Unpünktliche Busse und irische Lebensfreude: Ein Jahr ERASMUS am Trinity College
Gerade das Bachelor-Studium steht für eine internationale Ausrichtung, die es Studenten erleichtern soll, für ein Semester oder länger ins Ausland zu gehen. Auch die Georg-August-Universität Göttingen wirbt mit zahlreichen Austausch- und Stipendienprogrammen. Neben dem bekannten Hochschulprogramm ERASMUS, ermöglicht die Universität Göttingen auch die Vermittlung zu Partnerhochschulen in Japan oder China.
Auch die 23 jährige Germanistik und Anglistik Studentin Dorothea informierte sich frühzeitig über mögliche Austauschprogramme. Für eine angehende Englisch-Lehrerin ist ein mindestens halbjähriger Aufenthalt im englischsprachigen Ausland schließlich Voraussetzung. Das Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen bietet ERASMUS-Programme mit Partnerhochschulen in Rumänien, Finnland, Italien, Frankreich, Schweiz, England und Irland an.
Dorothea fiel die Entscheidung für den Ort ihres Auslandsaufenthalt nicht besonders schwer, da sie sich schon als Schülerin für Irland begeisterte. Zusätzlichen Anreiz bot außerdem der exzellente Ruft, des im Jahre 1592 gegründeten Trinity Colleges. An der renommierten irischen Universität hat bereits der berühmte Schriftsteller Oscar Wilde studiert. Als touristische Attraktion gilt auch das „Book of Kells“ (vier evangelische Schriften um 800 entstanden), das in der Bibliothek des Trinity Colleges ausgestellt ist. Das sie ihren Entschluss nicht bereute und ganz im Gegenteil etwas wehmütig auf das baldige Ende ihres einjährigen Austausches blickt, erzählte uns Dorothea im folgenden Interview:
Weshalb hast du dich für einen Auslandsaufenthalt in Irland entschieden?
Zunächst einmal wollte ich aufgrund meiner Fächerkombination Deutsch/Englisch ins englischsprachige Ausland gehen, und nach Amerika hat es mich einfach nicht gezogen. Nach Irland wollte ich eigentlich schon während meiner Schulzeit zum Austausch gehen, was dann aus verschiedenen Gründen nicht geklappt hat. Als ich dann die ERASMUS-Partnerschaft mit dem Trinity College entdeckt habe, bewarb ich mich kurzerhand und nach langem Hin und Her der irischen Seite (man braucht Geduld, die irischen Mühlen mahlen meistens etwas länger) hat es dann auch geklappt und ich konnte nach Dublin gehen.
Wie hast du dich auf dein Auslandsjahr vorbereitet, gab es besondere Schwierigkeiten, zum Beispiel bei der Wohnungssuche?
Ich habe mich total gefreut, am Trinity College studieren zu können – allein der Name hat da meine Erwartungen hoch angesetzt. Natürlich war ich vor meinem Auslandsaufenthalt etwas unsicher, ob alles so funktionieren würde mit den Kursen an der Uni, dem Einschreiben usw. Ich hatte ziemliches Glück bei der Wohnungssuche, da ich das Zimmer von meiner Erasmus-Vorgängerin übernehmen konnte und so nicht erst mal ewig in einem Hostel wohnen und von da aus suchen musste. Dennoch ist man erst mal erschrocken über die exorbitant hohen Mietpreise für kleinste Zimmer; trotz der Rezession hat sich da in Dublin bisher leider wenig geändert. Grundsätzlich würde ich aber jedem empfehlen, nichts ungesehen zu mieten. Einer der Vorteile der irischen Gelassenheit ist, dass man normalerweise innerhalb von 2 Tagen umziehen kann, das ist hier alles weniger bürokratisch als in Deutschland. Wer zum Beispiel einen Mietvertrag bekommt, hält eine Rarität in Händen. Für gewöhnlich wird die Miete wochenweise und in bar für den Landlord hinterlegt, Strom und Gas werden extra abgerechnet. Auch hier gilt: nicht erschrecken vor den horrenden Preisen!
Wie gefällt dir dein Studium am Trinity College? Gibt es hier Dinge, die dir im Vergleich zum Studium in Göttingen negativ bzw. positiv auffallen?
Gleich in der ersten Veranstaltungswoche war ich von den Kursen größtenteils total begeistert. Gerade die Literature Classes hier waren für mich eine totale Bereicherung, ich konnte mein Wissen da wirklich maßgeblich vertiefen. Im Unterschied zur Uni Göttingen muss hier viel mehr gelesen werden (3-4 Bücher pro Woche), aber dann gibt es auch zu jeder Vorlesung ein entsprechendes Tutorium und nicht nur eines, was so in etwa passt. Positiv ist auch, dass die Tutorien maximal 10 Teilnehmer haben, sodass sich tatsächlich Diskussionen entwickeln können und man auch motiviert ist, die Bücher zu lesen. Gegen die Göttinger SUB kommt die Bibliothek im Trinity allerdings nicht an, Bücher werden hier versteckt, geklaut oder sind einfach nicht da und sie zu bestellen dauert mindestens 2 Tage.
Welche neuen Erfahrungen und kulturellen Eindrücke nimmst du aus deiner Zeit in Irland mit?
Das ist natürlich schwer in ein paar Sätze zu packen, und noch bin ich ja mitten drin. Dennoch kann man nach fast einem Jahr mit den Iren nicht umhin, diese sehr offenen und fröhlichen Menschen zu mögen. Was einen am Anfang vielleicht gestört hat, möchte man jetzt nicht mehr missen: unpünktliche Busse (wenn sie überhaupt kommen), nicht-funktionierende Heizungen, stickige Seminarräume, irische Unpünktlichkeit. Es wird einfach wettgemacht durch das Lebensgefühl, was die Iren ausstrahlen. Jeder hat hier irgendeine Geschichte zu erzählen – und tut das auch. So erfährt man von einer fremden Frau an der Bushaltestelle, dass ihr Sohn letzte Woche Vater geworden ist oder unterhält sich mit einem Straßenkünstler über seinen Weg aus der Abhängigkeit. Eine der Erfahrungen, die ich gemacht habe ist, dass sich hier alles irgendwie regelt, auch wenn es etwas dauert. Man lernt dadurch auf jeden Fall Gelassenheit und die Iren leben einem ja auch vor, das Leben zu genießen.
Gibt es Dinge, die du im Nachhinein anders geregelt hättest?
Ehrlich gesagt – nein. Es gibt natürlich immer wieder Punkte, an denen man merkt, dass man sich neu entscheiden muss und ich hätte zum Beispiel früher näher in die Stadt umziehen können. Aber schließlich lernt man ja aus seinen Fehlern und wenn der Zahn drückt, regelt man die Dinge eben. Das ist ja das Gute an so einem Auslandsjahr, es hilft einem, sich auch selber ein bisschen besser kennenzulernen. Es ist vielleicht ratsam, sich gut zu informieren über die Kurse, über Clubs und Societies, denen man beitreten will. Ich habe es zeitlich einfach nicht geschafft, überall aktiv zu sein oder mal einen Irisch Kurs zu machen. Aber schlimm war das jetzt auch nicht.
Welche Tipps würdest du anderen Erasmus-Studenten, die ein Semester in Dublin/Irland planen, mit auf den Weg geben?
Sich von dem Gedanken trennen, alles im Voraus planen zu wollen. Das geht einfach nicht und verbaut einem womöglich auch, für andere Optionen offen zu sein. Außerdem würde ich empfehlen, den Auslandsaufenthalt an einer irischen Uni dazu zu nutzen, mal in andere Bereiche reinzuschnuppern. Am Trinity gibt es zum Beispiel das Broad Curriculum, eine Art Studium Generale wo ich zum Beispiel Kurse in Sozialpsychologie belegen konnte. Und ja, es ist wichtig, sich nicht zu sehr ins Studieren zu vertiefen, sondern auch mal rauszufahren und sich vom Land bezaubern zu lassen.
In welchen Bereichen (Sprache, besondere Seminare/Vorlesungen) konntest du am meisten dazu lernen?
Wie schon gesagt: Literaturwissenschaften in englischer Sprache, ich habe so unglaublich viel gelernt in diesem Jahr! Besonders eine Veranstaltung in zeitgenössischer Irischer Literatur war super spannend, man hatte da wirklich noch mal einen anderen Zugang zur Kultur und Geschichte Irlands. Witzig war auch, hier deutsche Literaturkurse zu besuchen, da nimmt man auf einmal eine ganz andere Perspektive zur eigenen Literatur und Kultur ein und es weitet den Blickwinkel. Vorlesungen gehen hier im Übrigen nur 50 Minuten lang und zumindest in den Kursen die ich belegt habe sollte man auch immer gut mitschreiben – es ist eher selten, das Vorlesungsfolien hochgeladen werden.
Wie ist es um die Freizeitaktivitäten in Dublin bestellt? Gab es Dinge die dir besonders gut gefallen haben?
Das zentrale und wunderschön ruhige College und das abwechslungsreiche Campus-Leben neben der Uni werden bei mir noch lange in Erinnerung bleiben. Ich werde auch und vor allen Dingen die vielen Pubs vermissen, obwohl man sich ziemlich umgewöhnen muss, die letzte Bestellung schon um 0:00 Uhr aufzugeben und meistens ist dann wirklich auch um 1 Uhr Schicht im Schacht. Die Iren fangen dafür früher an mit dem Trinken – wer zum Beispiel eine Lernpause braucht, kann einfach von der Bibliothek im College am wunderbar grünen Sports ground vorbei rüber zum ‚Pav‘ (Pavillion) gehen, einem Pub direkt auf dem College wo man hinter sich gebrachte Klausuren und Essays feiern oder einfach nur ein Feierabendbierchen trinken kann. Ansonsten gibt es wirklich tausend Möglichkeiten, sich politisch (The Phil, The Hist), gesellschaftlich, künstlerisch (DU Players, choirs, orchestra), sporttechnisch und sogar kulinarisch (Food and Drink Society) auszuleben, sowohl an der Uni als auch in der Stadt. Dublin selbst hat eine Menge zu bieten und das schöne ist, dass man auch nicht weit aus der Stadt rausfahren muss um ein komplettes Kontrastprogramm zu haben.
Hattest du Schwierigkeiten dich an das neue Umfeld zu gewöhnen?
Obwohl Irland sehr westlich liegt ist es ja immer noch Europa und das neue Umfeld hat bei mir keinen Kulturschock verursacht. Trotzdem hatte ich grad am Anfang etwas Schwierigkeiten, mich daran zu gewöhnen, vor allen Dingen kamen mir die Häuser so klein, die Straßen so eng vor und alles wirkte auch ein bisschen schmuddeliger als man es in anderen deutschen Städten gewohnt war. Insbesondere der öffentliche Nahverkehr ist hier ja schon etwas katastrophal, und man sollte sich nie auf den letzten Bus verlassen. Aber das ging schnell vorbei und man lernt schnell, damit umzugehen und die bereits genannten Vorzüge der Stadt zu schätzen.
Könntest du dir vorstellen noch einmal für ein Semester oder im späteren Berufsleben ins Ausland zu gehen? Würdest du dann ein anderes Land bevorzugen?
Ja, auf jeden Fall. Ich kann mir sowohl vorstellen, generell wieder ins Ausland zu gehen als auch noch einmal zurück nach Irland zu kommen. Das Land lässt einen irgendwie nicht mehr los - der einzige Nachteil ist, dass es so weit westlich ist und man immer fliegen muss wenn man irgendwo hin will. Momentan möchte ich jedenfalls gar nicht mehr zurückgehen und blicke mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf das Ende meiner Zeit hier in Dublin. Ich bin jedenfalls gespannt, wo mich der Wind so als nächstes hinweht.
(Das Interview führte Marleen Scharninghausen)


