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Auslandssemester in Tartu, Estland

Estland: Wie spricht man das eigentlich aus? Ästland? Eestland? Wo genau liegt dieses Land, das etwas kleiner ist als Niedersachsen, eigentlich? Und welche Sprache sprechen Ästen, beziehungsweise Eesten? Eine sehr schwere, wie ich nach meinem spontanen Entschluss, in diesem kleinen Land im Baltikum zu studieren, feststellen musste. Verzweifelt wünschte ich mich so manches Mal zum Auslandssemester in die deutschsprachige Schweiz oder nach Österreich, wenn ich versuchte, einen der 14 Fälle des Ästnischen (oder Eestnischen?) zu verstehen. Trotzdem konnte ich mich nach dem milden Wintersemester 2006/07 mit ganzen –10°C kaum von diesem Land und seinen zunächst zurückhaltend wirkenden Einwohnern trennen.

Auslandssemester in Tartu, Estland

Mein Studium an der Universität von Tartu begann mit der

Anreise nach Tallinn, der estnischen Hauptstadt. Von Berlin aus gehen regelmäßig easyjet Flüge ab etwa 30 Euro in die „dänische Stadt“ (Übersetzung von Tallinn). Nach einer zweieinhalbstündigen Odyssee zu Fuß durch die Innenstadt mit einem 20 Kilo schweren Koffer, Handgepäck und Laptoptasche, fand ich endlich den Busbahnhof. Weitere zweieinhalb Stunden dauert die Busfahrt in die Universitätsstadt Tartu mit etwa 15.000 Studenten. Estland ist wirklich kein teures Land. Ich empfehle jedem, ein Taxi vom Flughafen zum Busbahnhof zu nehmen. In Tartu angekommen sah ich mich in meiner

Unterkunft mit einer estnischen Hausmeisterin konfrontiert. Frau Nahksep konnte neben Estnisch wahrscheinlich nur Russisch. Glücklicherweise war meistens jemand zum Dolmetschen da. Viele Esten sprechen fließend Englisch oder Deutsch. Ich wohnte in einem Haus, das einer Kirche in Tartu gehört. Ein Zimmer dort wird seit Kurzem Göttinger Theologie-Studenten kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Vergleich zu Wohnungen anderer Studenten in Tartu ist die Unterkunft sehr luxuriös. Meine beiden estnischen Mitbewohner und ich hatten jeweils ein Zimmer für uns allein, was keine Selbstverständlichkeit ist. Das Haus ist zwar sehr hellhörig, doch so konnte ich auf einen Wecker verzichten. Jeden Morgen wurde ich von lieblichen Kinderstimmen geweckt, die estnische Kinderlieder trällerten. Das geräumige Wohnzimmer wird von einer Musiklehrerin genutzt und zu Semesterende konnte ich die Lieder sehr gut mitsingen. Die anderen Erasmus-Studenten wohnten im Raatuse-Wohnheim. Die Miete beträgt etwa 70 Euro im Monat für einen Platz in einem möblierten Doppelzimmer mit Internet. Dort leben zwar auch estnische Studenten, doch es gibt einen separaten Erasmus-Flur. Die Sechser-WGs auf diesem Flur werden leider weitgehend nach Ländern aufgeteilt. So wohnt man als Deutscher mit Deutschen zusammen, was es schwerer macht, Esten kennenzulernen.

Auslandssemester in Estland

Die estnische Kultur und das zurückhaltende Gemüt dieser Balten sind kein Hindernis, sondern eine Herausforderung, estnische Studenten kennenzulernen. Spätestens beim zweiten Siider (eine alkoholhaltige Limonade) sprechen sowieso fast alle Esten Deutsch. In Estland kann man deutsches Fernsehen empfangen und viele meiner estnischen Kommilitonen lernten als Kinder Deutsch, zum Beispiel über Cartoons bei Pro7, bevor sie in der Schule Deutschunterricht hatten. Das erleichtert die Kommunikation ungemein, denn

die estnische Sprache ist, wie erwähnt, sehr schwer. Die Universität bietet Anfängerkurse und Intensivkurse für ausländische Studenten an. Am Anfang des Semesters veranstaltet das Erasmus-Büro außerdem ein Tandem-Treffen. Dort kann man einen estnischen Tandem-Partner finden. Fließend kann man das mit dem Finnischen verwandte Estnisch nach einem Semester nicht sprechen. Doch ich war jedes Mal unglaublich stolz auf mich, wenn ich eine kleine Unterhaltung mit meiner estnischen Hausmeisterin führen konnte. Für die

Studieren in Estland

Universität ist es nicht nötig, estnisch zu sprechen. Kurse für ausländische Studenten werden auf Englisch gehalten. Besonders gut kann man in Tartu als Austauschstudent Geschichte und Politik studieren. Das Angebot ist vielfältig und anspruchsvoll. Mir wurde zwar versichert, dass es auch theologische Veranstaltungen auf Englisch gäbe, das Angebot beschränkte sich allerdings auf eine Vorlesung. Ich konnte mich aber selbstständig auf Prüfungen vorbereiten, in denen ich auf Deutsch geprüft wurde, denn alle Angestellten der theologischen Fakultät sprechen auch Deutsch.

Reisen ist in Estland einfach und günstig. In einem Semester kann man das kleine Land dank der sehr guten Busverbindungen kennenlernen. Auch nach Riga und Vilnius fahren von Tartu aus Busse. Besonders für die Busfahrten aber auch für Museumsbesuche, Buchhandlungen und andere Geschäfte empfehle ich den Internationalen Studentenausweis (ISIC). Der Ausweis kostet 10 Euro und wird von jeder Universität ausgestellt. Studenten bekommen in Estland viele Vergünstigungen.

Auslandssemester in Tartu, Estland

Nach einem Semester in der 113.000 Einwohner großen Universitätsstadt Tartu kann und muss ich ein großartiges

Fazit ziehen. Besonders für mich als Orientierungslegastenikerin war es die beste Entscheidung, eine kleine Stadt zu wählen, die nicht viele Möglichkeiten bietet, sich zu verlaufen. Außerdem trifft man so ständig nette Bekannte in der Stadt, mit denen man in eines der vielen netten Cafés oder Kneipen gehen kann. Bei einem Preis von 1,50 Euro für einen Milchkaffee und 2 Euro für einen halben Liter Bier stößt man besonders gerne und oft an. „Terviseks“ heißt Prost. Und wenn ihr den folgenden Spruch dazu verstehen wollt, dann macht ein Auslandssemester in Tartu, ihr werdet es nicht bereuen: „Tervis sulle, Sex mulle!“

Weitere Informationen über Tartu und die Universität findet ihr im Internet unter www.tartu.ee und www.ut.ee.

Von Eva Klassen

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