Erfahrungsbericht eines Workcamps in Santo Domingo, Ecuador, Südamerika
Meine Motivation ein Praktikum im Ausland zu machen rührte daher, dass ich vor allem eines wollte: In kurzer Zeit viel Spanisch lernen. Im Rahmen meines Lehramtsstudiums (Spanisch, Werte und Normen) ist ein Sozial- oder Betriebspraktikum von vier Wochen obligatorisch. Da uns im Studium immer wieder die Vielfalt der spanischen Sprache aufgezeigt wurde, stand für mich fest, dass die Reise über die Iberische Halbinsel hinaus gehen sollte: Soziales Engagement zeigen und Spanisch lernen in Ecuador lautete der Entschluss.
Während meiner Recherchen stoß ich im Internet auf die Organisation „Kolping Jugendgemeinschaftsdienste“, welche ihre Teilnehmer an gemeinnützige Projekte in aller Welt weitervermitteln und einen Großteil der Vorbereitungen organisieren. Ausschlaggebend waren folgende von ihnen angebotene Leistungen: das Kennenlernen der anderen Teilnehmer in einem Vorbereitungsseminar, Organisation von Versicherung, Flug, Unterkunft und Verpflegung sowie das Angebot eines einwöchigen Sprachkurses.
Als eine bereits an dem Kennenlern-Wochenende zusammengerückte Truppe von acht Mädchen machten wir uns also auf. Nach einer Woche Sprachkurs in Quito, der Hauptstadt Ecuadors, in der wir in Kleingruppen (2-3 Personen) unserem Sprachniveau entsprechend täglich fünf Stunden Spanisch lernten, fuhren wir nach Santo Domingo de los Colorados.
Dort wurde 1990 von der deutschen Schwester Claudia Fischer das Kinderdorf "Valle Feliz" (´glückliches Tal´) gegründet und aufgebaut. Das Kinderheim, gleichzeitig -hort, fasst ca. 70 Kinder im Alter von 1-15 Jahren. Hinzu kommen acht Jugendliche im Alter von 15-21 Jahren, welche im separaten Jugendhaus untergebracht sind. Auch um die Betreuung dieser Schülerinnen, Auszubildenden oder Studentinnen ist man hier sehr bemüht. Während diese für ihre Mahlzeiten und die Sauberkeit ihres Hauses selbstverantwortlich sind, sind die Kinder auf insgesamt vier geräumige Häuser verteilt, in denen sie jeweils mit einer einheimischen Hausmutter leben. Ein bis zwei Küchenhilfen pro Haus, Gärtner, Hausmeister, Wächter, eine Sozialarbeiterin und eine Psychologin gehören zum Team. Neben Halb- und Vollwaisen leben hier Kinder, deren Eltern sich nicht ausreichend kümmern wollen oder können. Auch behinderte Kinder finden im Valle Feliz Zuflucht.
Die Aufgabe der Einrichtung besteht nun darin, diesen Kindern, die z.T. verwahrlost und unterernährt ins Heim kommen, ein familiäres Zusammenleben zu ermöglichen. Für Ernährung, Kleidung, Kindergarten- und Schulkosten, Bezahlung des Personals ärztliche Versorgung und für die Erhaltung und Pflege aller Einrichtungen muss Señora Claudia selbst aufkommen. D.h. die Einrichtungen finanziert sich überwiegend aus Spendengeldern.
Die Aufgaben, die ich während meines Praktikums im Ausland wahrgenommen habe, bestanden primär darin, mich mit den Kindern zu beschäftigen: erstens sie zu beaufsichtigen und zweitens mit ihnen zu spielen. Insbesondere der Arbeit mit den Kleineren kam eine bedeutende Rolle zu. Darüber hinaus sollte während unserer Anwesenheit den Kindern der Heimalltag abwechslungsreicher gestaltet werden. Deshalb suchten wir nach Ideen für Spiele und andere Programmpunkte hinsichtlich des jährlichen Kinderdorffestes. Auch die Verschönerung sowohl der Inneneinrichtung der einzelnen Häuser als auch die Instandhaltung der Garten- und Spielplatzgeräte/-möbel gehörten zu unseren Aufgaben.
Das Praktikum in Ecuador hat meinen Horizont insofern erweitert, als dass es schön ist, zu sehen, mit welcher Freude die Kinder dort ihren Alltag leben und mit wie viel Motivation sie zur Schule gehen. Für sie stellt der Schulbesuch ein Geschenk dar, ebenso wie ihr Zuhause im Valle Feliz. Die beobachtete Gruppendynamik spiegelt sich darin wieder, dass die Heimkinder erstaunlich gut teilen können und die Älteren den Jüngeren wie selbstverständlich helfen. Das gemeinsame Einnehmen der Mahlzeiten mit Tischgebet vor und nach dem Essen bietet die Gelegenheit, bestimmte Dinge mit allen zu besprechen.
Dennoch verlief die soziale Begegnung nicht immer unproblematisch. So wurde beispielsweise eines Abends ein ca. 9jähriges Mädchen mit Down-Syndrom von der Polizei ins Heim gebracht. Ihr auffällig aggressives Verhalten und ihre anreizenden Bewegungen, welche einen sexuellen Missbrauch vermuten lassen könnten, erschwerten die durch ihre Behinderung ohnehin komplizierte Verständigung. Auch wenn durch Pepe, den Tanzlehrer des Valle Feliz, das Mädchen noch in der Nacht beruhigt werden konnte, musste sie primär aufgrund ihrer Aggressivität am nächsten Tag wieder von der Polizei abgeholt werden.
Nach dem vierwöchigen Praktikum hatte ich noch eine Woche, um ein paar weitere Facetten Ecuadors zu erkunden: So besuchte ich u.a. Baños, einen der wichtigsten Wallfahrtsorte in Ecuador, der für seine schwefelhaltigen heißen Quellen und zahlreiche Wasserfälle bekannt ist. Auch ein paar Tage an der Pazifikküste in dem Ort Pedernales wollte ich mir nicht entgehen lassen. Nachhaltig in Erinnerung geblieben ist auch der Tag im Tropischen Regenwald (Ausgangspunkt ist die Stadt Tena). Zu erwähnen sind außerdem die Fahrt zum Cotopaxi, dem höchste aktive Vulkan der Erde (5897 m) und der Ausflug nach Otavalo mit seinem farbenfrohen Markt, auf dem die ´Indígenas´ alles, und wirklich alles, anbieten, was das Herz eines Touristen begehrt.
Insgesamt wurden meine Erwartungen an das Praktikum übertroffen. Der lebendige Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen brachte einen tiefen Einblick in die ecuadorianische Kultur und forderte und förderte das Spanischlernen. Die Angst einfach einmal zu sprechen ging hierdurch und durch den einwöchigen Besuch der Sprachschule in Quito verloren.
Von Svenja Roeder


