Praktikum beim Weihnachtsmann in Finnland
Für angehende Dolmetscher sind Praktika im Ausland unabdinglich. Claudia macht derzeit eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin in Berlin. Ihr Praktikum absolvierte die 21-Jährige – so ungewöhnlich es klingt – im Hauptpostamt des Weihnachtsmannes in Rovaniemi, einer finnischen Provinz in Lappland. Welche Eindrücke Claudia vom 31. Juli bis 02. September 2007 am Polarkreis gesammelt hat, und welche Aufgaben sie als Weihnachtswichtel zu erledigen hatte, erzählt die angehende Fremdsprachenkorrespondentin Stellenboersen.de im Interview.
Worin bestand deine Motivation, ein Praktikum in Finnland zu absolvieren?
Ich habe mich für einen Auslandsaufenthalt entschieden, weil ich einfach mal eine längere Zeit ins Ausland wollte. Ich mache derzeit eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und wollte meine Englisch-Kenntnisse anwenden. Auch wenn die offizielle Sprache in Finnland Finnisch ist, in meinem Praktikumsbetrieb – und in vielen anderen Unternehmen – wird Englisch gesprochen. Das Praktikum wurde mir von meiner Schule angeboten. Die Organisationen Xarxa (Städtebund) und Leonardo sind daran gekoppelt.
Musstest du dich dennoch für diese Stelle in Finnland bewerben?
Ich musste bis Dezember 2006 eine Bewerbung für diesen Praktikumsplatz eingereicht haben. Dazu gehörte mein Lebenslauf in Deutsch und Englisch. Außerdem musste ich ein Motivations-/ Bewerbungsschreiben in Deutsch und Englisch formulieren.
Im Anschluss daran folgten dann die Bewerbungsgespräche mit einer Lehrerin unserer Schule (Friedrich-List-Schule), die für die Organisation der Auslandspraktika verantwortlich ist.
Wir hatten auch so genannte Xarxa-Treffen, bei denen alle Schüler unserer Schule zusammen kamen und Informationen über den Ablauf des Praktikums erhielten. Bei diesen Treffen mussten wir auch Vorträge über unser Zielland halten. Das war eine gute Möglichkeit andere Finnland-Praktikanten kennen zu lernen.
Warum hast du dich bei der Länderwahl schließlich für Finnland entschieden?
Ich mag Finnland schon eine ganze Weile. Angefangen hat es mit meiner Begeisterung für die Band HIM, die aus Finnland stammt. Ich habe angefangen mich dann auch für dieses Land zu interessieren und wollte unbedingt mal eine längere Zeit dort verbringen. Das hat ja dann schließlich auch geklappt.
Inwiefern unterstützten dich das Förderprogramm Leonardo und die Organisation Xarxa bei diesem Aufenthalt?
Leonardo hat mir sozusagen einen Vorschuss gegeben, so dass ich die Kosten für die Anreise sowie die ersten Aufenthaltskosten zahlen konnte.
Gegen Ende des Praktikums musste ich dann eine Reisekosten- und Aufenthaltskostenabrechnung machen - 75% davon werden mir zurückgezahlt, sofern sie anrechenbar sind.
Was genau von Xarxa und was von Leonardo kommt, weiß ich leider nicht genau.
Wie wichtig schätzt du diese Xarxa-Treffen vor Reisebeginn ein?
Die Xarxa-Treffen schätze ich als wichtig ein: Die Teilnehmer bekommen alle möglichen Informationen, um sich im Ausland zu Recht zu finden.Durch die Vorträge über die Zielländer weiß man dann schon ein bisschen über sein Land Bescheid.
Dennoch hatte ich manchmal auch das Gefühl, nicht bestens über den Ablauf bzw. alle Formalitäten des Praktikums informiert worden zu sein. Es lief meistens etwas hektisch ab. Durch die vielen Vorträge kamen wir oft nicht dazu, alles genauestens zu besprechen.
Ein Praktikum im Hauptpostamt des Weihnachtsmannes klingt sehr spannend. Was genau waren denn dort deine Aufgaben?
In erster Linie musste ich Kunden Auskunft geben. Die Menschen waren immer wieder neugierig, was ein Postwichtel oder speziell ein deutscher Praktikant in Finnland macht. Häufig machten sie auch Fotos von dem Laden und uns Wichteln.
Meine Hauptaufgabe war das Sortieren der Post. Es gibt zwei verschiedene Briefkästen (und über das ganze Weihnachtsmanndorf noch vier weitere), welche ich regelmäßig leeren durfte. Dann habe ich die Post nach Ländern sortiert. Oftmals habe ich auch Karten gefaltet und eingetütet, oder ich habe Briefpapiersets zusammengestellt und diese mit Preisen versehen.
Auch wenn diese Arbeit nicht allzu anspruchsvoll war, so kam ich doch häufig mit Kunden ins Gespräch und es wurde nie langweilig.
Manchmal habe ich auch Aufgaben am PC erledigt: Ich habe dann Adressen in eine Maske eingegeben, wenn Kunden Briefe vom Weihnachtsmann bestellt haben. Diese werden dann an Weihnachten an die entsprechende Adresse versandt.
Ganz selten habe ich auch Übersetzungen vom Englischen ins Deutsche am PC gemacht oder Internet-Recherche betrieben.
Für alle, die es sich nicht vorstellen können: Beschreib uns doch mal deinen Arbeitsplatz, das Hauptpostamt des Weihnachtsmannes?

Das Hauptpostamt des Weihnachtsmannes besteht aus einem Shop, der circa 80 Quadratmeter groß ist. In diesem können Souvenirs, Postkarten, Pakete, Briefmarken und viele andere typische Postartikel erworben werden. Die Kunden kaufen hier für gewöhnlich Postkarten und Briefmarken und schreiben ihre Karten im Geschäft.
Das ganze Jahr über kommen viele Touristen aus der ganzen Welt, um den Weihnachtsmann zu besuchen.
Zum Postamt gehört ebenfalls ein Wichtelturm, wo die Briefe und Geschenke, die der Weihnachtsmann aus aller Welt erhalten hat, ausgestellt sind. In der Weihnachtszeit wird der Turm für Touristen zugänglich gemacht, damit diese sich ein Bild davon machen können, was die Menschen alles schicken.
In der Frühlingszeit beantworten die Wichtel die Briefe, die an den Weihnachtsmann gerichtet sind.
Die Kleidung der Mitarbeiter ist sehr speziell: Um das Aussehen eines Wichtels zu erlangen, trägt man eine rote Latzhose, einen roten Pulli und einen roten Zipfelhut.
Was kommen denn für Briefe in diesem Postamt an? Wunschzettel?
Der Weihnachtsmann erhält das ganze Jahr über Post aus aller Welt: Wunschzettel von Kindern oder auch von Leuten, die sich noch immer für den Weihnachtsmann begeistern können.
Oft werden auch Geschenke wie Schnuller, Süßigkeiten oder Kuscheltiere an den Weihnachtsmann geschick
Es war dein Wunsch, Finnland besser kennen zu lernen. Ist dir das gelungen? Was sind deine Eindrücke vom Land?
Ja, ich wollte schon immer mal den Norden Finnlands kennen lernen. Meine Erwartungen haben sich bestätigt: Finnland ist ein tolles Land!
Die Menschen sind sehr nett und aufgeschlossen gegenüber fremden Leuten. Besonders meine Arbeitskollegen haben mich sehr nett aufgenommen und auch außerhalb der Arbeit etwas mit mir unternommen. Die Menschen sind viel ausgeglichener als in Deutschland (speziell Berlin). In Finnland nimmt man sich die Zeit, die man braucht.
Das Land an sich gefällt mir auch sehr: Ich mag die Natur, die Ruhe und die Rentiere. Ich würde rnso schnell wie möglich wieder zurückkehren!
Hatte es eigentlich einen Grund, warum du gerade in den Norden des Landes, also nach Lappland, wolltest?

Von Xarxa wurden die finnischen Städte Pargas, Kuopio und Rovaniemi angeboten. Ich wollte am liebsten nach Rovaniemi, weil ich schon immer mal nach Lappland wollte und schon viel von der Stadt bzw. dem Weihnachtsmann gehört hatte. Außerdem wollte ich Rentiere in freier Wildbahn sehen.
Wurdest du denn für deine Arbeit als Postwichtel bezahlt?
Nein, aber ich konnte jeden Mittag kostenlos in einem Restaurant essen und Kaffee sowie andere Getränke zu mir nehmen.
Wo hast du während des Praktikums gewohnt?
Ich habe mit vier anderen Mädchen meiner Schule am Rand von Rovaniemi, in einem Studentenapartment, gewohnt. Wir hatten drei Schlafzimmer mit jeweils zwei Betten. Das Apartment war sehr günstig, nicht allzu gemütlich, aber zweckmäßig.
Welche Erwartungen hattest du vor deiner Reise an diesen Aufenthalt?
Ich bin mit den Erwartungen nach Finnland gegangen, die Gegend und vor allem die Menschen sowie deren Kultur kennen zu lernen. Außerdem wollte ich mein Englisch anwenden und selbstständiger werden. Alle diese Erwartungen konnte ich erfüllen und darauf bin ich stolz!
Du hast es ja bereits erwähnt, du möchtest ganz schnell wieder nach Finnland. Gibt es da schon konkrete Pläne?
Es gibt die Überlegung, dass ich diesen Winter oder nächstes Jahr wieder nach Rovaniemi fahre, um die Leute dort zu besuchen und in Erinnerungen zu schwelgen. Ich habe auch darüber nachgedacht, ein Jahr in Finnland zu studieren. Aber das steht noch nicht fest.
Von Julia von der Heyden


