schließlich von einem der Betreuer und vier Bewohnern der Galway Simon Community begrüßt. Sie setzen sie am Haus der Volunteers in Galway ab und gingen zurück zur Unterkunft der Obdachlosen. „Die erste Nacht werde ich nie vergessen“ erzählt Helena, denn weil die letzten Volontäre noch nicht ausgezogen waren, hatte sie noch kein eigenes Zimmer. „Trotzdem haben mich alle herzlich empfangen und mir ihr Zimmer angeboten“ fährt Helena fort. Weil die Volontäre in Nachtschichten arbeiten und somit in der Unterkunft der Simon Community schlafen, durfte sie eines der freien Betten benutzen. Zuerst ging es aber noch am gleichen Abend in die Stadt, weil eine der Volontäre Geburtstag feierte. So konnte Helena sofort einen Einblick in das Leben in Irland gewinnen und die neuen Mitbewohner kennen lernen.
Langweilig wurde es im Haus der Volontäre nie. Weil dort immer etwa zehn Jugendliche aus allen Teilen der Welt zusammen leben, gibt es viel, worüber man lachen oder diskutieren kann. Das lernte auch Helena kennen: „ Mit der Zeit wurden wir wie eine Großfamilie. Wir haben zusammen eingekauft, gekocht oder Musik gemacht.“ Die Jugendlichen halfen sich gegenseitig, sich in dem fremden Land zurecht zu finden und erzählten viel über ihre eigene Kultur und die Heimat. Zum gemeinsamen Leben gehört natürlich auch der Urlaub, den die Simon Community für die Volontäre organisiert. Für ein Wochenende verbrachte Helena mit ihrer „Ersatzfamilie“ ein paar freie Tage in einem Ferienhaus auf einer nahegelegenen Insel.
Aber wie gestaltet sich ein Arbeitsalltag bei der Organisation?
Die Volontäre, die für die Galway Simon Community arbeiten, beginnen um 16h mit der Arbeit und sind für die Nachtschicht in der Unterkunft zuständig. Sie arbeiten immer zu zweit und verbringen den Abend zusammen mit den Bewohnern. Ein typischer Arbeitstag startet mit der Übergabe durch die Tagesschicht, für welche die Festangestellten verantwortlich sind. Hier wird zum Beispiel besprochen, welche Bewohner im Haus oder in der Stadt sind, wer die Miete gezahlt hat oder welche Medikamente vergeben werden müssen. Danach können die Volontäre mit der persönlichen Betreuung beginnen. Viele der Bewohner möchten einfach von ihrem Tag oder ihren Problemen erzählen, mit den Volontären fernsehen oder Musik machen. Manchmal helfen sie auch dabei, das Abendessen zu kochen, was schließlich alle zusammen essen.
Wichtig ist, dass nach dem Abendessen alle Hausbewohner ihre Medikamente erhalten. Die meisten Hausbewohner haben psychische oder physische Krankheiten, die mit Hilfe der Simon Community behandelt werden. Helena und ihre Kollegen waren für ihre Verwaltung und Verteilung der Medikamente zuständig. Gegen 24h sind die Bewohner dann auf ihren Zimmern und die Volontäre können den Tagesbericht verfassen. Dazu zählen zum Beispiel Berichte über die Verfassung und das Verhalten der einzelnen Bewohner. Am nächsten Morgen erhalten die Bewohner dann wieder die benötigte Dosis an Medikamenten und die Volontäre setzen sich zu den Frühaufstehern, die sich schon einen Kaffee machen möchten. Ab halb zehn beginnt schließlich wieder die Tagesschicht, zu der die Festangestellten die Volontäre ablösen.
Eine tolle Erfahrung, die Selbstbewusstsein bringt
Insgesamt hat Helena die Arbeit mit den sieben Bewohnern viel Spaß gemacht. „Ich konnte ihnen das Gefühl von Geborgenheit und Aufmerksamkeit geben, welches sie beim Leben auf der Straße nicht bekommen.“ Trotzdem müssen die Volontäre richtig auf die Arbeit vorbereitet sein – vor allem weil das „High Support Centre“ jenen obdachlosen Menschen hilft, die an psychischen Krankheiten leiden und nicht mehr vollständig in das gesellschaftliche Leben zurückkehren werden. Auch wenn es manchmal Probleme gab, wollte Helena nach den vollendeten sechs Monaten noch nicht nach Deutschland zurück. So verlängerte sie ihren Freiwilligendienst um weitere drei Monate. „Es war eine spannende Zeit, mit den Bewohnern Ausflüge zu machen und die irische Kultur kennen zu lernen. Dafür war ein halbes Jahr eigentlich zu kurz.“ Fasst sie schließlich zusammen. Sie hat bemerkt, dass sie in Irland viel selbstbewusster und erwachsener geworden ist und weiß, wie wichtig es ist, hilfsbedürftigen Menschen zur Seite zu stehen.
Ihre Erfahrungen konnte Helena zuletzt in dem Rückkehrerseminar in Deutschland mit anderen heimgekehrten Volontären teilen. Neben den Seminaren, die schon in Irland in bestimmten Abständen veranstaltet wurden, diente auch das letzte Seminar noch einmal dazu, über Probleme und positive Erfahrungen zu sprechen sowie Anregungen für die Zukunft zu geben. Noch immer hat Helena Kontakt zu den anderen Volontären und gibt manchen Neuankömmlingen in Irland Tipps für den Alltag.


