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Austausch in Ecuador: Meerschweinchen konnte ich einfach nicht essen!

Claudia wollte während ihrer Schulzeit unbedingt ins Ausland. Ein High-School-Jahr in den Vereinigten Staaten kam für sie allerdings nicht in Frage. Daher hat sie sich bei AFS für ein Austauschjahr in Südamerika beworben. Von September 2000 bis Mai 2001 verbrachte die heutige Pädagogikstudentin ihre Schulzeit in Riobamba, Ecuador. Stellenboersen.de wollte von Claudia alles über ihren Auslandsaufenthalt und die ecuadorianische Kultur erfahren.

Austausch in Ecuador: Meerschweinchen konnte ich einfach nicht essen!

Ein High-School-Year in den USA ist heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr. Du hast fast ein ganzes Schuljahr in Ecuador verbracht. Aber warum gerade ein südamerikanisches Land?

Eines stand für mich fest: Ich wollte einen einjährigen Schüleraustausch in einem Land absolvieren, das möglichst weit von Deutschland weg ist. Das hatte nichts damit zu tun, dass ich mich in Deutschland nicht wohl fühlte. Ich wollte einfach eine ganz andere Kultur kennen lernen.

Dass daraus schließlich Ecuador wurde, war eher ein Zufall. Ich wusste nur, ich wollte in ein südamerikanisches Land, in dem es zu diesem Zeitpunkt keine (politischen) Unruhen gab. Mein Wunschland war Argentinien – Ecuador war mein Zweitwunsch.

Hast du dich dann an eine Organisation gewandt?

Ja, ich habe mich dann nach einer Organisation umgeschaut, die solche Auslandsaufenthalte anbietet. Da meine damalige Englisch-Lehrerin Mitglied einer solchen Organisation (AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.) war und ich nur Positives über diesen Verein gehört hatte, entschied ich, mich dort um einen Platz zu bewerben. Nachdem ich einige Auswahlgespräche sowie Vorbereitungskurse hinter mich gebracht hatte, bekam ich dann die Zusage für Ecuador.

Wie alt warst du zu diesem Zeitpunkt?

Damals war ich sechzehn, also noch relativ jung. Dennoch, es war für mich eine lange geplante und gut durchdachte Angelegenheit.

Wie gut bist du mit den sprachlichen Barrieren in Ecuador zurecht gekommen? Oh ja, die sprachlichen Barrieren: Leider habe ich in Deutschland nicht die Notwendigkeit gesehen, Spanisch zu lernen. Ich habe mich auf meine Englisch-Kenntnisse verlassen. In Ecuador angekommen, musste ich allerdings sehr schnell feststellen, dass ich mit Englisch nicht besonders weit komme. Somit habe ich mir die Anfangszeit zusätzlich erschwert. In meiner Gastfamilie haben wir dann mit Händen und Füßen kommuniziert.

Da ich in Ecuador nur mit spanischen Muttersprachlern zu tun hatte, lernte ich relativ schnell Spanisch zu sprechen. Nach zwei Monaten konnte ich mich schon recht gut unterhalten und die ersten Streitgespräche mit meiner Gastschwester führen.

Plötzlich in einer fremden Familie zu wohnen, stelle ich mir sehr schwierig vor. Wie war das für dich? Und inwiefern unterscheidet sich der Alltag einer ecuadorianischen Gastfamilie von dem einer deutschen?

Am Anfang war es sehr ungewohnt und merkwürdig in einer fremden Familie zu wohnen. Da ich die spanische Sprache noch nicht beherrschte, konnte man sich nur schlecht verständigen. Mit der Zeit wurde es aber besser, so dass ich ein fester Bestandteil dieser Familie wurde. Meine Gastgeschwister behandelten mich wie eine richtige Schwester. Und auch meine Gasteltern machten nur wenige Unterschiede zwischen mir und ihren richtigen Kindern. Ich musste mich an die gleichen Regeln halten.

Die Tagesabläufe in Ecuador unterscheiden sich kaum von unseren in Deutschland. Die Kinder gehen vormittags in die Schule und die Eltern arbeiten. Aber das Leben an sich ist hier ganz anders: Die Menschen in Ecuador haben sehr wenig Geld. Meine Gastfamilie war zwar nicht arm, aber viel Geld hatten sie trotzdem nicht. Meine ecuadorianische Familie besitzt einen kleinen Laden, in dem man so ziemlich alles kaufen kann. Früher hat nur meine Gastmutter dort gearbeitet, aber seitdem mein Gastvater arbeitslos geworden ist, führen sie ihn zusammen.

Wie macht sich die Armut im Land noch bemerkbar?

Ein Schuljahr in Ecuador

Das lässt sich schwer beschreiben, weil es nicht überall gleich ist. Also in Riobamba gibt es viele arme Menschen. Hier arbeiten viele kleine Kinder (häufig Jungen) als Schuhputzer oder sie bieten sich sogar zur Prostitution an.
Dieses Bild findet man häufig in den ländlichen Gebieten. Die Kinder gehen dann nicht zur Schule, sondern versuchen so ihre Eltern finanziell zu unterstützen. Viele Ecuadorianer verlassen auch ihre Heimat, um Arbeit zu finden.

In der Andenregion gibt es sehr viele Indios, die wenig Geld haben. Aber Ecuador herrscht eigentlich so gut wie überall akute Armut. Und dadurch verschlimmert und vermehrt sich leider auch die Kriminalität.

Wo liegen die größten kulturellen Unterschiede zwischen Ecuador und Deutschland?

Wie in den meisten südamerikanischen Ländern, überwiegt in Ecuador der römisch-katholische Glauben. Auch meine Gastfamilie war sehr religiös, so dass wir oft in die Kirche gegangen sind. Außerdem hat die Familie in Ecuador (meiner Meinung nach) einen höheren Stellenwert als in Deutschland.

Jedes Land hat seine ganz eigene Küche. Welche Eigenheiten besitzt denn die ecuadorianische Küche?

Meine ersten Erfahrungen mit der ecuadorianischen Küche waren weniger erfreulich. Da die Ecuadorianer (und speziell meine Gastmutter) immer mit sehr viel Öl und Fett kochen, hatte mein Magen die ersten Monate Probleme, sich mit der Nahrung anzufreunden.

Ecuadorianisches Essen besteht hauptsächlich aus Suppen und Eintöpfen, Maispfannkuchen, Reis, Eiern und Gemüse. Besonders lecker sind Meeresfrüchte und in Zitronensaft marinierter roher Fisch – "ceviche" (diesen gibt es häufig in den Küstenregionen). Zu den typischen Spezialitäten zählen "caldo de patas" – eine Suppe, die aus Rinderfüßen zubereitet wird –, "cuy" (geröstetes Meerschweinchenfleisch) und "lechón" (Spanferkel). Mit dem Gedanken, ein Meerschweinchen zu essen, konnte ich mich während meines ganzen Ecuador-Aufenthaltes allerdings nicht anfreunden.

Du bist in Ecuador auf eine reine Mädchenschule gegangen. Was kannst du uns über das Schulsystem in Ecuador erzählen?

Ein Schuljahr in Ecuador

In der Mädchenschule wurden wir größtenteils von Nonnen unterrichtet. Für mich war die Geschlechtertrennung in der Schule sehr ungewohnt. In Riobamba, dem Ort in dem ich wohnte, gab es fast nur reine Jungen- oder Mädchenschulen. Nur sehr vereinzelt gab es gemischte Schulen. In größeren Städten, wie Quito oder Guayaquil, sieht das aber schon wieder ganz anders aus.

In Ecuador gehen alle Kinder für ein Jahr in den Kindergarten. Danach kommen die Kinder auf eine Primärschule, an der sie sechs Jahre unterrichtet werden. Und daran schließt sich dann das „colegio“ an. Das colegio wird in einen dreijährigen Grundkurs(1-3) und in einen dreijährigen weiterführenden Kurs(4-6) unterteilt. Hier kann man zwischen den Fächern oder Fächerkombinationen Physik – Mathematik, Chemie – Biologie sund Soziales –Bildung wählen. Aber es können auch Abschlüsse in Landwirtschaft, Industrie, Handel und Verwaltung erworben werden. Der Abschluss ist der „bachiller“.

Aufgrund meiner fehlenden Sprachkenntnisse war ich zu Beginn in einer vierten Klasse. Meine Fachrichtung war Physik-Mathematik, da meine Gastschwester auch in dieser Klasse war.

Mit sechzehn Jahren warst du ja wirklich noch ziemlich jung. Wie bist du mit Heimweh umgegangen und wie hast du mit deiner Familie in Deutschland kommuniziert?

Mit Sechzehn war ich sicherlich noch sehr jung, aber es war ja meine Entscheidung. Niemand hat mich dazu gezwungen, an diesem Schüleraustausch teilzunehmen.
Natürlich hatte ich auch Heimweh. Gerade am Anfang war es für mich sehr schwierig. Doch je länger man dort ist, Freunde gefunden und sich eingelebt hat, umso mehr wird man vom Heimweh abgelenkt.

Ich habe mit meiner Familie und Freunden in Deutschland häufig Emails geschrieben und manchmal aus Internetcafés telefoniert. Da hatte man aber meistens eine schlechte Verbindung und es war relativ teuer. Ich persönlich habe Emails ohnehin als angenehmer empfunden, da mich ein Telefonat nach Deutschland gefühlsmäßig immer sehr aufgewühlt hat.

Wie hast du denn deine Freizeit neben dem Schulunterricht gestaltet?

In erster Linie habe ich viel Zeit mit meiner Gastfamilie verbracht, mehr noch mit meiner Gastschwester. Häufig habe ich auch im Laden mitgeholfen. Natürlich habe ich mich auch oft mit ein paar ecuadorianischen Freundinnen und einer Freundin aus der Schweiz getroffen. In den Ferien und am Wochenende bin ich auch viel umher gereist – entweder mit meiner Gastfamilie oder aber mit anderen AFS-Teilnehmern.

Worauf hast du dich am meisten gefreut, als es wieder zurück nach Deutschland ging?

Galapagos-Inseln

Da ich aus persönlichen Gründen frühzeitig aus Ecuador abgereist bin, hatte ich solche Gedanken gar nicht. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was ich am meisten vermisst habe, war das vor allem Schokolade und Duschen.

Dein Aufenthalt liegt ja nun schon ein paar Jahre zurück. Wie sieht es heute mit deinen Spanischkenntnissen aus?

Da ich meine mündliche Abitur-Prüfung in Spanisch gemacht habe und nun auch im Nebenfach Spanisch studiere, denke ich, dass diese noch immer sehr gut sind. Im September werde ich für ein Semester nach Spanien gehen, so dass ich es eigentlich gar nicht verlernen kann.

Warst du seit deinem Schüleraustausch noch einmal in Ecuador?

Nach dem Abitur, im Sommer 2004, bin ich mit der Freundin aus der Schweiz noch einmal für zwei Monate da gewesen. Und irgendwann werde ich sicherlich auch noch einmal meine Gastfamilie in Ecuador besuchen.

Welche wertvollen Tipps kannst du Schülern und Studenten geben, die in Zukunft nach Ecuador reisen wollen?

Spezielle Tipps habe ich eigentlich nicht. Allerdings würde ich jedem, der einen Aufenthalt in Ecuador plant, raten, schon vorab Spanisch zu lernen. Gerade in den ländlichen Gegenden Ecuadors sprechen die Einheimischen kaum Englisch.

Ecuador ist schon allein wegen der vier verschiedenen Klimazonen ein sehr empfehlenswertes Reiseziel. Vor allem die Galapagos-Inseln sind einen Besuch wert.

Danke für das interessante Gespräch und die vielen Informationen.

Von Julia von der Heyden

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