Ein Schuljahr in Finnland: Wer sich ausschließlich auf Helsinki beschränkt, wird viele Charakterzüge des Landes nicht kennen lernen
Anna war von August 1999 bis Juli 2000 in Vimpeli, Finnland. Wo andere Urlaub machen, besuchte die heute 24-Jährige eine finnische Schule. Warum Anna sich für Finnland entschieden hat und aus welchen Gründen sie ihre Gastfamilie wechselte, erzählt Anna, die heute Theaterwissenschaft an der Universität Gießen studiert, im Gespräch mit Stellenboersen.de.
Amerika, England und Australien sind beliebte Ziele für ein High School Year. Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Schuljahr in Finnland zu verbringen?
Ich war mit der ehrenamtlichen Organisation AFS in Finnland. AFS organisiert zwar auch den Austausch in englischsprachige Länder, aber es gibt auch die Möglichkeit, in viele andere Länder zu reisen. Die Nachfrage bei den englischsprachigen Programmen ist natürlich stark und somit die Plätze rar. Deshalb habe ich mich von vornherein gegen solch ein Land entschieden. Europa war mir besonders lieb, da so die Chance bestand, dass ich öfter zurück in mein Gastland reisen oder dort auch arbeiten könnte. Weil ich den Süden Europas durch Urlaubsreisen bereits zu kennen glaubte, bewarb ich mich für Norwegen, Schweden, Dänemark, Island und Finnland. Für Finnland wurde ich dann auch ausgewählt. Dies habe ich nie bereut.
Inwiefern hat dir AFS bei der Vorbereitung auf das Schuljahr geholfen?
AFS organisiert Vorbereitungstreffen, bei denen man auf die Fremde vorbereitet wird und auch die Möglichkeit bekommt, die anderen Teilnehmer kennen zu lernen, die in das gleiche Gastland reisen. Außerdem stehen Ansprechpartner stets mit Rat und Tat zur Seite. Auch im Gastland hilft AFS mit persönlichen Kontaktpersonen und organisiert regelmäßig Treffen und Camps.
Es ist zwar schon länger her, aber erinnerst du dich noch an deine ersten Tage in Finnland? Was waren deine ersten Eindrücke?
Die ersten Tage habe ich sehr gemischt in Erinnerung. Zum einen weiß ich noch, dass das Wetter gut war und ich sehr gespannt und neugierig auf alles war. Andererseits habe ich mich etwas hilflos gefühlt, da mir meine erste Gastfamilie nicht wirklich viel Geborgenheit vermittelt hat. Aber die Familie habe ich dann auch nach 1,5 Monaten gewechselt.
Du hast also in Finnland bei einer Gastfamilie gewohnt?
Während des Finnland-Aufenthalts habe ich bei zwei Gastfamilien gewohnt. Die erste Familie wohnte in Ylistaro, die zweite Familie, bei der ich den Großteil des Jahres verbracht habe, in Vimpeli. In meiner zweiten Gastfamilie hatte ich vier Gastschwestern, die älteste war zur gleichen Zeit mit AFS in Österreich, die zweitälteste ist ein Jahr jünger als ich, die zweitjüngste ist fünf und die jüngste neun Jahre jünger als ich.
Warum hast während des Aufenthaltes die Gastfamilie gewechselt?
Die Familie habe ich gewechselt, weil ich mich dort nicht so wohl gefühlt habe. 1,5 Monate habe ich versucht, mich einzugewöhnen und anzupassen und auch zu erklären, womit ich Probleme habe. Dann habe ich gemerkt - auch wenn das immer unangenehm für alle ist -, dass es keinen Zweck hat und ich lieber früher als später die Familie wechsle. Und schließlich war es die richtige Entscheidung.
Man sollte in der Regel nicht zu früh aufgeben und immer zunächst das Gespräch suchen, aber keinem ist damit gedient, wenn man mit Bauchschmerzen und schlechten Gefühlen irgendwo ausharrt, wenn es einfach nicht klappt.
Bei meiner ersten Familie hatte ich das Gefühl, dass nicht alle Familienmitglieder aktiv dafür waren, einen Austauschschüler bei sich zu haben. Ich glaube, sie waren sich nicht über die Konsequenzen im Klaren. Sie haben mich teilweise einfach ignoriert oder erwartet, dass ich irgendwie funktioniere. Meine Gasteltern konnten kein Englisch und meine Gastschwester hatte manchmal einfach keine Lust zu übersetzen. Oft wurde irgendwie geredet und dann irgendetwas gemacht, ohne dass ich informiert wurde. Meine Gastmutter brachte auch manchmal jedem ihrer Kinder etwas vom Supermarkt mit - außer mir. Dazu kam, dass mein kleiner Bruder ziemlich gemein und das Haus sehr dreckig war. Einzeln betrachtet ist das vielleicht nicht zum Verzweifeln, aber wenn dann alles zusammenkommt ist das ziemlich zermürbend.
Der Wechsel ging relativ problemlos von Statten. Erst hätte eine Familie in Tampere, die ich kennen gelernt hatte und sehr mochte, mich gerne aufgenommen. Das ging aber nicht, weil man nur innerhalb seines eigenen Chapters wechseln durfte. Das wollte ich zunächst nicht einsehen. Ich konnte dann aber glücklicherweise in die Familie meiner Kontaktperson einziehen (AFS bietet eine sehr gute Betreuung). Erst wohnte ich dort auf Probe und als wir merkten, dass wir uns sehr gut verstanden, durfte ich ganz dort bleiben. Das war dann traumhaft. Eine rundum fantastische Familie, zu der ich noch immer Kontakt habe und die ich regelmäßig besuche. Ein Grund mehr, dass ich meine Entscheidung zu wechseln nie bereut habe.
Wie wurdest du denn von deinen finnischen Mitschülern aufgenommen?
Die Schulen in den Dörfern sind sehr klein und familiär. Jeder weiß, wer neu ist und jeder kennt die Austauschschüler. Die Lehrer sind zum allergrößten Teil aktiv hilfsbereit, meine erste Klasse hat sogar eine Willkommensfeier für mich organisiert.
Welche Unterschiede gibt es zwischen dem finnischen und deutschen Schulsystem?

Das Schulsystem ist in Finnland anders als in Deutschland. Ich hoffe, ich erinnere mich richtig. Ich kann leider nicht garantieren, dass sich seitdem nichts geändert hat. Die Grundschule (ala-aste) geht bis zur sechsten Klasse, ab da beginnt dann die weiterführende Schule (ylä-aste), von der siebten bis zur neunten Klasse. Diese Stufe ist für alle Schüler verpflichtend. Nach der neunten Klasse beginnt dann die dreijährige Oberstufe (lukio), die freiwillig besucht werden kann, wenn man eine Hochschulzugangsberechtigung erlangen möchte.
Meist (vor allem in größeren Städten) ist die Lukio in einem eigenen Gebäude, in kleineren Orten wie Vimpeli aber mit der Ylä-aste zusammengelegt. Das Schuljahr in Finnland ist auch nicht in Halbjahre, sondern in sechs Phasen aufgeteilt (wenn ich mich richtig erinnere).
Die Fächer besucht man in Kursen - ähnlich wie an der Uni. Man kann eine Phase Mathe haben, danach wieder aussetzen und dann Englisch machen. In der jeweiligen Phase kommt man deswegen intensiver voran. Bei der aussetzenden Phase verliert man dann aber gegebenenfalls wieder etwas den Bezug. Ich wusste bis zum Ende nicht, ob Kontinuität (wie in Deutschland) oder Intensität (wie in Finnland) die besseren Lernerfolge erzielt.
In den jüngeren Klassen (sieben bis neun) werden auch Hauswirtschaft, Nähen und Werken unterrichtet. Englisch gibt es schon in der Grundschule. Latein gilt als recht exotisch und wird meist in den kleineren Dörfern gar nicht angeboten. Meistens - je nachdem wie man sich die Kurse wählt - hat man bis nachmittags 16 Uhr Schule. Nachmittags finden dann noch Sportkurse und Ähnliches statt. Mittags gibt es überall kostenloses Mittagessen. Dafür gibt es eine Mittagspause von etwa einer Stunde.
Du warst nun mehrere Monate in Finnland. Welche kulturellen Unterschiede sind dir zwischen Finnland und Deutschland aufgefallen?
Natürlich gibt es Unterschiede, so wie man auch zwischen Nordrhein-Westfalen und Bayern und auch zwischen jedem anderen Bundesland Deutschlands schon unglaubliche Unterschiede ausmachen kann. Grundsätzlich hat Finnland aber eine westliche Kultur und muss einem nicht besonders exotisch vorkommen. H&M, Mac Donalds, Disko und Fernsehen zum Beispiel gibt es natürlich dort wie überall.
Was mir aufgefallen ist? Ich kann in dem Fall nur von meiner Situation sprechen. Ich habe ja in einem finnischen Dorf gelebt. Das Dorfleben unterscheidet sich aber auch in Deutschland stark vom Leben in der Stadt. Dazu muss ich natürlich sagen, dass in Finnland der Großteil der Bevölkerung auf dem Dorf lebt. Das Dorfleben ist vielleicht als besonders "typisch finnisch" zu bezeichnen. Aber auch das will ich eigentlich nicht verallgemeinern. Es gibt, wenn man länger in Finnland lebt, natürlich viele kleine Besonderheiten, die einem auffallen. Das Essen, die Gastfreundschaft, das Kommunikationsverhalten sowie der Mentalität der Leute unterscheidet sich von Deutschland.
Allgemein ist mir natürlich die Vorliebe für die Sauna auffallen und der - in ganz Skandinavien verbreitete - besondere Umgang mit dem Alkohol. Die Finnen trinken nicht oft, aber wenn, dann viel.
Was hast du während deines Finnland-Aufenthaltes am meisten vermisst?
Wenn man befristet irgendwo ist, freut man sich eigentlich mehr über die Dinge, die man sonst nicht hat, als dass man denen hinterher weint, die im Gastland fehlen. Ich glaube, mein größtes Problem war, dass es dort auf den Dörfern zu wenige kulturelle Angebote gab. In dieser Beziehung bin ich schon eher der Großstadtmensch. Das nächste Theater war etwa 100 Km weit entfernt. Museen, Kneipen und Cafés, die eine jugendliche Zielgruppe angesprochen hätten, gab es auch keine. Dazu kommt, dass man auf dem Dorf, was die Mobilität betrifft, ohne ein eigenes Auto sehr eingeschränkt ist. Und selbst mit einem Auto wird es teuer und mühsam. Busse fahren nur vereinzelt, denn es besteht auch kaum eine Nachfrage. Auch der nächste größere Bahnhof ist von Vimpeli rund 100 Km entfernt.
Aber das alles ist natürlich in den größeren Städten, die wegen der Universitäten auch studentisches Publikum haben, kein Problem. Tampere, Turku, Jyväskylä oder Rovaniemi und nicht zuletzt Helsinki sind Universitätsstädte und bieten alles, was man als Student braucht, auch wenn sie selbst jeweils nicht übermäßig groß sind. Helsinki als Hauptstadt hat etwa 500 000 Einwohner, Tampere und Turku etwa 250 000. Man sollte aber berücksichtigen, dass Finnland ein Land ist, das zu einem Großteil durch das ländliche Leben gekennzeichnet ist. Beschränkt man sich ausschließlich auf Helsinki und das bunte Leben dort, so wird einem sicherlich ein wichtiger Charakterzug des Landes verborgen bleiben.
Du warst also recht eingeschränkt, was Freizeitaktivitäten betraf. Was hast du denn in deiner Freizeit unternommen?
Nicht zuletzt wegen der großen Distanzen zwischen den Wohnorten war ich in meiner Freizeit wenig mit gleichaltrigen Mitschülern zusammen, sondern mehr mit meiner Gastfamilie. Aber das kann auch stark von der eigenen Persönlichkeit, Wohnort und anderen Umständen abhängen.
Kannst du uns etwas über typisch finnisches Essen erzählen?
Typisch finnisches Essen gibt es tatsächlich. Und im Allgemeinen ist das Essen nicht das, was wir als ausgesprochen delikat bezeichnen würden. Zu Weihnachten gibt es zwar auch ‚Delikatessen’, aber im Gegensatz zu Frankreich oder Italien gehören die skandinavischen Länder nicht zu denen, mit einer berühmten Esskultur. Mir hat es trotzdem immer gut geschmeckt. Es gibt immer reichlich und oft.
Wo immer man zu Besuch ist, wird einem Kaffee, Kuchen und Snacks angeboten. In Finnland isst man oft fünf Malzeiten täglich: Frühstück (8.00 Uhr), Lunch in der Schule (11.00-12.00 Uhr), Zwischenmahlzeit (14.00 Uhr), Hauptmahlzeit (16.00-17.00 Uhr) und wenn die Familie gemeinsam zu Hause ist gibt es Abendbrot (20.00-21.00 Uhr). Es gibt Butterbrote mit Käse und Gurke oder Tomate, die einen herrlichen säuerlichen Roggengeschmack haben. Als Hauptmalzeit gab es oft Gerichte, die in ganz Finnland bekannt sind und eigentlich überall gleich schmecken: Nudelauflauf, Fischsuppe, Kartoffeln mit Fleischklößchen, Erbsensuppe. Das alles sind die Gerichte, die man auch in der Schule regelmäßig zu essen bekommt. Als Vegetarier hat man es vielleicht schwerer als in Deutschland, aber mittlerweile ist auch dies immer mehr und mehr verbreitet.
Wie bist du denn mit den sprachlichen Barrieren zurecht gekommen?
Die sprachlichen Barrieren waren nicht sehr groß. Mit Englisch kommt man eigentlich gut zurecht. Will man aber besseren Kontakt zu den Finnen bekommen, ist es immer gut, auch Finnisch zu können. Oft wird einem dann mit größerer Offenheit begegnet. Vor allem die älteren Menschen scheuen sich meist, eine Fremdsprache zu gebrauchen, auch wenn viele sie sehr gut beherrschen. Ältere Leute aus der Großeltern-Generation können oft auch Deutsch.
Ich habe versucht, Finnisch zu lernen und glaube auch, es einigermaßen geschafft zu haben. Das ist sehr schwer, aber machbar. Man muss allerdings so früh wie möglich auf Englisch verzichten, auch wenn es mühevoll ist und oft die Sache komplizierter macht. In einer Gastfamilie, in der rund um die Uhr Finnisch gesprochen wird, ist es im Verlauf eines Jahres durchaus möglich, gut Finnisch zu lernen.
Warst du seit deinem Schuljahr in Finnland noch einmal im Land? Möchtest du noch einmal nach Finnland?
Seit meinem Aufenthalt war ich noch viele Male in Finnland. Anfangs sogar zwei Mal pro Jahr, mittlerweile leider nur noch eher ein Mal im Jahr oder weniger. Zum Glück gibt es durch Ryan-Air jetzt billige Flüge und es lohnt sich auch für eine Woche hinzufliegen.
Ich werde sicherlich mein Leben lang Finnland als eine Art zweite Heimat begreifen und mich dort auf eine Weise immer ein bisschen zu Hause fühlen. Gerne würde ich dort auch später leben und arbeiten. Wer weiß, ob sich in meinem Beruf einmal die Möglichkeit ergibt.
Danke für dieses interessante Gespräch!
Von Julia von der Heyden


