Studieren im estnischen Tartu - Urig und sehr modern
Tartu, die zweitgrößte Stadt Estlands, bietet Studenten moderne Technologie und eine behaglich traditionelle Atmosphäre. Drei Deutsche aus Bremen und Dortmund berichten über ihren Studienaufenthalt in der ältesten Universitätsstadt des Landes.
„Als ich das erste Mal in den Bus von Tallinn nach Tartu gestiegen bin, habe ich mich schon sehr gewundert. Es gab tatsächlich eine freie WLAN-Verbindung. Aber nach drei Monaten in Estland weiß ich: Hier kann man fast überall im Internet surfen und zwar meist, ohne zu zahlen. Da ist Deutschland wirklich Jahre zurück“, sagt Simon Temps. Der 24jährige studiert im Bachelor-Studiengang Politikmanagement an der Hochschule Bremen und verbringt ein halbes Jahr als Austauschstudent in der estnischen Universitätsstadt Tartu.
Die Esten sind führend in Europa, wenn es um die Integration von IT-Technologie ins Alltagsleben geht. Bei den Parlamentswahlen kann man seine Stimme online abgeben und das Recht auf einen individuellen Zugang zum Internet ist in der Verfassung fixiert. Diese Rahmenbedingungen in Estland hat das Unternehmen „Skype Technologies“ früh erkannt und sich in der Hauptstadt Tallinn niedergelassen.
Und so verwundert es auch nicht, dass die Graduierungsfeiern in der Aula der altehrwürdigen, 1632 gegründeten Universität Tartu nicht nur über Videokameras auf den Vorplatz übertragen werden, sondern auch als Livestream im Internet abrufbar sind. Das „International Office“ der Universität pflegt neben einem Blog für ausländische Studierende schon lange eine aktive Facebook-Seite und am besten erreicht man die Studienberater via Skype und nicht übers Telefon.
Aller Technologie zum Trotz, wird der persönliche Kontakt an der größten Universität des Landes groß geschrieben „Ich fühle mich hier sehr herzlich willkommen und gut betreut“, sagt die deutsche Kulturwissenschaftlerin Hanne Ermann. Die 22jährige ist als Erasmus-Studentin in Tartu. „Estland gilt ja in Deutschland häufig noch als wenig entwickelt und unmodern. Das ist ein unsinniges Vorurteil. Wenn wir über modernes Studieren sprechen, dann ist die Uni Tartu international weit vorn.“
In den Rankings zu Qualität in Lehre und Forschung, kann sich Tartu tatsächlich international behaupten. Im „Times Higher Education Ranking 2009“ landete die estnische Universität unter den besten fünf Prozent aller Hochschulen weltweit.
Daher zieht es ausländische Studierende oft nicht nur für ein kurzes Auslandssemester nach Tartu, sondern auch zum Masterstudium. Eine von ihnen ist die Bremerin Annika Bostelmann. Die Masterstudentin hat ihren Bachelor in „Baltic Studies“ an der Universität Bremen gemacht und kannte Tartu bereits durch einen Studienaufenthalt.
„Hier wird viel für die Studenten getan“, sagt die 23jährige, die gerade von einem wissenschaftlichen Symposium an der Humboldt-Universität in Berlin zurückgekehrt ist. „Die Uni Tartu hat mich bei dieser Reise finanziell unterstützt. Es war sehr wichtig für meine Masterarbeit, dass ich dort teilnehmen konnte.“
Die Bremerin arbeitet gerade an ihrer Abschlussarbeit über „Energie und Sicherheit in Estland“. Als Masterstudentin schätzt sie es, sich hier voll und ganz auf ihr Studium konzentrieren zu können. „Baltic Studies“, sagt Annika, „studiert man hier in kleinen Gruppen und mit engem Kontakt zu den Dozenten.“
Für die Masterstudenten und auch für die Studenten, die nicht im Erasmus Programm registriert sind, fallen Studiengebühren an. Der Politikwissenschaftler Simon Temps zahlt während seines Aufenthaltes für das Kursangebot. „Meine monatlichen Ausgaben sind dennoch geringer als in Deutschland. Das kommt durch die niedrigen Mieten und Lebenshaltungskosten hier. Und das, obwohl ich sicher etwas häufiger in Kneipen und Cafés bin als in Bremen“, sagt Simon mit einem Lächeln.
Die Atmosphäre in der mit 100 000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Estlands gefällt der Dortmunderin Hanne Ermann besonders gut. „Nach zwei Wochen bin ich über den Marktplatz geschlendert und habe dann sofort rechts und links Kommilitonen getroffen. Hallo hier und hallo da – so, als wenn ich zu Hause wäre. Hier lernt man sich schnell kennen.“
In Tartu leben fast 20 000 Studenten und die Stadt bietet ein reiches Angebot für Nachtschwärmer. Neben traditionellen Kneipen wie dem „Püssirohu Kelder“, mit dem mutmaßlich höchsten Schankraum Europas, gibt es eine Menge versteckter Bars und Nachtclubs. Simon und Hanne schwören auf den „Genialistide Klubi“ eine kleine Bar mit Tanzfläche, „die eingerichtet ist wie Omas Wohnzimmer.“
Die internationale Studentengemeinde in Tartu ist vergleichsweise groß. In diesem Jahr reihen sich immerhin 52 Deutsche in die Gruppe der mehr als 700 ausländischen Master- und Erasmusstudenten. „Englisch wird von fast allen jungen Leuten in Tartu gesprochen. Nur auf dem Markt, da gibt es manchmal Probleme“, sagt Simon. „Dann können wir unser Estnisch aus dem Sprachkurs testen.“
Die drei Deutschen sind sehr zufrieden mit der Wahl ihres Studienortes – gerade, weil er etwas abseits der bekannten Pfade liegt. Und Simon muss oft an seinen Schüleraufenthalt vor einigen Jahren in Estland denken. „Ich habe bei einer Gastfamilie gewohnt. Die hatten ein modernes Haus und eine neue Einbauküche, auf der die Mutter jeden Tag kochte. Daneben stand tatsächlich noch ein Holzofen, den die Oma immer benutzt hat. So sehe ich Tartu auch heute. Es ist sehr modern und urig-traditionell zugleich.“
Mehr Informationen zur Universität Tartu finden Sie auf: http://www.ut.ee/
(Quelle: Universität Tartu, Estland, 15.06.2011)


