„Runner without shoes“
Betrachtungen der Lufthansa Langstrecken-Purserette. Usha Malik, einer Halbinderin.
Die Kontraste der Vergangenheit spiegeln sich auch in der Gegenwart wider: die prunkvollen Paläste und Monumente der Reichen und Vergötterten aus zurückliegenden Jahrhunderten im Land der Armen. Heute entstehen High-Tech-Laboratorien und modernste Fabrikationsstätten, wo Kühe auf der Straße immer noch „Vorfahrt“ haben. Edle Limousinen quälen sich auf völlig verstopften und holprigen Straßen neben klapprigen Autobussen, dreirädrigen Motorroller-Rikshas und uralte Taxis durch das Verkehrsgewühl. Das gleicht einer Massenschlacht. Und doch steckt dahinter unsagbar viel Feinfühligkeit.
Alle müssen hellwach und reaktionsschnell sein, sonst ist alles vorbei und die sich schlängelnde Schlange bleibt regungslos liegen. Sie hupen sich durch die Dauerstaus, schlängeln sich mit ihren Autos, Mopeds, Bussen und anderen Gefährten gewandt durch die sich vor ihnen bietende Lücke, nehmen den anderen fast ständig die Vorfahrt, gewähren sie aber gleichzeitig ohne Murren und im Westen des Globus üblichen Fingerzeigebeschimpfungen den anderen, wenn diese in Bruchteilen von Sekunden die Chance zum Vorbeifahren genutzt haben. Rückspiegel gibt es außen am Auto so gut wie gar nicht – mehr. Sie fordern nur zusätzlichen Platz an den Seiten – Platz, der hier nur Fingerbreit zwischen den Autos übrig bleibt.
Soll ich wegschauen, wenn die junge Bettlerin mit ihrem fast nackten Kind auf dem Arm an die Scheibe des Taxis klopft und die Finger an den Mund führt, zum Zeichen des Hungers?

Muss ich mich schämen, dass dieses riesige Land, das auf dem Sprung zur wirtschaftlichen Weltmacht steht, arme Frauen mit ihren Kindern allein lässt? Ich weiß es nicht, mir kommen die Zweifel immer wieder – jedes Mal, wenn ich von Frankfurt nach Delhi fliege. Sechseinhalb Stunden bin ich im Jumbo für das Wohl aller unserer Passagiere da, bringe den First Class-Gästen Champagner, auserlesene Hummerhäppchen, Caviar und ein Menü, das von einem indischen Spitzenkoch kreiert wurde.
Wenn ich dann in meinem geliebten Indien, der Heimat meines Vaters, gelandet bin, kommen sie immer wieder, diese Zweifel, diese Fragen, die Unsicherheit; und doch wiederholt sich meine Antwort immer wieder: ich liebe Dich, mein Indien. Je älter ich werde, desto mehr wird Indien ein Stück Heimat für mich. Wenn ich in Delhi lande, ist es heute wie ein „Nachhausekommen“.
Ich habe ein Kind in Indien, es ist nicht mein Kind, aber ich liebe es wie mein eigenes. Nutan heißt die Kleine. Sie ist mehr als mein „Patenkind“, sie ist meine Verbindung zum Geburtsland meines Vaters. Und sie öffnet meinen Blick für das andere, das arme Indien.
Ich fahre lieber mit einem alten indischen Taxi, dessen Federung quietscht, dessen Lenkung krächzt, wenn es um die Kurve geht und dessen Auspuff beim Gasgeben donnert, als wolle er dem Passagier auf der unbequemen Rückbank Mut machen, dass die Fahrt doch am Ziel enden wird. Ich mag diese alten englischen Morris-Nachbauten mehr als die klimatisierten Toyota-Limousinen.
High-Tech hin und High-Tech her. Natürlich frage ich mich nach der Ankunft auf dem Flughafen in Delhi immer wieder: Ist es wirklich wahr, ist das ein internationaler Airport? Die anderen in der Welt, von denen ich die meisten kenne, sind doch so anders.

Aber dann kommt die Passkontrolle in Delhi. Und wieder ist es anders – viel ruhiger, angenehmer, lächelnd, ja, die Frauen und Männer in ihren Uniformen hinter den Pulten empfangen die Ankommenden als Gäste des Landes mit einem Lächeln. Sie schauen mit ihren wunderschönen mandelförmigen Augen und strahlen mit ihren schneeweißen Zähnen. Dieses Lächeln, es kommt von innen heraus, es ist nicht aufgesetzt. Ich glaube, es ist jedem Inder in die Wiege gelegt und von Geburt an da.
Ich empfinde immer mehr für Indien und besonders für seine Menschen. Das Bemühen der Menschen gerade aus unteren Schichten, etwas auf die Beine zu stellen, rührt mich. Den Gästen im Flugzeug sehe ich häufig mit einem Blick an, welcher Herkunft sie sind. Im Gegensatz zu meinen deutschen Kolleginnen erkenne ich, wie sehr sie sich angestrengt haben, um sich für ihre Verhältnisse besonders schön zu kleiden. Es rührt mich.
Ihr Stolz ist ihnen anzusehen, ganz gleich aus welcher Klasse sie stammen. Aber es ist keine Arroganz oder Härte dahinter, wie meine westlichen Kollegen manchmal fälschlich vermuten.

Kontraste – nirgendwo auf der Welt gibt es sie so wie in Indien. Ein Nebeneinander von Arm und Reich, Tradition und Moderne, Spiritualität und knallharter Realität, Schmutz und Schönheitssinn, tosendem Lärm und idyllischen Gärten, Tempeln der Ruhe.
Ich selbst bin ja auch eine Art Kontrastprogramm. Mein Vater war Inder pakistanischer Abstammung, in Delhi geboren und aufgewachsen. Dann ging er als junger Mann nach Deutschland, um zu studieren. Meine Mutter lernte er als Untermieter in der Wohnung meiner Großmutter kennen. Nach der Hochzeit kam ich zur Welt.
Ich habe indisches Blut in mir und deutsches, von meiner Mutter. Ich spreche etwas Hindi und rheinischen Dialekt, feiere Karneval und bin eine jecke Frohnatur.
Immer mehr spüre ich das indische Blut meines Vaters in mir, besonders, wenn ich in seinem Mutterland bin. Und doch merke ich gerade dort, wie deutsch ich auch bin.
Chaos – für westliche Betrachter scheint es in Indien beherrschend zu sein, aber es funktioniert – irgendwie. Auch mir fällt die Umstellung von deutschen auf indische Verhältnisse manchmal schwer.
„Definitely in five minutes“, lautet der Standardsatz, wenn man etwas bestellt. Doch aus diesen fünf Minuten können mitunter Stunden oder ein ganzer Tag werden. Nicht dass etwas vergessen würde, es kommt eben irgendwann, aber auf keinen Fall in den angekündigten fünf Minuten. Diese scheinbare Unzuverlässigkeit bringt mich oft in Rage, wenn ich in Indien bin. Aber irgendwie nehme ich sie doch liebend hin, hier – in meinem Zuhause?
Als jemand, der „deutsche Ordnung und Pünktlichkeit“ gewöhnt ist, kann ich mir zwar vorstellen, irgendwann ganz in Indien zu leben, aber nicht zu arbeiten. In dieser Hinsicht brauche ich mehr „Funktionieren“ um mich herum.
Ich empfinde die Bezeichnung „Runner without shoes“ als sehr zutreffend für Indien. Die Inder werden ganz hoch kommen, davon bin ich überzeugt, weil die „manpower“ da ist und eine enorme Intelligenz. Das Problem ist die Infrastruktur, das sind eben die fehlenden Schuhe. Ob sie das schaffen werden, stelle ich ein wenig in Zweifel, aber ich hoffe es für sie, ich liebe sie doch, sie sind ein Teil von mir.
Inder können sich sehr gut anpassen, auch weil sie über eine sehr große Empfindsamkeit zum Beispiel für Stimmungen verfügen. Das spüre ich oft bei meinen indischen Kollegen, die auf den Indienstrecken der Lufthansa eingesetzt werden.
Andererseits bin ich immer wieder erstaunt, wenn ich in Delhi bin, wie viel Tradition in diesem Land immer noch vorhanden ist. Obwohl das Kastensystem zum Beispiel heute offiziell abgeschafft ist, es als unhöflich gilt, jemanden nach der Kaste zu fragen, in vielen Köpfen existiert es noch. „Junger Brahmane sucht gleich gesinntes Mädchen.“ Kontaktanzeigen wie diese sind keine Seltenheit in indischen Tageszeitungen. Und der dem hinduistischen Glauben anhaftende starke Fatalismus blockiert auch heute noch Veränderungen. Selbst ärmste Inder beteuern mir gegenüber im Gespräch, dass sie eben dazu geboren sind und nehmen ihr Schicksal in der Hoffnung auf das nächste Leben als gegeben an.
Diese Lebenshaltung hat natürlich auch etwas sehr Positives. Sie führt dazu, dass Armut in Indien nicht verknüpft ist mit Aggressivität. Neid auf das, was andere haben, existiert quasi nicht. Ich fühle mich sicher in Indien. In Delhi kann ich nachts alleine durch die Straßen laufen, ohne dass mir etwas passiert.
Es sind diese Kontraste, die Indien so liebenswert machen – für mich. Ich liebe es doch, dieses Land, in das ich immer wieder fliege und zurückkehre nach Deutschland. Wo mein Ziel liegt, weiß ich ehrlich gestanden nicht, noch nicht ...
Fliegen bei Lufthansa
Sie waren von Anbeginn mit dabei, als Lufthansa so genannte „regionale Flugbegleiter“ auf den Linienflügen von und nach Asien einsetzte: Inderinnen und Inder. Schon 1966 flogen die ersten indischen Flugbegleiter in Lufthansa Flugzeugen. Heute sind es rund 150 und 40 weitere in der Ausbildung.
Unter dem Motto „Global Feel – Local Touch“ ist Lufthansa weltweit die einzige Airline, die mit einem einheitlichen Konzept die Beziehung zu ihren Passagieren aus anderen Kulturkreisen fördert. Seit mehr als 40 Jahren sind „regionale Flugbegleiter“ aus Japan, China oder Indien hauptsächlich auf Asienstrecken im Einsatz und stehen den Kunden an Bord in ihrer Muttersprache mit Rat und Tat zur Seite. Für ihre Landsleute verkörpern sie damit auch ein Stück Heimat an Bord. Vor und nach den Flügen erleichtert ein internationaler „Welcome Service“ in Frankfurt und München den Fluggästen die Reise mit Lufthansa. Passagiere, die weder deutsch noch englisch sprechen, werden von mehrsprachigen „Welcome Agents“ bestens betreut. Und das macht auch Sinn, wenn man bedankt, dass mehr als 65 Prozent der Lufthansa Kunden nicht aus Deutschland kommen. Im Lufthansa Konzern selbst sind Menschen aus mehr als 150 Nationen mit unterschiedlichen Muttersprachen, Lebensgewohnheiten und Kulturen beschäftigt.
Die Inderin aus Aachen
Usha Malik hat 1987 als Flugbegleiterin bei Lufthansa in Frankfurt begonnen. Seit vier Jahren ist sie Purser auf der Langstrecke. Die heute 43-Jährige ist in Aachen, Heidelberg und Kassel als Tochter eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter aufgewachsen. Ihre Ferien verbrachte sie regelmäßig in Delhi, der Heimatstadt ihres Vaters. Auch heute zieht es sie immer wieder dorthin, privat und beruflich. Sie hat die Patenschaft für ein indisches Mädchen in Delhi übernommen, das sie regelmäßig persönlich betreut. Als Halbinderin betrachtet sie das Heimatland ihres Vaters aus einem gleichsam distanzierten wie intimen Blickwinkel. Ihre Sicht Indiens geht außerdem auf ihre langjährigen Erfahrungen mit indischen Fluggästen zurück.
(Quelle, Foto: Lufthansa, 05.12.2006)


